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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.12.2011

Kurz und kritisch

Parastou Forouhar: "Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden", Kamran Safiarian: "Wohin treibt der Gottesstaat", Annabelle Sreberny und Gholam Khiabany: "Blogistan"

Von Jan Kuhlmann

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Iran, Land der Gegensätze (AP)
Iran, Land der Gegensätze (AP)

Heute geht es um eine zweifelhafte Liebeserklärung an den Iran, ein Land das fasziniert, obwohl es die Eltern der Autorin auf dem Gewissen hat, um Ähnlichkeiten und Widersprüche des Landes und um die Möglichkeiten, die das Internet bietet - oder auch nicht.

Cover Parastou Forouhar: "Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden" (Herder Verlag)Cover Parastou Forouhar: "Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden" (Herder Verlag)Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden
Parastou Forouhar und ihre Liebeserklärung an den Iran
erschienen im Herder Verlag Freiburg.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das die iranische Künstlerin Parastou Forouhar über den Iran geschrieben hat - über das Land, in dem ihre Eltern umgebracht wurden. Die prominenten Oppositionellen Dariush und Parvaneh Forouhar waren 1998 Opfer der so genannten Kettenmorde geworden - einer Serie von Verbrechen an Intellektuellen.

Ihre Tochter ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen. Immer wieder reist sie aus ihrer neuen Heimat Deutschland nach Teheran, um die wahren Hintergründe über das Verbrechen zu erfahren. Ein aufreibendes, aber letztlich sehr erfolgloses Unterfangen, von dem Parastou Forouhar detailliert berichtet.

Sie verstrickt sich im Dschungel des iranischen Justizsystems, sie wird bedroht und festgenommen - aber sie lässt sich nicht einschüchtern. Sie ist geradezu besessen von ihrer Aufgabe. Je länger sie sucht, desto verbitterter wird sie. Am Ende bleibt nicht viel Gutes über das Land zusagen. Und dennoch gibt sie dem Buch den Untertitel "Liebeserklärung an den Iran" - so sehr zerreißt diese Heimat ihre Gefühle.

"Es ist das Land der Träume meiner Eltern, das mir Alpträume beschert."


Cover Kamran Safiarian: "Pulverfass Iran - Wohin treibt der Gottesstaat?" (Herder Verlag)Cover Kamran Safiarian: "Pulverfass Iran - Wohin treibt der Gottesstaat?" (Herder Verlag)Wohin treibt der Gottesstaat
Kamran Safiarian über das Pulverfass Iran
erschienen im Herder Verlag Freiburg.

In den täglichen Nachrichten ist der Iran vor allem der "Schurkenstaat", der nach einer Atombombe trachtet. Doch das Land hat viel mehr Facetten, wie der deutsch-iranische Fernsehjournalist Kamran Safiarian über das "Pulverfass Iran" schreibt.

Der Titel klingt allzu martialisch und bestätigt Klischees. Auch manches Urteil ist zu pauschal - etwa wenn Safiarian schreibt, der Iraner sei in seiner ganzen Person so vielschichtig, dass es schwierig sei, ihn zu durchschauen. Trotzdem verschafft er dem Leser viele ungewohnte Einblicke in das Land.

Er erzählt, wie die Jugend in Teheran Partys mit Alkohol und Drogen feiert, welche die Jugendlichen vorher bei den gefürchteten Sittenwächtern gekauft haben. Und ausgerechnet in einem Land, in dem für Frauen Schleierzwang herrscht, boomt das Geschäft mit Schönheitsoperationen.

Die Jugend habe das angeblich göttlich legitimierte System satt. Sie strebe nach Freiheit und Selbstbestimmung, lautet des Journalisten Urteil. Aber, so prophezeit er, so schnell werde das iranische Regime nicht in sich zusammenbrechen.


Cover Annabelle Sreberny, Gholam Khiabany: "Blogistan - Politik und Internet im Iran" (Hamburger Edition)Cover Annabelle Sreberny, Gholam Khiabany: "Blogistan - Politik und Internet im Iran" (Hamburger Edition)Blogistan
Annabelle Sreberny und Gholam Khiabany über Politik und Internet im Iran
erschienen in der Hamburger Edition

Nicht alles ist im Iran Politik - aber sehr viel mehr als in anderen Ländern. Der Besuch von pornografischen Seiten im Internet etwa kann auch als Akt des Widerstands gegen die Staatsgewalt gedeutet werden - eine Auflehnung gegen die von oben verordnete strenge Moral.

Das "Kulturelle" sei oftmals Austragungsort für politische Auseinandersetzungen, schreiben die Autoren Annabelle Sreberny und Gholam Khiabany in ihrer Studie "Blogistan". Darin untersuchen die Londoner Kommunikationswissenschaftler das Verhältnis zwischen Politik und Internet im Iran.

Die Zahl der iranischen Blogs hat rasant zugenommen. Die Internet-Tagebücher geben vor allem Gegnern des Systems Raum, in dem sie sich freier als sonst im Land äußern können. Bei den Machthabern wachse die Angst, ihnen könnten die Zügel entgleiten, weshalb der Staat sich nach allen Kräften bemühe, die neuen Kommunikationswege zu unterdrücken.

Sreberny und Khiabany haben ein sehr wissenschaftliches, aber auch ein sehr erhellendes Buch geschrieben. Ihr Fazit bremst die Internet-Euphorie: Blogs, Facebook und Twitter bieten neue Kommunikationsmöglichkeiten, sind aber kein Ersatz für eine politische Strategie.

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