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Kompressor | Beitrag vom 07.10.2019

Lady Bitch Ray: "Yalla, Feminismus"Das Schlechteste aus zwei Welten

Azadê Peşmen im Gespräch mit Gesa Ufer

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Portrait von Reyhan Sahin. (picture alliance/dpa/Jörg Carstensen)
Sexismus gibt es nicht nur im Hip-Hop, sondern auch in der Wissenschaft, sagt Reyhan Şahin. (picture alliance/dpa/Jörg Carstensen)

Die Rapperin und promovierte Linguistin Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray schreibt in ihrem neuen Buch über Diskriminierung im Hip-Hop und in der Wissenschaft – und verbindet persönliche Erfahrungen mit knallharter feministischer Theorie.

Harter Rap und Feminismus müssen keine Gegensätze sein. Das beweist Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray schon seit vielen Jahren. Ihre ersten Songs verbreitete die Rapperin noch über das soziale Netzwerk Myspace. Heute ist die Künstlerin berühmt und berüchtigt für ihre expliziten Texte ­– und ihren feministischen Aktivismus, mit dem sie sich für, wie sie sagt, mehr "vaginale Selbstbestimmung" einsetzt. Erste Aufmerksamkeit als Theoretikerin erlangte die Rapperin, die auch promovierte Linguistin ist, mit ihrem Buch "Bitchism – Emanzipation. Integration. Masturbation." Nun legt Şahin nach mit ihrem zweiten Buch "Yalla, Feminismus". Darin prangert sie Sexismus und Rassismus im Hip-Hop und in der Wissenschaft an.  

Şahin erzählt in "Yalla, Feminismus" von diskriminierenden Erfahrungen als Rapperin und Wissenschaftlerin. Der Leser erfährt unter anderem, dass Şahin ihre Karriere als Journalistin bei Radio Bremen begann – ein Job, den sie verlor, als sie mit ihrer Kunstfigur Lady Bitch Ray erste Erfolge feierte. Das Image der Rapperin passte offensichtlich nicht zum Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Radiosenders, der ihr vorwarf, pornographische Texte zu schreiben.

Persönliche Erfahrung trifft Diskurs-Analyse

Als Rapperin erlebt Şahin den Sexismus im männerdominierten Hip-Hop aus nächster Nähe. Sie berichtet von Bedrohungen, von K.O.-Tropfen und einer Situation, in der sie nur knapp einem Übergriff entging. Inzwischen gebe es zwar immer mehr Rapperinnen, so Şahin. Meistens würden diese jedoch von einem Mann gemanaged und seien deshalb weiter manipulierbar.

Heute tritt Şahin als Perfomance-Künstlerin auf, während sie an der Universität Hamburg lehrt und an ihrer Habilitation arbeitet. Doch auch in der Wissenschaft stoße sie aufgrund ihrer Kunst immer wieder auf Widerstand. Jobs würden ihr verwehrt, Forschungsanträge nicht bewilligt.

Es ist die Verbindung dieser persönlichen Diskriminierungserfahrungen in der Welt des Hip-Hop und der Wissenschaft (der "Fuckademia", so Şahin) mit anspruchsvollen Kapiteln über feministische Theorien, die dieses Buch so lesenwert macht, sagt die Kritikerin Azadê Peşmen.

"Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Menschen, die einen arabischen, kurdischen, türkischen usw. Background haben, sich speziell damit identifizieren können, weil Şahin Themen anschneidet, die diese Menschen betreffen. Nämlich beispielsweise die Überschneidung von Rassismus und Sexismus."

"Kopftuch und Feminismus sind kein Widerspruch"

Diese "Intersektionalität", also die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Diskriminierungsformen, sei etwas, was in vielen feministischen Diskursen oft keine Beachtung finde, so Peşmen. Şahin erkläre den Begriff, seine Rezeption in Deutschland und liefere zugleich eine gute Zusammenfassung.

Andere Kapitel, wie etwa das über die Verbindung von Kopftüchern und Feminismus, seien zwar etwas theorielastig und akademisch geschrieben. Dabei bleibe Şahin jedoch stets differenziert und kritisch: Auch wenn Kopftuch und Feminismus für Şahin kein Widerspruch seien, kritisiere sie die Verbindungen mancher Moscheen zur türkischen Organisation DITIB oder der Muslimbruderschaft scharf.

Das Buch schlägt einen enormen Bogen von Sexismus im Hip-Hop zu Rassismus in der Wissenschaft. Şahin benenne dabei nicht nur Missstände, sie erkläre auch, an welchen Strukturen das liege, sagt Peşmen. "Yalla, Feminismus" eigne sich somit für Leser, die sich mit diesen Themen noch nicht auseinandergesetzt haben. Aber auch an Feminismus bereits interessierten Lesern dürften die persönlichen Anekdoten und präzisen Analysen neue Erkenntnisse liefern.

Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray: "Yalla, Feminismus!"
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
316 Seiten, 20 Euro

(rod)

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