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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.10.2008

Kurz und kritisch

!!Wilfried Witte: "Tollkirschen und Quarantäne", Andrew Keen: "Die Stunde der Stümper", Matthias Horx: "Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt"

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Kurz und kritisch nimmt auch eine Buch von Matthias Horx unter die Lupe
Kurz und kritisch nimmt auch eine Buch von Matthias Horx unter die Lupe

"Tollkirschen und Quarantäne" von Wilfried Witte handelt von einer schlimmen Infektionskrankheit. Andrew Keens "Stunde der Stümper" dreht sich ums Internet. Zukunftsforscher Matthias Horx wirft in "Technolution" zunächst einen Blick zurück.

Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. - Die Geschichte der Spanischen Grippe
Wagenbach Verlag, Berlin

Cover: "Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe" (Wagenbach Verlag)Cover: "Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe" (Wagenbach Verlag)Das Fieber schüttelt den spanischen König ... am 27. Mai 1918 geht eine Meldung über den Ticker. Damit trägt die schlimmste Infek¬tions¬krankheit des frühen 20. Jahrhunderts einen Namen: Spanische Grippe – wiewohl sie zuvor längst an anderen Orten zugeschlagen hat. Wacker blödelt man in der deutschen Presse: "Steht die Menschheit auf der Kippe / Während sie der Wirrwarr quält / Eine neue Form der Grippe / Hat uns bloß bis jetzt gefehlt. / Immerhin! Nach kurzen Wehen / Stellt sie ihre Wirkung ein / In dem Land der Pyrenäen / Möge sie begraben sein." Weit gefehlt! Am Ende sind mindestens 50 Millionen Menschen tot. Von den medizinischen, kultur- und zivilisationshistorischen Folgen der Spanischen Grippe erzählt ein erhellendes Bändchen des Berliner Arztes und Historikers Wilfried Witte. Auch heute ist die Pandemiegefahr längst nicht ausgestanden, die Übertragungsgeschwindigkeit von Krankheitserregern hat sich im Gegenteil vervielfacht. Darum: hygienische Pflichtlektüre, für alle, die sich ungern die Hände waschen. Geistigen Genuss bereitet sie dennoch.


Andrew Keen: Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören
Hanser Verlag, München

Cover: "Andrew Keen: Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören" (Hanser Verlag)Cover: "Andrew Keen: Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören" (Hanser Verlag)"Die Wissensgesellschaft ist der größte Banalisierungsschub der Moderne!” So zürnte Hanser-Verleger Michael Krüger schon vor zehn Jahren, als das Internet gerade mal zaghaft an die Tür pochte. Nun hat er einen Autor gefunden, der diese Dia¬g¬nose sogar noch überbietet: "Die Affen übernehmen die Macht", behauptet der US-Internet¬pio¬nier Andrew Keen. Der Traum eines kostenlosen Wissensspeichers habe sich in einen Alptraum verwandelt. Halbwahrheiten und Gerüchte, Blogger-Narzissmus und versteckte Firmen-PR prägten das Gesicht der neuen Informationsgesellschaft. Die Vorstellung vom "edlen Amateur", der Institutionen wie das Mitmachlexikon Wikipedia seriös verwalte, beruhe auf einem grausamen Irrtum, sagt Keen, denn die Aktiven der Szene seien "ein Haufen größtenteils anonymer, selbstbezüglicher Dünnbrettbohrer". Bohrt der Autor dickere Planken? Nun ja – seine Zivilisationskritik führt den geistigen Weltuntergang als Showdown vor. Amerikanisch eben.


Matthias Horx: Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt.
Campus Verlag, Frankfurt am Main

Cover: "Matthias Horx: Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt" (Campus Verlag)Cover: "Matthias Horx: Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt" (Campus Verlag)Zukunftsforscher haben es schwer, sie rennen mit Riesenschritten ihrer eigenen Widerlegung entgegen. Matthias Horx wirft daher einen sicheren Blick auf die Vergangenheit, bevor er sich selbst prognostisch betätigt. Welche Strukturen bestimmen den technischen Fortschritt, lassen sich aus ihrer Kenntnis künftige Entwicklungen ableiten?

Was grundlegende Tendenzen betrifft vielleicht schon. Im O-Ton: "Wer einmal gesehen hat, wie sich Patienten einer Lungentransplantationsklinik drei Tage nach der Operation die nächste Zigarette anzünden, weiß, wie Soziotechnik die Medizintechnik schlägt." Habituelle und kulturelle Muster bahnen den Weg für neue Technologien oder versperren ihn, sagt Matthias Horx, der über weite Strecken ein amüsanter futurologischer Unterhalter ist. Nur zum Schluss schlägt er über die Stränge. Von neuen Menschenrassen wollen wir wirklich nichts hören! Schließlich ist der Stoff, aus dem sich das Hohngelächter der nächsten Generation speist: Seht her, so bizarr haben unsere Vorfahren gedacht!


Buchtipp:
Jürgen Trittin empfiehlt: Roberto M Unger:
Wider den Sachzwang. Für eine linke Politik.
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach GmbH, Berlin, 2007

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