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Länderreport | Beitrag vom 09.09.2019

Lärmschutz für Anwohner in HamburgWie ein Deckel die Autobahn leise macht

Von Axel Schröder

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Ein Blick auf den Lärmschutzdeckel über der Autobahn A7 bei Schnelsen. (dpa/ Daniel Bockwoldt)
Deckel drauf auf die A7 in Hamburg: Neben der bestehenden Strecke liegt nun der Lärmschutzdeckel gleich nebenan. (dpa/ Daniel Bockwoldt)

Die Anwohner der A7 in Hamburg freuen sich, dass die Autobahn auf vier Spuren ausgebaut wird. Mehr Krach haben sie nicht zu befürchten – denn die Straße bekommt einen Lärmschutzdeckel. Der soll auch stadtplanerische Wunden der Vergangenheit heilen.

Ein lautes Rauschen: So hört sich die A7 an. Bei Hamburg, Höhe Eidelstedt. 125.000 Autos und LKW sind auf der Nord-Südachse täglich unterwegs. Und so klingt die gleichen Autobahn in Schnelsen: Die einzigen Fahrzeuge, die hier Lärm machen, sind die kleinen Bagger auf dem neuen, ein Meter dicken Betondeckel über der Autobahn.

"Der Baustellen-Lärm, den kann man vergessen und vernachlässigen. Die sind ja sowieso bald fertig. Was wir hier festgestellt haben, ist, dass man eigentlich das Gras wachsen hört."

Petra Held wohnt seit 30 Jahren an der A7. In einem kleinen Giebelhaus mit Vorgarten und Garage. Keine zehn Meter entfernt standen einst Schallschutzwände, dahinter fiel der Hang steil ab, unten donnerte der Verkehr vorbei.

"Wie war das, als es den Deckel noch nicht gab? Hatte man sich irgendwann dran gewöhnt?"

"Ja, man hat sich dran gewöhnt! Ich wohne ja nun schon seit über 30 Jahren hier. Man hat sich dran gewöhnt. Zu Anfang hat man seine Späße gemacht und gesagt: ‚Hörst Du die Autobahn?‘ – ‚Nein! Nein! Nein!‘ – Aber man hat sie gehört! Dieses ständige Rauschen… Man hat auch, wenn auf der Autobahn ein Stau war – man hat es gehört. Man hat es wahrgenommen und gesagt: ‚Es steht wieder. Brauchst gar nicht loszufahren‘, wenn man irgendwo hinwollte. Und jetzt ist es ruhig."

Ab Anfang Dezember* sollen beide Tunnelröhren, die in Nord- und die Südrichtung, freigegeben werden. Noch rauscht der dichte Verkehr nur durch die östliche Röhre. Das Gegenstück ist noch gesperrt. Nur ein paar Baustellenfahrzeuge sind im leeren Tunnel unterwegs.

"Wir sind südlich des Tunnels Schnelsen unterwegs. Hier sieht es schon ganz wunderbar aus. Hier fehlt noch ein bisschen Markierung. Aber es ist so, dass wir vom Bauabschnitt her im Probebetrieb sind."

Hightech-Tunnel mit hohen Sicherheitsstandards

Florian Zettel arbeitet für die "Via Solutions Nord". Die Firma aus dem kleinen Nützen in Schleswig-Holstein organisiert für die Unternehmen Hochtief, DIF und Kemna Bau das Projekt "A7-Deckel". "Via Solution Nord" ist zuständig für den Bau und Betrieb, die Erhaltung und Finanzierung des Projekts. Florian Zettel steuert seinen Wagen durch den südlichen Tunneleingang. Grellgelbe Lichter sorgen für gute Sicht. Unter der Decke hängen die schweren, runden Hochleistungssauger, die bei einem Brand die Rauchgase aus dem Tunnel drücken sollen. Die Sicherheitsvorschriften seien hoch, sagt Zettel.

"Wir haben hier 62 Bewegungsmelder in Form von Kameras. Und wenn die einen Rauch oder sowas detektieren, dann muss innerhalb von 15 Sekunden ein Mechanismus losgehen. Und genau sowas wird in den nächsten Wochen getestet. Bis wir dann Ende Oktober diese Oströhre in Betrieb nehmen."

In gelbes Licht getaucht wirkt der neue  Streckenabschnitt unter dem Autobahndeckel wie ein Blick durch einen normalen Tunnel. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)Der Blick nach Süden über die neue Strecke und unter dem neuen Lärmschutzdeckel (Deutschlandradio/ Axel Schröder)

Und erst dann stehen dem Verkehr nicht mehr nur sechs, sondern insgesamt acht Spuren zur Verfügung. 560 Meter* lang ist der Tunnel, hier und da werkeln Arbeiter an den Sensoren, prüfen die Sicherheitssysteme. Im April wurde schon der noch längere Tunnel in Hamburg-Stellingen für den Verkehr geöffnet. Und in den 20er-Jahren soll ein dritter Abschnitt gebaut werden. Zwei Kilometer lang, in Hamburg-Altona. Als die Idee der Tunnelbauten vor fast 20 Jahren entstand, ging es den Planern vor allem darum, die A7 zu verbreitern. Der wachsende Verkehr sollte fließen, möglichst ohne Staus.

Die Lösung war der Deckel

Das Problem: Mehr Verkehr führt auch zu mehr Lärm. Und nach den Berechnungen der Planer war klar: Das Dröhnen einer achtspurigen A7 wird die Grenzwerte der Bundesimmissionsschutzverordnung deutlich überschreiten. Die Lösung war der Deckel. 500 Millionen Euro sind dafür von der "Via Solutions Nord" bisher schon ausgegeben worden. Und auch für den Erhalt und die Wartungsarbeiten von insgesamt 65 Autobahnkilometern kommt die Firma 30 Jahre lang auf. Im Gegenzug erhält sie dafür 1,6 Milliarden Euro. Allerdings nur, wenn der Verkehr auch wirklich fließen kann, erklärt Florian Zettel:

"Bei uns ist es so: Wir kriegen Geld für die Verfügbarkeit. Das ist ein 'Verfügbarkeitsmodell'. Das heißt, wenn die Autobahn komplett uneingeschränkt befahrbar ist, würden wir komplett das gesamte Geld bekommen. Wenn wir jetzt aber sagen: Oh, wir müssen in Schleswig-Holstein oder hier in Hamburg irgendeine Spur sperren, weil der Asphalt komplett kaputt ist und in Schleswig-Holstein der Beton, und wir lassen das ein paar Wochen oder Monate oder auch nur einen Tag gesperrt, dann würden wir Abzüge in der Bezahlung bekommen. Das heißt, wir haben ein sehr großes Interesse daran, dass die Nachunternehmer in einer sehr hohen Qualität bauen. Denn wenn die nicht in einer hohen Qualität bauen, dann haben wir das Problem, dass wir in zwei Jahren irgendwas sanieren müssen und wir natürlich Abzüge in der Bezahlung bekommen."

Florian Zettel steigt in seinen Wagen, fährt wieder raus aus dem Tunnel, vorbei an den wuchtigen Maschinen, die noch die letzten Quadratmeter der Fahrbahn in Richtung Norden schließen. Zettel umkurvt die Baumaschinen, lenkt den Wagen über eine der noch rot-weiß gesperrten Abfahrten. Die meisten Anwohner sind trotz des Baulärms begeistert vom Deckel-Projekt, erzählt er am Steuer. Aber es gibt auch Kritik:

"Zum Beispiel fällt mir eine Anwohnerin ein, die in Schleswig-Holstein, relativ weit weg von der Autobahn gewohnt hat, die grundsätzlich nicht wollte, dass die Autobahn ausgebaut wird. Sie hat sich beschwert, dass ein Logistikzentrum eines großen Supermarkts bei ihr in der Nähe gebaut wird. Die hat so grundsätzlich Vorbehalte. Da kann man wenig machen."

Kleingarten-Idyll über dem Autobahndeckel

Zettel biegt ein auf einen kleinen improvisierten Parkplatz direkt neben der Decke der Tunnelanlage. Mit einem großen Schritt steigt er nach oben. Zeigt die hellgraue Betonwüste. Aber schon bald soll es hier ganz anders aussehen:

"Hier kommen zwei Sorten Erde drauf. Wir müssen als Bauleistung den Unterboden hier abliefern, 90 Zentimeter. Und erst wenn der von uns aufgebracht ist, dann kann das Bezirksamt Eimsbüttel im Grunde genommen den Oberboden andicken und dann können da später die Kleingärten drauf entstehen."

Die Bauarbeiten laufen auch bei grauen Wolken und regnerischem Wetter auf Hochtouren. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)Hier könnte einmal eine Schrebergartensiedlung entstehen: Auf dem Lärmdeckel auf der A7 in Hamburg. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)

Die Kleingarten-Idee für den Schnelsener Deckel entstand im Hamburger Rathaus. Weil die Stadt mit rund 200 Millionen Euro am Deckelprojekt beteiligt ist, suchte der Senat nach einer Gegenfinanzierung - und fand sie in einem Deal, der zwar auf wenig Gegenliebe stieß, aber Schritt für Schritt durchgezogen wird: Die Parzellen einer alten Schrebergartenkolonie in Altona werden geräumt und als Bauland verkauft. Dafür bekommt ein Teil der Gartenfreunde eine Ausgleichsfläche auf dem Autobahndeckel. Große, tiefwurzelende Bäume und Pflanzen können dort zwar nicht wachsen. Büsche und Möhren, Stauden und Kartoffeln aber schon. Das Gewicht einer ganzen Schrebergartensiedlung könne der Deckel auf jeden Fall tragen, versichert Florian Zettel.

"Die Betondecke ist circa einen Meter dick. Da gibt es überhaupt keine Probleme. Was man nicht machen sollte, wäre, später mal einen Mammutbaum hinstellen, der dann 200 Meter hoch wird. Und was natürlich auch nicht vorgesehen ist, dass man hier richtige Häuser drauf baut. Einfamilienhäuser oder Mehrfamilienhäuser sind hier nicht vorgesehen, und das würde die Decke auch nicht aushalten. Aber der Beton sorgt dafür, dass hier Kleingärten und so was alles entstehen können, ohne dass es Probleme geben würde."

Ein Mann steht mit Warnweste vor seinem Auto im noch unbefahrenem Abschnitt mit Autobahndeckel. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)Florian Zettel arbeitet für die Firma, die den Bau des Projekts "A7-Deckel" organisiert. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)

Die Hamburger Stadtplaner sehen in den drei Autobahn-Deckeln in Schnelsen, Stellingen und Altona vor allem die Chance, die Wunden der Vergangenheit zu schließen. Endlich sei eine Stadtreparatur möglich, die die in den 60er- und 70er-Jahren zerrissenen Viertel wieder zusammenwachsen lassen könne.

Ohne Autobahnlärm keine Party mehr

Die Menschen an der heute so stillen Autobahntrasse genießen jedenfalls die Ruhe vor der Haustür und im Garten. Gabi Martens ist eine von ihnen, sitzt bei einem Kaffee im hellen Wintergarten. Als der Deckel geschlossen wurde, war sie im Urlaub an der Ostsee:

"Ich bin zurückgekommen und ich war erschüttert über die Stille. Es war auf einmal so anders. Es war so herrlich. Großartig für alle Anwohner - und ja: ich freue mich sehr!"

Drei Häuser weiter freuen sich auch Angelika und Walter Chiappa über die neue Lebensqualität. Auch wenn der Lärm von damals ab und zu seine guten Seiten hatte:

"Zum Beispiel unser Enkel: wir haben oben noch eine Einliegerwohnung und der hat ab und zu mal oben gefeiert. 17, 18, mit ein paar Leuten. War immer alles toll. Aber jetzt geht's nicht mehr. Jetzt ist das zu laut, da beschweren sich die Nachbarn."

"Es hat nicht nur gute Seiten…"

"Nein. - Wir sind zufrieden. Es hat gute Seiten. Man kann draußen mal ein Schläfchen halten. Es ist schon toll!"

(abr)

*Wir haben eine Zeit- und eine Maßangabe korrigiert.

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