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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.06.2012

Kurz und kritisch

Ines Geipel: "Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens"; Günther Ortmann: "Kunst des Entscheidens"; Tony Judt: "Das Chalet der Erinnerungen"

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Bücher (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Bücher (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

"Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens" ist Bestandsaufnahme und Ursachenforschung gewaltsamer Ausbrüche. In "Kunst des Entscheidens" beobachtet, analysiert und kommentiert ein Organisationstheoretiker den Kult der Entscheidungen. Und "Chalet der Erinnerungen" ist eine Art Lebensappell des Historikers Tony Judt.

Ines Geipel: Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens
Verlag Klett-Cotta

Cover: Ines Geipel: "Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens" (Verlag Klett-Cotta)Cover: Ines Geipel: "Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens" (Verlag Klett-Cotta)Columbine in den USA war das Vorbild, behauptet die Autorin Ines Geipel, der Amoklauf vom April 1999 wurde zum weltweit verbreiteten Modell für verzweifelte, ohnmächtige, wutgeladene Jugendliche. Damals drangen zwei schwer bewaffnete Schüler in ihre Columbine High School in Littleton, Colorado, ein und erschossen zwölf Schüler und einen Lehrer, ehe sie sich selbst töteten. Die Maskierung der zwei Attentäter, ihre Schriften, ihr Hass wurden über das Internet weltweit verbreitet. Frei zugängliches Material für Nachahmungstäter. Geipel sieht in den Amokläufen an Schulen etwas "Systemisches". Das betrifft nicht nur die Täter, die bestimmten Mustern folgen, sondern auch gesellschaftliche Strukturen. "Die Täter sind keine Monster, Dämonen oder Teufels-Killer ... ..Amokläufer töten aus unserer Mitte heraus", schreibt sie.

Ihr Buch ist Bestandsaufnahme und Ursachenforschung zugleich. Das Resümee klingt niederschmetternd. Radikale Konsequenzen aus vorliegenden Erkenntnissen, Warnungen und Vorschlägen haben nicht stattgefunden.

Günther Ortmann: Kunst des Entscheidens. Ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer
Verlag Velbrück Wissenschaft

Cover: Günther Ortmann: "Kunst des Entscheidens. Ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer" (Verlag Velbrück Wissenschaft)Cover: Günther Ortmann: "Kunst des Entscheidens. Ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer" (Verlag Velbrück Wissenschaft)Gerd Gigerenzer mit den "Bauchentscheidungen", Malcolm Gladwell mit dem Bestseller "Blink", und nun Günther Ortmann mit der "Kunst des Entscheidens" - sie scheinen Konjunktur zu haben, die Bücher über das Zögern und Zweifeln, über Unsicherheit und dann den beherzten Griff nach einer von vielen Optionen. Warum das so ist? Das wäre den einen oder anderen Gedanken über den Zustand unserer Moral wert. Und genau da hakt Günther Ortmann ein. In 111 Miniaturen beobachtet, analysiert und kommentiert der Hamburger Organisationstheoretiker den Kult der Entscheidungen da, wo ein mutiges "Mir nach!" das Symbol von mannhafter Stärke ist. Klug und obendrein vergnüglich. Und trotzdem sei vor der Lektüre dieses Buches eine Warnung ausgesprochen: Ortmann schlägt zu. Er geißelt die Anmaßungen der charismatischen Entscheider in Wirtschaft und Politik und belegt dabei, dass Macht und Korruption in ihren vielen Spielarten verflucht nahe beieinander liegen.

Worin da der versprochene Trost liegt? Nun, wohl in der Erkenntnis, dass der Unterschied gar nicht so groß ist: Die einen zögern und grübeln und trauen sich nicht; die anderen wissen es genauso wenig - aber sie greifen zu.

Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen
Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork.
Hanser Verlag

Cover: Tony Judt "Das Chalet der Erinnerungen" (Hanser Verlag)Cover: Tony Judt "Das Chalet der Erinnerungen" (Hanser Verlag)Er war ein bewundernswürdiger Stoiker und begriff seine Krankheit als Herausforderung: der Historiker Tony Judt. Bei vollem Bewusstsein wurde sein gesamtes Nervensystem außer Gefecht gesetzt, ihm blieben die Kraft seines Geistes und die Beherrschung seiner Sprechwerkzeuge. Gedanklich flüchtete Judt aus seinem Körpergefängnis in ein Schweizer Chalet, durchwanderte die Räume und diktierte am nächsten Morgen seine Erinnerungen. Das Ergebnis ist eine inhaltlich fesselnde und stilistisch glänzende Autobiographie. Nicht nur seine jüdische Herkunft, auch die Erfahrung der Bescheidenheit im Nachkriegsengland, die Entdeckung Europas und die Förderung durch ein öffentliches Bildungssystem waren prägende Erfahrungen. Statt sich von einer Midlife-Crisis beherrschen zu lassen, lernte Judt Anfang der achtziger Jahre lieber Tschechisch und machte die politische Umbruchsituation zum Ausgangspunkt neuer Forschungen. Sein ungewöhnlicher Erinnerungsband gemahnt an die Pflichten eines Intellektuellen.

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