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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.11.2011

Kurz und kritisch

Anna Reid: "BLOKADA. Die Belagerung von Leningrad 1941-1944" - Sönke Neitzel / Harald Welzer: "Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" - Kwame Anthony Appiah: "Eine Frage der Ehre"

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Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade, 9.2.1943 (AP)
Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade, 9.2.1943 (AP)

Anna Reid beschreibt das Schicksal der Menschen im von der Wehrmacht belagerten Leningrad. Sönke Neitzel und Harald Welzer dokumentieren die Protokolle von Gesprächen deutscher Kriegsgefangener, und Kwame Anthony Appiah untersucht die Bedeutung des Ehrbegriffs in verschiedenen Epochen.

Der Krieg des nationalsozialistischen Deutschland gegen die Sowjetunion war von Anfang an auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Erinnerungen der Deutschen an den Untergang ihrer 6. Armee im Kessel von Stalingrad steht im kollektiven Gedächtnis der Russen die Belagerung Leningrads gegenüber.

 Anna Reid: "BLOKADA" - Die Belagerung von Leningrad 1941-1944" (Berlin-Verlag)Anna Reid: "BLOKADA" - Die Belagerung von Leningrad 1941-1944" (Berlin-Verlag)Wenige Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schloss sich im September der deutsche Belagerungsring um Leningrad. Als er sich nach fast neunhundert Tagen - Anfang 1944 - auflöste, waren über 750 000 Zivilisten gestorben - "viermal mehr als bei den Bombardierungen von Nagasaki und Hiroshima", wie die britische Historikerin Anna Reid in ihrem Buch "BLOKADA" ausführt.

"BLOKADA" steht für das gezielte Aushungern einer Großstadt, für Hungertote auf winterlichen Straßen und unsägliches Leid in ungeheizten Häusern. "BLOKADA" steht auch für die sprachliche Unterscheidung zwischen "Leichen-" und "Menschenfresserei" - für Frauen, die Kadaver ausgruben, um ihre Kinder zu retten, und für eine Mutter, die ihre einjährige Tochter an ihren zweijährigen Sohn verfütterte. Anhand zahlreicher bislang unbekannter Quellen zeichnet Reid ein Bild vom Sterben und Überleben in der belagerten Stadt, das den Sowjetmythos vom heldenhaften Widerstand ebenso korrigiert wie die deutsche Mär von einer unbefleckten Wehrmacht.

<strong>"BLOKADA. Die Belagerung von Leningrad 1941-1944", von Anna Reid</strong>
Berlin Verlag


Liegt es am deutschen Engagement in Afghanistan, dass man sich mittlerweile auch hierzulande für das Leben von Soldaten interessiert? Dieses Buch ist eine harte Schulung. Es befasst sich vor allem mit den Soldaten im Zweiten Weltkrieg, mit unseren Vätern und Großvätern, von denen wir nur das große Schweigen kannten. Doch in ihren Gesprächen als Kriegsgefangene, von Briten und Amerikanern abgehört und protokolliert, erleben wir sie redselig, mit ihren Heldentaten prahlend.

Cover Sönke Neitzel / Harald Welzer: "Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (Verlag S. Fischer)Cover Sönke Neitzel / Harald Welzer: "Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (Verlag S. Fischer)Solche Protokolle bieten keinen "authentischen" Einblick in das Gefühlsleben deutscher Soldaten, sie stehen zu sehr unter Manipulationsverdacht. Interessanter ist, was der Historiker Sönke Neitzel und der Kulturpsychologe Harald Welzer daraus machen: Sie räumen mit der Vermutung auf, bei den deutschen Wehrmachtssoldaten habe es sich um eine besonders brutale Spezies gehandelt.

Die Autoren werfen einen "unmoralischen, nämlich nicht-normativen Blick" auf die Quellen, wie es sich für die historische Analyse ja auch gehört. Doch das tut weh – vor allem Menschen aus den deutschen Nachkriegsgenerationen, die jene alltägliche Gewalt nicht mehr gewohnt sind, wie sie in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten üblich war - und mancherorts noch immer ist.

<strong>"Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben", von Sönke Neitzel und Harald Welzer</strong>
Verlag S.Fischer


"Eine Frage der Ehre" von Kwame Anthony Appiah ist viel interessanter und zeitgemäßer, als der Titel zuerst vermuten lässt. Ehre ist demnach keineswegs ein veralteter, sondern ein in unsere Moderne passender und nützlicher Begriff.

Cover Kwame Anthony Appiah: "Eine Frage der Ehre" (Verlag C. H. Beck)Cover Kwame Anthony Appiah: "Eine Frage der Ehre" (Verlag C. H. Beck)Der Autor führt mit einem Essay über die Beendigung des unsäglichen Duellierens in die Thematik ein. Er vertieft sie mit Betrachtungen über die Praxis des Füßebindens in China und die Abschaffung der Sklaverei in England. Dabei fällt die historische und gesellschaftliche Kraft des Ehrbegriffes auf. Seine Aktualität wird spätestens deutlich mit einem Abschnitt über die unsägliche Praxis der Ehrenmorde unserer Tage.

Positiv an dem Begriff der Ehre ist seine Identität stiftende Rolle. Sie wiederum lässt sich auch für einen menschlichen Umgang unter uns nutzen. Dies zu erkennen, macht den aufklärerischen
und politischen Charakter dieses Buches aus.

<strong>"Eine Frage der Ehre. Wie es zu moralischen Revolutionen kommt", von Kwame Anthony Appiah</strong>
Verlag C.H.Beck

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