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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.07.2008

Kurz und kritisch

Michael Ryklin: "Kommunismus als Religion"; Joachim Bußmann: "Globalisierung braucht globale Ordnung"; Mirjam Müntefering: "Tochter und viel mehr"

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Bücher im Regal. (AP)
Bücher im Regal. (AP)

Ein Buch für Salonlinke ist Michael Ryklins "Kommunismus als Religion". Joachim Bußmann forderte in "Globalisierung braucht globale Ordnung", die Reichen und Mächtigen ins Spiel der fairen Marktwirtschaft zurückholen, und Mirjam Müntefering bietet in "Tochter und viel mehr" Launiges aus der Lesbenszene.

Michael Ryklin: Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution
Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main

Cover: "Michael Ryklin: Kommunismus als Religion" (Verlag der Weltreligionen)Cover: "Michael Ryklin: Kommunismus als Religion" (Verlag der Weltreligionen)"Unsere Frage ist nicht 'Töten oder nicht töten', sondern wie die richtigen Leute zum Töten auswählen." Wer hat das gesagt: Mao Zedong? Pol Pot? Stalin? Falsch getippt! George Bernard Shaw notiert diesen Satz 1931 im Begeisterungstaumel einer Russlandreise. Kein Einzelfall, gerade atheistische Westintellektuelle reagierten am stärksten aufs weltliche Glaubensangebot des Kommunismus. Vielfältig und aussagekräftig sind Michael Ryklins Belege dafür, dass der Sowjetkommunismus als Religion auftrat, vom Personenkult übers Unfehlbarkeitsdogma der Partei bis hin zu den liturgischen Inszenierungen der Macht. Da die Schlächter im Dienste der "großen Sache" von keinen metaphysischen Jenseitsvorstellungen gebremst wurden, lauerte hinter den frommen Glücksparolen die blutige Inquisition. Kommunismus als Opium fürs Volk? Schlimmer: als Kunstdroge, die aggressiv und gefühllos macht. Ein Buch für Salonlinke, denen ein bisschen Totalitarismus ganz gut gefällt. Ein bisschen davon gibt es aber nicht. Nie.


Joachim Bußmann: Globalisierung braucht globale Ordnung
R.G. Fischer Verlag Frankfurt am Main

Cover: "Joachim Bußmann: Globalisierung braucht globale Ordnung“ (R. G. Fischer Verlag)Cover: "Joachim Bußmann: Globalisierung braucht globale Ordnung“ (R. G. Fischer Verlag)Aller Groll richtet sich stets gegen diejenigen, die mehr haben als andere, das war 1789 nicht anders als 1917 - und ist in der globalisierten Welt noch immer so. "Die Reichen und die Mächtigen sind weder abgestumpft noch böse. Sie sind einfach woanders", behauptet hingegen Joachim Bußmann. Er will die Abwesenden mit einer "druckvollen Wertordnung" ins Spiel der fairen Marktwirtschaft zurückholen. Von gängigen Antiglobalisierungspamphleten unterscheidet sich Bußmanns Buch durch den pädagogischen Impetus. Wo vier Fünftel der Bevölkerung keine Ahnung von ökonomischen Prozessen haben, muss man sie erklären, bevor man ihre Fehlentwicklungen kritisiert. Das tut der pensionierte Wirtschaftsjurist geduldig. Brillant vor allem seine Ausführungen zum Eigentumsbegriff der Angestelltenwelt, in der sich Manager zwar wie Unternehmer bezahlen lassen, doch keine persönlichen Risiken mehr schultern wollen. Von hieraus lässt sich weiterdenken.


Mirjam Müntefering: Tochter und viel mehr
Piper Verlag München

Cover: "Mirjam Müntefering: Tochter und viel mehr“ (Piper Verlag)Cover: "Mirjam Müntefering: Tochter und viel mehr“ (Piper Verlag)Politik verlangt nach Führung. Wie wäre es mit der Regel "Dominanz durch Ignoranz" aus dem Hause Müntefering? Macht, besagt sie, zeige sich durch Missachtung, nicht durch Aggression. Konnte man der SPD in der Ära Müntefering dies anmerken? Nein. Denn Mirjam Müntefering ist zwar die Tochter vom alten Franz, doch keine Politikerin. Weil sie als Unterhaltungsromanautorin und Hundetrainerin - ihre Weisheit reine Kynologie! - beständig auf den berühmten Vater angesprochen wird, hat sie ihre Absage an derartige Familienhaftung schriftlich formuliert. Konsequenterweise kommt der Vater darin kaum vor. Stattdessen findet sich auf 240 Seiten Launiges aus der Lesbenszene und viel, viel Mut machender Selbstzuspruch: "In neun Jahren siebzehn Bücher zu veröffentlichen, das ist kein Pappenstil." Aber das achtzehnte hätte nicht sein müssen. Wirklich nicht.


Buch-Tipp von Martin Schulz, sozialdemokratischer EU-Politiker:
Horst Stern: Mann aus Apulien. Die privaten Papiere des italienischen Staufers Friedrich II., römisch-deutscher Kaiser, König von Sizilien u. Jerusalem, Erster nach Gott, über die wahre Natur der Menschen und der Tiere, geschrieben 1245-1250, Knaur Verlag, München

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