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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 10.05.2019

KuschelelternStreitet mehr mit euren Kindern!

Überlegungen von Susanne Gaschke

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Ein Mädchen umarmt ihre Eltern, alle drei lächeln. (imago images / Westend61 / Roger Richter)
In Harmonie vereint: Eltern sollten ihren Kindern die Konflikte aber nicht verweigern, meint Susanne Gaschke. (imago images / Westend61 / Roger Richter)

Hätten die Babyboomer-Eltern strenger mit ihrem Nachwuchs sein sollen? Dass junge Menschen sich immer weniger für gesellschaftliche Fragen interessieren, liegt am Ende an zu viel Harmonie in ihrer Erziehung, meint die Publizistin Susanne Gaschke.

Wir wollten doch nur gute Eltern sein. Auf keinen Fall so autoritär, wie es viele Kriegskinder, also viele unserer eigenen Mütter und Väter, mangels anderer Rollenbilder noch waren. Wir wollten freundschaftlich mit unserem Nachwuchs umgehen.

Das ist uns offenbar gelungen: Wenn mein Mann und ich in den Urlaub fahren, dann kommt unsere erwachsene Tochter gern mit, wenn sie Zeit hat – und alle freuen sich. Auch aus dem Freundes- und Kollegenkreis höre ich überwiegend von Harmonie, von gemeinsamen Konzertbesuchen, Mutter-Tochter-Shoppingtrips oder Vater-Kinder-Stadionbesuchen.

Wir haben mit unseren Kindern zu wenig gestritten

Doch diese große Eintracht hat anscheinend einen Preis: Wir haben unseren Kindern die Konflikte verweigert, die man braucht, um erwachsen zu werden. Wenn ich die heute 20- bis 35-Jährigen betrachte – zum Beispiel an der Universität –, dann frage ich mich manchmal, ob wir mit all unserer Nettigkeit nicht sogar eine ganze Generation verraten haben.

Natürlich dient diese rhetorische Frage der Zuspitzung: Selbstverständlich gibt es kluge, gebildete, differenzierte junge Leute mit politischem Urteil. Um die geht es hier nicht. Es geht um Tendenzen in der intellektuellen und emotionalen Aufstellung der jungen Generation, die ich besorgniserregend finde.

Tatsächlich scheinen wir – aus Faulheit, Zeitnot oder Feigheit – zu wenig mit unseren Kindern gestritten zu haben. Schließlich waren ja auch die großen ideologischen Fragen – man denke an den berühmten CDU-Wahlslogan "Freiheit oder Sozialismus?" – über die sich in den 70er-Jahren noch ganze Familien entzweien konnten, immer mehr in den Hintergrund getreten.

Worüber sollte man nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte noch streiten? Heute sind die Kinder fürs Klima? Super, wir doch auch!

Junge unterscheiden zu selten zwischen Gefühl und Argument

Streit ist selbstverständlich kein Selbstzweck, doch nur im zivilisierten Streit, in der kontroversen Diskussion lernt man den Unterschied zwischen einem Gefühl und einem Argument kennen. Vielen jungen Leute, die mir begegnen, scheint dieser Unterschied ziemlich unklar zu sein. Sie haben oft nur die dumpfe Empfindung, dass sie in Debatten mit Älteren den Kürzeren ziehen. Deshalb vermeiden sie es, uns herauszufordern.

Oder sie schießen, wie es gerade an einigen deutschen Hochschulen geschieht, aus der Anonymität des Netzes auf die wenigen verbliebenen Professoren, die meinungsfreudig und streitlustig sind. Dabei kommen selten Argumente zum Einsatz, sondern meist apodiktische Rassismus- oder Sexismus-Vorwürfe.

Den Kindern ein zu gutes Selbstbild vermittelt

Wir Kuscheleltern haben einer ganzen Generation durch unrealistisches Lob für jede kleinste Anstrengung ein rosarot gefärbtes Selbstbild vermittelt. Wir haben ihr in zu vielen Fällen das Bildungswissen vorenthalten – über Politik, Geschichte, Wirtschaft und Kultur –, das sie bräuchten, um uns anzugreifen.

Eltern haben voller Empörung Lehrer kritisiert, die tapfer auf regelmäßigen Vokabeltests bestanden – oder auf der ungeheuerlichen Forderung, Zehntklässler sollten einen ganzen Roman für den Unterricht lesen. Kein Wunder also, dass das Institut für Demoskopie Allensbach bei den 14- bis 29-Jährigen seit Jahren ein sinkendes Interesse für alle wichtigen gesellschaftlichen Fragen feststellt.

Wir Babyboomer-Eltern sind auch nachlässig mit den Institutionen umgegangen, die für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft von Bedeutung sind: Schulen und Hochschulen, Tageszeitungen, Parteien, Vereine, Kirchen. Dieses ganze verstaubte Establishment-Zeug interessiert euch doch sicher nicht mehr, haben wir gesagt – und die Kinder haben auf uns gehört. Jetzt stehen wir da, als wohlmeinendste Elterngeneration aller Zeiten, und fragen uns, was wir angerichtet haben in unserem Wahn, alles besser machen zu können.

Porträt von Susanne Gaschke (dpa/Ingo Wagner)Susanne Gaschke (dpa/Ingo Wagner)Susanne Gaschke ist Autorin der "WELT am Sonntag". Vorher war sie Reporterin und Leitartiklerin bei der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" und bei der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Nach ihrer Promotion über die 'Ästhetischen Wirkungsbedingungen von Kinderliteratur' arbeitete sie zunächst als freie Journalistin, unter anderem für den Norddeutschen Rundfunk ( NDR ). Starke Beachtung fand Susanne Gaschke mit ihrem Buch "Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern". 2017 veröffentlichte sie "SPD. Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie". Politisch aktiv war sie schon während ihres Studiums. Seit 1988 Mitglied der SPD. Ende Dezember 2012 übernahm sie das Oberbürgermeisteramt in Kiel. Ende Oktober 2013 erklärte sie ihren Rücktritt.

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