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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2011

Laborversuche à la Marquis de Sade

Clemens J. Setz: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 351 Seiten

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Österreichisches Idyll - bei Clemens J. Setz sucht man es vergeblich. (Ötztaltourismus)
Österreichisches Idyll - bei Clemens J. Setz sucht man es vergeblich. (Ötztaltourismus)

Der österreichische Autor Clemens J. Setz ist bekannt dafür, dass er seine Figuren in Chaos und Anarchie stürzt und mit kalter Neugier ihre Reaktionen betrachtet. So auch in seinem ersten Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes".

In seinem Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" entfaltet Clemens J. Setz das ganze Panorama seiner Stärken – und seiner Schwächen. Seine Originalität, seine Phantasie und sein Einfallsreichtum können auch aus minimalen Schreibideen Funken schlagen und muntere Erzählfeuerchen daraus anblasen. Seine Verspieltheit bleibt allerdings nie harmlos: Setz spielt immer mit dem Feuer – wenn er beispielsweise Grimms Märchen paraphrasiert und aus dem treuherzigen «Es war einmal»-Tonfall unversehens ins Beiläufig-Grausame schwenkt und das Abgründige dieses Märchens zum Vorschein bringt, wie in der Erzählung «Das Gespräch der Eltern in Hänsel und Gretel».

Die Welt ist bei Clemens Setz ein gefährlicher Ort, voll böser Zufälle und tückischer Geschehnisse. Jederzeit können Chaos und Anarchie losbrechen. Die Einfälle dieses Autors haben zudem einen Hang, sich zur Groteske oder zum Unheimlichen auszuwachsen. Ohne Erklärung kippt bei ihm die Alltagswelt plötzlich ins Dämonische. So in der Erzählung «Die Visitenkarten»: Eine Marketingfrau zieht ihre Visitenkarten aus ihrer teuren Chanel-Handtasche und muss feststellen, dass sie von schwärzlichen Geschwüren befallen sind. Diese Beulenpest der Dinge weitet sich erst auf ihre Kreditkarten und Geldscheine aus und schließlich auf alles, was die Frau berührt. Die Frau erweist sich als ein umgekehrter König Midas. Dass Setz es bei einem solchen Einfall belassen muss, dass er daraus nichts weiter folgen lassen kann, sondern die Geschichte achselzuckend verläppern lässt, ist eine der Schwächen dieses Autors.

Die Menschen in Setz’ Geschichten sind ein ungemütlicher Haufen – unter einem dünnen zivilisatorischen Firnis sind sie bösartig, grausam, gierig, gewalttätig, mitleidlos und stets zu mörderischen Experimenten aufgelegt, etwa wenn ein psychopathischer Junge einen Mitschüler lustvoll quält («Milchglas»). Setz liebt seine Figuren nicht – er beobachtet sie mit kalter Neugier, während er sie aufeinander loslässt, meist mit katastrophalen Folgen. Psychologische Begründungen liefert er nicht.

Gerne hetzt er seine Figuren in sado-masochistische sexuelle Exzesse, die explizit beschrieben werden. Dass bei Setz solche Laborversuche à la Marquis de Sade von ältlichen Lehrer-Ehepaaren in steirischen Reihenhaussiedlungen angestellt werden, zieht die Lust dieses Autors an perversen Phantasien allerdings gelegentlich ins unfreiwillig Komische. Clemens J. Setz: nach dem Tod von Wolfgang Bauer und Werner Schwab der neueste Berserker aus dem steirischen Originalgenie-Winkel, wenn auch eher aus der adretten Grazer Vorstadt.

Besprochen von Sigrid Löffler

Clemens J. Setz: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes. Erzählungen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
351 Seiten, 19,90 Euro

Links bei dradio.de:
Vom Chaos familiären Lebens <br> Clemens J. Setz: "Die Frequenzen", Residenz Verlag
Mathematiker, Musiker und Literat

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