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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.08.2013

Kurz und kritisch

S. Hank: "Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges"; S. Filbinger-Riggert: "Kein weißes Blatt"; S. Konrad: "Das bleibt in der Familie"

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Auch der Schrecken von Stalingrad wird in Familien weitergegeben.  (AP Archiv)
Auch der Schrecken von Stalingrad wird in Familien weitergegeben. (AP Archiv)

Aufarbeitung, das ist das Schlagwort, unter dem sich die drei Titel zusammenfassen lassen: Ein Kompendium, das die Frontrabbiner im Ersten Weltkrieg auflistet, eine Vater-Tochter-Biografie von Susanna Filbiger-Riggert sowie die Psychotherapeutin Konrad, die erläutert, wie Traumata in Familien vererbt werden.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges einte große patriotische Begeisterung sämtliche sozialen, politischen und konfessionellen Gruppen im deutschen Kaiserreich. Einen Monat nach Mobilmachung hatten sich bereits über 80 Rabbiner freiwillig zum Einsatz als Militärseelsorger gemeldet – weit mehr als benötigt wurden.

Hank, Simon, Hank - Feldrabbiner (Promo)Hank, Simon, Hank - Feldrabbiner (Promo)Ihr Ziel: Den knapp 70.000 deutschen Juden, die während der folgenden vier Jahre an der Front standen, das Gefühl zu geben, mit Gott für das Vaterland zu kämpfen. Die Aufgaben der Feldrabbiner, die keine Besoldung erhielten, waren vielfältig: Sie organisierten Gottesdienste und dienten als Bindeglied zu jüdischen Gemeinden im besetzten Osteuropa.

Die Lebensläufe von 45 dieser Geistlichen sind nun in einem üppigen Band vom Centrum Judaicum gemeinsam mit dem Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr herausgegeben worden. Durch Fotos, biografische Eckdaten, Briefwechsel mit jüdischen Organisationen und militärischen Stellen entsteht ein beeindruckendes Bild vom Engagement deutscher Juden für ihr Vaterland.

Vielfach wurden sie mit Orden ausgezeichnet, ein Vierteljahrhundert später dann ins Exil oder in den Tod getrieben. Kein Buch zum Durchlesen, sondern ein gut recherchiertes Nachschlagewerk zum Vor- und Zurückblättern.

Sabine Hank / Hermann Simon / Uwe Hank: Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges
Erschienen in der Schriftenreihe des Centrum Judaicum
Verlag Hentrich und Hentrich
623 Seiten, 48,00 Euro.


Sich selbst sieht sie als Rebellin – die erfolgreiche Unternehmensberaterin Susanna Filbinger-Riggert, ehemalige Klosterschülerin und Absolventin der London School of Economics. Einsam und diszipliniert hat sie ihr Leben gemeistert – wie ihr Vater, der ehemalige christdemokratische Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger.

Susanna Filbinger-Riggert - Kein weißes Blatt (Promo)Susanna Filbinger-Riggert - Kein weißes Blatt (Promo)Nach dem Tod der Eltern fand sie Tagebücher ihres Vaters, Anlass, eine "Vater-Tochter-Biografie" zu schreiben. Darin ist von den Abenteuern eines jungen Mädchens zu lesen, das Peggy Guggenheim verehrt, doch davon träumt, Familie und Beruf zu vereinen. Das damit kokettiert, Schauspielerin zu werden, doch zielstrebig Kontakte ihrer Eltern nutzt, um in Tokio, Peking und New York berufliche Qualifikationen zu sammeln. Das erschrickt über die mitunter rohe Sprache des Vaters gegenüber politischen Gegnern und Parteifreunden. Und das versucht zu begreifen, wie Hans Filbinger als Marinerichter im Dienste der Nazis einst Todesurteile hatte fällen können.

Deutlich wird, trotz äußerlich gelungener Emanzipation vom Elternhaus, die Nähe zum Vater. Wie stark ihre Herkunft sie geprägt hat, hinterfragt Susanna Filbinger-Riggert nicht. Und auch nicht, inwieweit ihr Vater sich tatsächlich mit dem nationalsozialistischen Regime identifiziert hat. Stattdessen viel Oberflächliches: Urlaub auf Mallorca, in St. Moritz, in Florida, Silvesterparty im Schloss von Versailles. Es bleibt der Eindruck einer sensiblen, ehrgeizigen Frau, die sich bei aller Offenheit keine Blöße geben will.

Susanna Filbinger-Riggert: Kein weißes Blatt - Eine Vater-Tochter-Biografie
Campus Verlag
283 Seiten, 19,99 Euro.


Dass Erfahrungen und Traumata sich von einer Generation auf die nächste übertragen, weiß man vor allem aus Untersuchungen von Holocaustüberlebenden und deren Kindern, der sogenannten "Zweiten Generation". Es bedarf jedoch nicht offensichtlich dramatischer Ereignisse innerhalb einer Familie, um ein emotionales Erbe weiterzugeben.

Sandra Konrad - Das bleibt in der Familie (Promo)Sandra Konrad - Das bleibt in der Familie (Promo)Die praktizierende Psychotherapeutin Sandra Konrad führt dazu in ihrem populärwissenschaftlich abgefassten Buch jede Menge Beispiele an. Anhand zahlreicher Fallgeschichten zeigt sie auf, wie stark jeder von uns familiäre Erwartungen, Aufträge und Botschaften in sich trägt.

Systemisch und psychoanalytisch identifiziert Sandra Konrad aktuelle Probleme ihrer Patienten als Fortführung alter Muster, macht deutlich, dass sie Opfer einer transgenerationalen Übertragung sind, einer psychischen Lastenverschiebung von einer Generation auf die nächste. Die Eltern – mit ihren Wünschen, Forderungen, Verletzungen - sind immer gegenwärtig, lautet ihr Kernsatz. Gleich, ob man sich ihnen gegenüber loyal verhält oder es ganz anders machen will – solange nicht wirklich geklärt ist, ob man tatsächlich das eigene Leben lebt, findet keine Ablösung statt, man bleibt unbewusst gebunden.

Dieses Buch schafft Sensibilität für transgenerationale Übertragungsprozesse. Und trifft offensichtlich den Nerv vieler Menschen, denn es erscheint nach wenigen Monaten bereits in der dritten Auflage. Eine Orientierungshilfe für alle, die eigentlich nicht wissen, warum sie tun, was sie tun.

Sandra Konrad: Das bleibt in der Familie - Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten
Piper Verlag
299 Seiten, 19,99 Euro

Lesart

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Nora Bossong über "Rapefugee" (unsplash.com/dpa)

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