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Tonart | Beitrag vom 06.11.2020

Kylie Minogue: "Disco"Do-it-yourself-Album für den heimischen Dancefloor

Von Marcel Anders

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Die Musikerin Kylie Minogue während eines Bühnenauftritts in der "Graham Norton Show" bei BBC One.  (picture alliance / empics / PA Media on behalf of So TV / Matt Crossick)
Sobald der "Corona-Spuk" vorbei ist, möchte Kylie Minogue im Club mit möglichst vielen Leuten feiern. (picture alliance / empics / PA Media on behalf of So TV / Matt Crossick)

Wegen der Coronapandemie hat Kylie Minogue ihr neues Album zu Hause im Wohnzimmer aufgenommen: Disco-Sound für die perfekte Realitätsflucht in Zeiten von Lockdown, Social Distancing und geschlossenen Clubs.

"Nach ein paar Wochen völliger Funkstille, in denen keiner wusste, wie es weitergeht, habe ich mich daran erinnert, dass ich ja noch ein billiges Mikrofon, ein Interface und Studiosoftware auf meinem Rechner habe, dass ich also selbst in der Lage wäre, meinen Gesang aufzunehmen und ihn über einen Track zu legen. Natürlich war ich erst ziemlich unsicher. Nach dem Motto: Wo gehört dieses Kabel hin? Wie soll ich das alleine hinkriegen? Aber: Ich habe es geschafft. Das hat sich toll angefühlt."

Geballte Lebensfreude aus dem Heimstudio

Kylie Minogue kann nicht einmal eine Pandemie stoppen. Mit inzwischen 52 Jahren ist sie so erfahren und selbstbewusst, dass sie weiß, was sie will und wie sie ihr Ziel erreicht: Sie hat ihr Wohnzimmer in ein Heimstudio verwandelt und ein Album aufgenommen, das die perfekte Realitätsflucht in Zeiten von Lockdown, Social Distancing und geschlossenen Clubs ermöglicht: Ein Ausflug in den Disco-Sound der 70er und 80er, der geballte Lebensfreude vermitteln soll.

"Disco resultiert aus einer Zeit, die alles andere als fröhlich und glamourös war. Sie ist eine Erfindung von Leuten, die der Realität entfliehen und für ein paar Stunden Spaß haben wollten. Ich bin mir sicher, das ist einer der Gründe, warum der Sound bis heute so beliebt ist: Er bietet eine Möglichkeit zum Eskapismus – und zwar mit einer Menge Fantasie. In einer Zeit, in der wir nicht ausgehen können, vermissen wir diese kleinen Fluchten umso mehr."

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Discopismus für den heimischen Dancefloor – mit zwölf Songs, die rein lyrisch keinen allzu hohen Anspruch verfolgen, die sich um schwitzende Körper, zuckende Lichter, bunte Drinks und heiße Flirts drehen: um eine gute Zeit ohne Exzesse, aber doch Fantasie anregend und wie geschaffen, um dem Corona-Alltag zu entfliehen.

Verweise auf Prince, Chic und Earth Wind & Fire

Das gilt auch für die Musik, die handwerklich solide und nicht zu synthetisch ist. Sie erweist sich als Disco alter Schule mit Anleihen bei Chic, Earth Wind & Fire und Prince, zu dem Kylie ein besonderes Verhältnis hat:

"Er war mein Pin-up – mein Pop-Idol, als ich 14, 15 war. Ich habe ihn sogar mal im Paisley Park besucht. Er hatte einen Song für mich geschrieben, den ich leider nie aufgenommen habe. Ich weiß auch nicht mehr, wo das Demo abgeblieben ist. Aber auf hohen Absätzen waren wir ungefähr gleich groß. Er konnte damit nur viel höher kicken als ich. Er war ein echtes Phänomen."

Nach Corona sofort in den nächsten Club

Für ihren fast traditionell anmutenden Disco-Sound braucht Kylie Minogue keine Hightech-Effekte und keinen Hipster-Flair. Die zierliche Australierin versucht nicht, mit dem Zeitgeist zu gehen, sondern einfach sie selbst zu sein: eine erwachsene Frau, die lieber ins Theater geht als in Diskotheken; die Musik zum Entspannen auf der Couch hört, statt sich unters Jungvolk zu mischen; und die mit "Disco" alle anspricht, denen es genauso geht wie ihr: Menschen, die nicht mehr jung, aber doch längst nicht alt sind und immer noch die Musik ihrer Jugend lieben, wie Kylie.

"Meine wilden Club-Tage waren in den frühen bis mittleren 90ern. Ich vermisse die Zeit, weil es damals keine Mobiltelefone, kein Twitter, kein Instagram und kein TikTok gab. Man hat den Augenblick genossen und das war toll. In den letzten Jahren gehe ich eher selten in Clubs. Ein bisschen zu tanzen ist nichts mehr, was ich groß plane oder wofür ich mich wer weiß wie aufstyle. Wenn die Musik nach einem netten Abendessen lauter wird, rücke ich die Möbel zur Seite und fange einfach an. Das ist besser als jede Disco. Aber sobald dieser Corona-Spuk vorbei ist, renne ich sofort in den nächsten Club und feiere mit möglichst vielen Leuten. Das ist mein Traum."

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