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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.11.2019

KZ-Gedenkstätte Mittelbau-DoraDie umstrittene Führungskultur von Direktor Knigge

Von Henry Bernhard

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Stefan Hördler und Volkhard Knigge (Candy Welz/dpa )
Stefan Hördler (l), bisheriger Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, wurde zu Unrecht von Volkhard Knigge (r), dem Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, entlassen. (Candy Welz/dpa )

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Stefan Hördler, wurde zu Unrecht entlassen, urteilte das Arbeitsgericht Erfurt. Nun rücken Volkhard Knigge, der Leiter der Buchenwald-Stiftung, und der Kulturminister des Landes Thüringen in den Fokus.

Dem Urteil mangelt es nicht an Klarheit: Die fristlose Kündigung des ehemaligen Leiters der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Stefan Hördler, durch die Buchenwald-Stiftung ist ungültig. Das hat das Arbeitsgericht Erfurt heute entschieden. Die ersatzweise ordentliche Kündigung ist ebenso ungültig, da keinerlei vertragswidriges Verhalten des Entlassenen vorgelegen habe. Ebenso erging es zwei Abmahnungen gegen Hördler, die das Gericht schon im September als unbegründet zurückgewiesen hatte.

Damit verdichtet sich der Verdacht, dass der Stiftungsdirektor Volkhard Knigge seinen Mitarbeiter Hördler loswerden wollte. Das heutige Urteil wollen jedoch weder die Buchenwald-Stiftung noch der Stiftungsrat noch der unrechtmäßig entlassene Stefan Hördler kommentieren. Hördler hatte im Laufe des Verfahrens bereits auf eine eventuelle Wiedereinstellung verzichtet, da er das Vertrauensverhältnis – ebenso wie die Stiftung – zerrüttet sieht.

Mitarbeiter fühlen sich gemobbt

Die objektiv unzulässige Kündigung Hördlers passt in ein Bild, das das Deutschlandradio von den Zuständen in der Buchenwald-Stiftung gezeichnet hatte: Mitarbeiter fühlen sich von der Stiftungsleitung gemobbt und "systematischen Schikanen" ausgesetzt. Volkhard Knigge wies die Vorwürfe als haltlos zurück. Eine Beobachterin des Arbeitsgerichtsprozesses, Sigrid Jacobeit, langjährige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück, sagte dazu:

"Ich kenne Herrn Knigge seit über 20 Jahren, wir waren ja wirklich Kollegen. Ich habe ihn auch sehr schätzen gelernt, ich habe seine Arbeiten, seine Veröffentlichungen auch in meinen Seminaren und Lehrveranstaltungen genutzt, habe das sehr geschätzt, was er gemacht hat. Und ich bin unglaublich betroffen über diese Veränderung des Verhaltens von Herrn Knigge."

Befremdlich wirkt in diesem Zusammenhang auch ein Rundschreiben Volkhard Knigges an seine Mitarbeiter, das er drei Tage nach dem Arbeitsgerichtsverfahren verfasst hat – als das Urteil zwar noch ausstand, aber schon absehbar war. Darin breitet Knigge in großer Ausführlichkeit die Vorwürfe gegen Hördler aus, die das Gericht in der Verhandlung schon zurückgewiesen hatte.

Ließ sich der Minister instrumentalisieren?

Falls keine der Parteien in die nächste Instanz gehen will, was heute noch nicht feststand, wäre das Juristische damit ausgestanden. Nicht aber die politischen Fragen in Erfurt und die der Zukunft der Buchenwald-Stiftung auf dem Ettersberg. In den Blick kommt nun auch wieder die Rolle des Stiftungsrats der Buchenwald-Stiftung, der die Kündigung Hördlers abgesegnet hat – ohne diesen auch nur anzuhören.

Im gerade scheidenden Landtag der letzten Legislaturperiode haben CDU und SPD Fragen gestellt, die nach wie vor nicht beantwortet sind. Sie betreffen zum einen die Führungskultur Volkhard Knigges in der Buchenwald-Stiftung. Zum anderen steht die Frage im Raum, ob der Stiftungsrat, allen voran dessen Vorsitzender, Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff von den Linken, sich von Knigge in dem Kündigungsverfahren hat instrumentalisieren lassen, ohne genauer hinzuschauen.

CDU und SPD drängen auf Aufklärung

Dabei gibt es Hinweise, dass gerade Hoff schon länger über die umstrittene Führungskultur in der Stiftung Bescheid wusste. CDU und SPD drängen weiterhin auf Aufklärung im Landtag, wie es Manfred Scherer, CDU, noch im scheidenden Landtag anmahnte:

"Wie Sie sehen, können wir in der Angelegenheit nicht zulassen, dass die Landesregierung ihre Hände in den Schoß legt und hofft, dieses Problem aussitzen zu können. Deutschlandweit und international schaut man auf Thüringen; und man erwartet einen transparenten und konstruktiven Umgang mit den aufgeworfenen Problemen, bei dem es längst nicht mehr nur um die Entlassung eines Gedenkstättenleiters geht. Es geht um das Ansehen Thüringens und es geht uns um die immerwährende Aufgabe der Erinnerung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur."

Fraglich ist zum anderen, wie stark die Gerichtsverfahren die Stiftung und deren Direktor Volkhard Knigge beschädigt haben könnten. Aus Kreisen des Stiftungsrates wird deshalb nun der Ruf nach einer Sondersitzung laut, um diesen Fragen im Lichte der eindeutigen Entscheidung des Arbeitsgerichts nachzugehen.

Wie schnell das angesichts der derzeitig schwierigen Koalitionsfindung im Erfurter Landtag gehen wird und ob sich das Wahlergebnis auch auf die Zusammensetzung des Stiftungsrates auswirken wird, ist jedoch unklar.

Kulturpresseschau

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