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Studio 9 | Beitrag vom 14.09.2019

Lagerfeld-Fotoausstellung in WedelEin Spiegel der Modewelt

Von Johannes Kulms

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Jürgen Doppelstein, Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg, steht bei einem Pressetermin neben einer Neoninstallation die Karl Lagerfeld zeigt in der Ausstellung "Karl Lagerfeld - Visions" im Ernst Barlach Museum in Wedel. (Christian Charisius/dpa)
Ein Meister der Inszenierung: Der Direktor Jürgen Doppelstein zeigt Fotos von Karl Lagerfeld im Ernst-Barlach-Museum in Wedel. (Christian Charisius/dpa)

Sieben Monate nach Karl Lagerfelds Tod eröffnet im Ernst-Barlach-Museum eine Fotoausstellung mit dessen Bildern. Sie zeigt, dass der berühmte Modeschöpfer auch auf dem Gebiet der Fotografie ein Meister der Inszenierung war.

Gleich im Eingangsbereich geht es los mit dem Kult um Karl Lagerfeld: Es erwartet einen das lebensgroße Foto des Modemachers mit den Händen an der Gürtelschnalle. Dann folgt eine Wand mit 117 Porträts. Auf denen ist ausschließlich einer zu sehen: Karl Lagerfeld.

"Diese Selbstporträts sind alle nicht nur von ihm durch Fernauslöser oder welche technischen Mittel auch immer gemacht worden", sagt Jürgen Doppelstein, Direktor des Ernst-Barlach-Museums und Initator dieser ersten Ausstellung nach dem Tod des Modemachers. Lagerfeld habe auch die ganze Inszenierung gestaltet, das Setting und die Kleidung. "Er wollte die Kontrolle über die Bilder, die in der Welt von ihm zirkulieren." 

Lagerfeld als Fotograf

Lagerfeld war genervt davon, ständig auf der Straße erkannt und fotografiert zu werden, wie er vor einigen Jahren in einer Dokumentation des Südwestrundfunks und der Deutschen Welle erzählte. Gleichzeitig war ihm klar: Erfolg ist ohne Rampenlicht nicht zu haben. Lagerfeld sagte: "Bon, aber man kann, wie man hier so sehr elegant sagt, nicht die Butter und das Geld von der Butter haben."

Und so entscheidet sich auch diese Ausstellung für die Butter. Also für eine Seite der schillernden Figur. Nicht für Lagerfeld als Fotoobjekt, sondern als Fotosubjekt. Als Fotograf. Dazu Doppelstein: "Wir wollen dem Besucher die Möglichkeit geben, in dieser Ausstellung seinen eigenen Bilder, seine Inbilder von Karl Lagerfeld nochmal zu überprüfen." 

Bilder wie gemalt

Lagerfeld sagte über sich selbst: "Ich bin überhaupt kein Künstler. Ich mache Dinge, die mir gefallen und damit hat sich das. Ob die anderen gefallen oder nicht gefallen." Das war ihm egal, wie seine Hommage an Edward Hopper zeigt. Wie gemalt sehen die Fotos aus. Auf fast allen sind eine junge Frau und ein junger Mann zu sehen, verloren und einsam in der Großstadt, wie bei Hopper. Spielerischer wirken dagegen die Bilder, mit denen der Fotograf Karl Lagerfeld seine Verehrung des Malers Lyonel Feinigers zeigt.

Die meisten der insgesamt 150 ausgestellten Werke sind im Besitz des Göttinger Verlegers Gerhard Steidl. Er arbeitete seit Beginn der 1990er-Jahre eng mit Lagerfeld zusammen und bekam damit auch einen Einblick in dessen Alltag. Als Zeichner, Autor, Modeschöpfer, Fotograf oder Designer. "Er designt ein Auto, er designet einen Hubschrauber, er designt einen Konzertflügel und das alles mischt sich bei ihm permanent ab und er zieht keine Grenze", erinnert sich Steidl. 

Gesichter der Models

Der Verleger hat die Ausstellung zusammen mit Eric Pfrunder kuratiert, dem Art-Director der Modemarke Chanel. Es war Pfrunder, der in den 1980er-Jahren Lagerfeld dazu motivierte, selbst zur Kamera zu greifen. Denn der Modemacher soll bis dahin oftmals unzufrieden gewesen sein mit den Fotos seiner Kollektionen.

So wurde er zunehmend auch als Fotograf wahrgenommen, wie eine Reihe von Ausstellungen auf der ganzen Welt zeigte. Lagerfeld nahm es gelassen: "Heute diese Obsession in der Kunstwelt, da bin ich sehr dagegen. Ich will durchaus nicht ernst genommen werden. Ich will vor allem nicht den Ausdruck geben, dass ich ein seriöser Mensch bin. Man kann durchaus seriös sein. Aber das braucht man ja nicht zu sehen."

In der Ausstellung in Wedel sind es die Gesichter der Models die auf fast allen Fotografien zu sehen sind. Allen voran Baptiste Giabiconi, der im oberen Geschoss in gleich mehreren Fotozyklen und einem Video auftaucht. Neben den Männerakten, auf denen Giabiconi vor den antiken Ruinen der Villa Adriana posiert auch im "Bildnis des Dorian Gray". Mit diesem Projekt knüpft Lagerfeld an den gleichnamigen Roman von Oscar Wilde an. Dorian Gray ist wohlhabend und sieht gut aus. Er altert nicht, sondern ein Porträt von ihm. Auf Lagerfelds Fotos treiben die omnipräsenten jungen Leuten die Hauptfigur zunehmend in die Verzweiflung. 

Brillanter Umgang mit Kamera und Licht

Doppelstein dazu: "Wenn man das jetzt zurück bezieht auf ein Leben in Jugend, Mode und Schönheit, wie es ja die Modewelt impliziert, dann merkt man, wie er praktisch der Modewelt noch mal einen eigenen Spiegel vorhält und sagt: Also, diese Welt der nicht alternden Modelle; wenn sie denn altern, dann gehören sie auch eigentlich nicht mehr vor die Kamera, das ist eine zutiefst zu kritisierende Haltung in der Modewelt!" 

Im Treppenhaus des Museum steigt der Besucher 36 Schwarz-Weiß-Fotos entgegen. Sie zeigen berühmte weibliche und männliche Models, die Lagerfeld in die Rolle von griechischen Göttinnen und Göttern schlüpfen lässt.

Es sind Aufnahmen für den Pirelli-Kalender 2011. Und sie belegen: Karl Lagerfeld war auch auf dem Feld der Fotografie ein Künstler. Er war brillant im Umgang mit der Kamera und dem Licht. Aber vor allem ein Meister der Inszenierung.

Die Ausstellung "Karl Lagerfeld Visions" im Ernst Barlach Museum in Wedel ist bis zum 24. Februar 2020 zu sehen.

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