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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 03.09.2016

Länger leben – anders arbeiten?"Wir lassen uns im Job nicht versklaven"

Gäste: Alternsforscher Andreas Kruse und Autorin Kerstin Bund

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Ein Senior sitzt im Büro an einem Empfang und telefoniert. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)
Ein Senior sitzt in einem Büro am Empfang. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)

Wer länger lebt, soll auch länger arbeiten. So eine gängige Forderung. Der Alternsforscher Andreas Kruse entgegnet: Ältere Menschen sollten mitentscheiden, wie lange sie berufstätig sind. Und die Autorin Kerstin Bund meint, Arbeit müsste generell der Lebensphase angepasst werden.

Wir werden immer älter: Bereits heute sind 30 Prozent aller Bundesbürger über 60 Jahre, 4,5 Millionen sind älter als 85 Jahre – Tendenz steigend. Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten, so lautet eine Konsequenz aus dieser demographischen Entwicklung. Derzeit gehen Arbeitende noch mit 65 Jahren in Rente, ab 2029 wird das Rentenalter bei 67 Jahren liegen. Längst schwirren auch Altersgrenzen von 69 oder gar 70 Jahren durch die Diskussion.

"Alle Altersgrenzen gehören auf den Prüfstand"

Wenn wir denn länger leben – und damit auch länger arbeiten –, sollten wir dann nicht auch unsere Arbeitsbiographien anders gestalten?

"Alle Altersgrenzen gehören auf den Prüfstand", sagt der Alternsforscher Prof. Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

"Ältere Menschen sollten mitentscheiden können, wie lange sie berufstätig sein wollen, welches jährliche Arbeitsvolumen sie verwirklichen wollen, wie sie ihre Zeit 'mischen' wollen – mit beruflichem, mit zivilgesellschaftlichem, mit familiärem Engagement, mit Bildung, mit Freizeit."

Der Psychologe engagiert sich in zahlreichen politischen Gremien und setzt sich dafür ein, dass Alt und Junge einander entlasten und voneinander profitieren – in der Familie, wie am Arbeitsplatz. Seine Erfahrung:

"Alle Generationen sind Lernende und Lehrende. Das muss man wissen, wenn man über Generationentandems in der Arbeitswelt und in der Zivilgesellschaft spricht. Dann sagen uns auch Junge: Wir lernen von den Alten, vor allem dann, wenn sie unsere Innovationsbereitschaft akzeptieren und fördern. Alte nehmen sich als kreativ wahr, wenn sie mit ihrem Wissen die Innovationsbereitschaft und -fähigkeit junger Menschen unterstützen, fördern, anregen."

"Wir lassen uns im Job nicht versklaven"

"Wir fordern eine neue Berufswelt", sagt Kerstin Bund, Autorin des Buchs "Glück schlägt Geld". Darin beschreibt die Journalistin das Lebensgefühl ihrer "Generation Y", also der zwischen 1980 und 1995 Geborenen.

"Wir sind nicht faul. Wir wollen arbeiten. Nur anders. Mehr im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Wir lassen uns im Job nicht versklaven, doch wenn wir von einer Sache überzeugt sind, geben wir alles. Wir suchen Sinn, Selbstverwirklichung und fordern Zeit für Familie und Freunde."

Kerstin Bund, selbst Mutter eines einjährigen Sohnes, kennt das Hamsterrad, in das viele junge Eltern geraten, wenn beide Beruf und Familie vereinbaren wollen. 

"Ich glaube, dass man viel mehr Freiräume bieten sollte, bei der Frage, wie wir arbeiten möchten. Dass man sehr viel stärker auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen sollte: Habe ich das Bedürfnis, mehr Zeit für die Familie zu haben? Ältere müssen sich vielleicht um ihre kranke Mutter oder Vater kümmern – je nach Lebensphase müsste man die Arbeitszeit stärker anpassen."

Länger leben – anders arbeiten? Darüber diskutiert Matthias Hanselmann am Samstag, den 3. September 2016 von 9:05 Uhr bis 11:00 Uhr mit Kerstin Bund und Andreas Kruse. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254  2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Kerstin Bund: Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen
Murmann Verlag, Hamburg 2014
200 Seiten, 18 Euro

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