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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.11.2012

Kurz und kritisch

Hans-Dieter Rutsch: "Die letzten Deutschen: Schicksale aus Schlesien und Ostpreußen"; Helga Hirsch: "Endlich wieder leben: Die fünfziger Jahre im Rückblick von Frauen"; Lore Maria Peschel-Gutzeit: "Se

Rezensiert von Shelly Kupferberg

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Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Hans-Dieter Rutsch schreibt Geschichten des Heimischwerdens und der Fremde. Helga Hirsch blickt auf die ersten Jahre der Nachkriegszeit auf das Leben der Frauen zurück. Bei Lore Maria Peschel-Gutzeit geht es um das Thema Gleichberechtigung.

Ihre Stimmen bleiben meist unerhört: Die jener Deutsche, die vor 1945 geboren worden und nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer alten Heimat blieben. In Ostpreußen, Litauen oder Schlesien. Es sind Vertriebene, die sich nicht haben vertreiben lassen - und sich einerseits in vertrauter Umgebung, andererseits in einer ihnen plötzlich fremden Sprache, Kultur und Mentalität wiederfanden.

Cover: "Hans-Dieter Rutsch: Die letzten Deutschen" (rowohlt Verlag)Cover: "Hans-Dieter Rutsch: Die letzten Deutschen" (rowohlt Verlag)Der Publizist und Dokumentarfilmer Hans-Dieter Rutsch, der bereits viele Filme über Osteuropa gedreht hat, hat einige dieser letzten Deutschen entlang von Oder und Memel aufgesucht und sich ihre Lebensgeschichten angehört. Manchmal mit Wehmut, aber stets ohne revisionistische Untertöne erzählen sie. Von Kriegserlebnissen, von Schwierigkeiten, als Deutsche nicht auffallen zu wollen, von Anfeindungen, von Freundschaften und Liebesgeschichten zwischen Polen und Deutschen. Es sind Geschichten des Heimischwerdens und der Fremde.

Gekonnt ergänzt Hans-Dieter Rutsch diese Lebensgeschichten mit persönlichen Eindrücken, Landschaftsbildern und historischen Fakten.

Hans-Dieter Rutsch: Die letzten Deutschen - Schicksale aus Schlesien und Ostpreußen
rowohlt Berlin


Es waren die biederen Nachkriegsjahre in Deutschland - die 50er Jahre. Die Publizistin Helga Hirsch lässt in ihrem Buch neun Frauen zu Wort kommen, die über sich und ihr Leben in der Nachkriegszeit erzählen; vom allgemeinen Aufatmen über Frieden und Freiheit in einer Gesellschaft, in der Männer Mangelware waren und als traumatisierte, geschundene Menschen existierten.

Cover: "Helga Hirsch: Endlich wieder leben" (Siedler Verlag)Cover: "Helga Hirsch: Endlich wieder leben" (Siedler Verlag)Vom Aufbau des Landes und selbstbewussten Müttern, die lernen mussten, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und die Familie durchzubringen. Von Massenflucht aus der DDR, vom Gewahrwerden der Nazigräuel, von antifaschistischen und antisemitischen Schauprozessen in sozialistischen Ländern, von Verdrängung, Konsum, Lebenshunger, von Techtelmechtel mit den Besatzern und der allgegenwärtigen Prüderie.

Es sind die Erinnerungen an Träume und Traumata - an aufkommende Helden und Halbstarke in einer stark angepassten, konservativen Gesellschaft. Die 50er Jahre in Deutschland: Ein Jahrzehnt voller Gegensätze.

Helga Hirsch: Endlich wieder leben. Die fünfziger Jahre im Rückblick von Frauen
Siedler Verlag, München


Auch sie hat die Fünfzigerjahre intensiv erlebt: Die Juristin und SPD-Politikerin Lore Maria Peschel-Gutzeit, geboren 1932 in Hamburg. Als Juristin, Richterin und später als Politikerin trat sie stets für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein und für die Rechte von Kindern.

Über ihren Lebensweg zwischen Familie und Beruf in einer von Männern dominierten Domäne, berichtet die heute 80-Jährige ausführlich, pointiert und aufschlussreich in ihrer Autobiographie.

Cover: "Lore Maria Peschel-Gutzeit: Selbstverständlich gleichberechtigt" (Hoffmann & Campe Verlag)Cover: "Lore Maria Peschel-Gutzeit: Selbstverständlich gleichberechtigt" (Hoffmann & Campe Verlag)Dabei beeindruckt ihr tief sitzender Glaube an Recht und Gerechtigkeit. Mit 27 trat sie in Freiburg in die erste Frauenkanzlei der Bundesrepublik ein, 1984 wurde sie die erste weibliche Senatspräsidentin und vorsitzende Richterin am Hanseatischen Oberlandesgericht.

Unter ihrer Ägide wurde die sogenannte ’Lex Peschel’ festgeschrieben, die Beamtinnen aus familiären Gründen Teilzeitarbeit einräumt.

Peschel-Gutzeit liebt bis heute schnelle Autos, war leidenschaftliche Hobbyrennfahrerin und scheut sich nicht, ehrlich über persönliche und berufliche Einbrüche zu berichten. Nachzulesen in:

Lore Maria Peschel-Gutzeit mit Nele-Marie Brüdgam: Selbstverständlich gleichberechtigt - eine autobiographische Zeitgeschichte
Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg

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