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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.04.2016

Kybernetiker Thomas RidWas ist eigentlich Cyber Space?

Moderation: Liane von Billerbeck und Joachim Wiese

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Sein Fachgebiet ist die Kybernetik: Thomas Rid forscht und lehrt er am Department of War Studies am King’s College London. (Deutschlandradio / M. Hucht)
Sein Fachgebiet ist die Kybernetik: Thomas Rid forscht und lehrt er am Department of War Studies am King’s College London. (Deutschlandradio / M. Hucht)

Roboter, Cyborgs, künstliche Intelligenz: Der Gedanke, dass sich technische Entwicklungen verselbstständigen könnte ist uns allen vertraut. Doch wie real ist diese Befürchtung - handelt es sich um eine Möglichkeit oder eine Fantasie?

Der Kybernetiker Thomas Rid ging im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur zunächst den Ursprüngen solcher Mensch-Maschine-Theorien nach.

Rid, der in London am King's College im War Department arbeitet, hat soeben ein Buch über das Thema geschrieben. Es heißt: "Maschinendämmerung: Eine kurze Geschichte der Kybernetik".

Unsere Vorstellungen sind überzeichnet

Und er gab gewissermaßen Entwarnung. Unsere negativen wie positiven Vorstellungen im Hinblick auf selbst-"denkende", autonom handelnde Maschinen seien immer überzeichnet: 

"Seit vielen Jahrzehnten sind unsere Ängste und unsere Hoffnungen der Realität weit voraus. Und wenn sie heute meinetwegen [etwas] über die Kampfdrohnen und Killerrpoboter hören, dann muss man einfach ganz klar sagen: Diese Ängste sind nicht Realität und werden wahrscheinlich nie Realität werden."

Es gebe zwar - mit den Landminen etwa - autonom handelnde Kriegsmaschinen, die gewissermaßen auf der Basis einer Variable 'Gewicht' entscheiden, wann sie explodieren. Doch diese seien keine Computer, sondern sehr einfache Maschinen, deren Menschenähnlichkeit zu bezweifeln sei.

"Ein höherer Präzisionsgrad und besseres Unterscheidungsvermögen ist sicher ein Fortschritt – gemessen an diesem sehr kruden Instrument", so Rid.

Große Verführungskraft der Kybernetik

Im Interview spannte Rid dann einen kulturgeschichtlichen Bogen.

"Die Kybernetik als Maschinentheorie hat ganz große Verführungskraft. Schon seit vielen Jahrzehnten denken wir die Maschine vom Menschen her."

Die Kybernetik als "Theorie aller Maschinen" habe ihren Ursprung jedoch im Zweiten Weltkrieg, als es darum ging, vom Boden aus auf Flugzeuge am Himmel zu zielen - "ein großes technisches Problem", wie Rid erläuterte:

"Also die Flugzeuge flogen schnell und man musste gewissermaßen vor das Flugzeug schießen, um es letztlich zu treffen. Und das Steuerungsproblem dieser Flug-Abwehr-Situation hat die Kybernetik als Disziplin letztlich hervorgebracht."

Künstler und Aktivisten starteten Gegenbewegung

In den 1960er Jahren sei es dann zu einer Gegenbewegung in unseren Vorstellungen zur Interaktion von Mensch und Maschine gekommen. Künstler, Science-Fiction-Autoren und Aktivisten hätten sich die Kybernetik als Zukunftstheorie angeeignet und sie von einer "wissenschaftlich-harten" in eine "esoterische" Disziplin verwandelt:

"Der Krieg (…) hat die Kybernetik hervorgebracht, sie [wurde] dann gewissermaßen in der Gegenkultur in San Francisco aufgeladen mit Faszination und künstlerischer Tiefe und dann zurückgebracht an die Ostküste der Vereinigten Staaten, wo der Begriff Cyber dann in den 90er Jahren mit dem Schreckgespenst des Cyberkriegs wieder aufgegriffen wurde."

Thomas Rid: Maschinendämmerung - Eine kurze Geschichte der Kybernetik
Übersetzt von Michael Adrian
Propyläen Verlag, 496 Seiten, 24 Euro

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