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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.04.2015

Kurz und kritischDie Deutschen und Auschwitz

Von Ute-Christine Krupp

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Stacheldraht am früheren Konzentrationslager Auschwitz (dpa / Simon Daval)
Stacheldraht am früheren Konzentrationslager Auschwitz (dpa / Simon Daval)

Peter Steinbach fragt, was der Sinn des alljährlichen Auschwitz-Gedenkens am 27. Januar sein kann. Eine Biografie stellt den letzten preußischen Finanzminister Johannes Popitz vor. In seinen Tagebüchern zeigt sich der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg als radikaler Antisemit.

Der 27. Januar ist sein Ausgangspunkt. Der gesetzlich verankerte Tag des jährlich wiederkehrenden Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus inspiriert ihn zu einem facettenreichen Essays. Peter Steinbach fragt, welche Bedeutung die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau für die deutsche, die politische Kultur hat – heute noch, 70 Jahre nach dem Holocaust.

Cover Peter Steinbach: "Nach Auschwitz" (Verlag J.H.W. Dietz)Cover Peter Steinbach: "Nach Auschwitz" (Verlag J.H.W. Dietz)Handelt es sich beim historischen Gedenken nur noch um Pflichtübungen? Haben nicht die Kriege im Irak und in Afghanistan klar gemacht, dass die westliche Welt nicht aufhört hat, Folterorte einzurichten, Nachrichten zu manipulieren, Menschen ohne Gerichtsurteil zu verhören?

Der  Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand reflektiert Geschichte und Gegenwart. Den Nationalsozialisten sei es gelungen, Fraglosigkeit, Gleichgültigkeit und Indifferenz in der deutschen Gesellschaft herzustellen. Das Urteilsvermögen jedes Einzelnen zu schärfen, das sei deswegen vor allem der Sinn des "27. Januar".

Er plädiert dafür, Menschenrechtsverletzungen, Diffamierungen und Ausgrenzungen stets zu benennen, den Opfern von Gewalt zu helfen. Der Gedenktag habe die wesentliche Frage immer wieder neu zu stellen: Wie konnte das passieren?

Nach Auschwitz. Peter Steinbach über die Konfrontation der Deutschen mit der Judenvernichtung, Verlag J.H.W. Dietz Bonn, 108 Seiten, 14,90 Euro, auch als ebook erhältlich.

Der letzte Finanzminister Preußens war seit Juli 1944 in einem Gefängnis der Gestapo untergebracht – als Sondergefangener, ausgestattet mit Privilegien. Auf Wunsch bekam er eine stärkere Glühbirne, Papier und Bleistift.

Johannes Popitz las viel im Gefängnis. Schon als Kind stand das Lesen für ihn nicht nur für Bildung, sondern auch für Ablenkung. Die Klassiker der Literatur kannte er in der Originalsprache, bei Goethe suchte er Antworten auf drängende Lebensfragen. Dem Ideal des deutschen Mannes hatte er nie entsprochen: Klein war er, zierlich, unsportlich und trug eine Brille. So blieb ihm der Militärdienst erspart.

Cover Anne C. Nagel: "Johannes Popitz" (Böhlau Verlag)Cover Anne C. Nagel: "Johannes Popitz" (Böhlau Verlag)Er galt als Experte für komplexe juristische und fiskalische Zusammenhänge. Ein gewissenhafter Mensch war er, glücklich verheiratet. Viel Zeit verbrachte er in der Männerwelt politischer Clubs. Er hatte den Gestaltungspielraum geschätzt, den ihm seine Positionen verschafften.

Im Kaiserreich trat er in den preußischen Staatsdienst ein. Während der Weimarer Republik wurde er Staatssekretär, modernisierte das deutsche Finanzwesen. Und in den 30er-Jahren machte Göring ihn zum Finanzminister. Popitz hatte sich stets mit den neuen politischen Systemen arrangiert.

An der Seite Görings rückte er ins Zentrum der deutschen Macht vor. Hitler und seine Ideen aber verachtete er von Anfang an. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er dann zum Gegner der Nationalsozialisten und erarbeitete ein vorläufiges Staatsgesetz, das nach einem Putsch gegen Hitler in Kraft treten sollte.

Johannes Popitz wurde im Februar 1945 hingerichtet. Eine beeindruckende Biografie über einen mutigen Mann, der drei Epochen deutscher Geschichte erlebte.

Anne C. Nagel über Johannes Popitz, Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler, Eine Biographie. Böhlau Verlag Wien. 251 Seiten, 24,90 Euro.

Alfred Rosenbergs Tagebücher galten lange als verschollen. Erst 2013 wurden sie gefunden. Es gibt nur wenige Selbstauskünfte führender Nationalsozialisten, die auch ins Private gehen: außerdem noch von Joseph Goebbels und Heinrich Himmler.

In Tallinn geboren, zog Rosenberg nach einem Architekturstudium in Riga und Moskau 1918 nach Deutschland. In München schloss er sich der NSDAP an. Er gehörte schnell zum engen Kreis um Hitler.

Cover Alfred Rosenberg: "Die Tagebücher von 1934 bis 1944" (S. Fischer Verlag)Cover Alfred Rosenberg: "Die Tagebücher von 1934 bis 1944" (S. Fischer Verlag)In seinen Büchern und journalistischen Texten entwickelte er das Denkmodell von Rasse und Gegenrasse, von Deutschen und Juden – kombiniert mit der These von einem Gegensatz, der sich nur durch den Sieg der einen über die anderen überwinden ließe. Er suchte nach Legitimationen für die verbrecherische Praxis der Nationalsozialisten.

Seine Tagebücher zeigen das Typische des NS-Führungspersonals, wenn es um das Verhältnis zu Kirche, Außenpolitik und Weltanschauung ging. Sie zeigen ihn auch als Menschen, beschreiben, wie untertänig er sich gegenüber Hitler verhielt, fixiert auf jeden Händedruck des Führers. Er war unfähig zur kritischen Selbstwahrnehmung – und hatte eine eklatante Rechtschreibschwäche.

Neue und detaillierte Einblicke gewähren diese erschreckenden Aufzeichnungen. Sie sind ein wichtiges Dokument zur Geschichte des Nationalsozialismus und portraitieren den Chefideologen des Dritten Reiches als radikalen Antisemiten, der eine Schlüsselposition bei der Vorbereitung und Umsetzung des Holocaust innehatte.

Alfred Rosenberg: Die Tagebücher von 1934 bis 1944, herausgegeben und kommentiert von Jürgen Matthäus und Frank Bajohr, S. Fischer Verlag Frankfurt, 656 Seiten, 26,99 Euro, auch als ebook erhältlich.

Mehr zum Thema:

Leben mit Auschwitz - Schuldgefühle, Ängste und Rituale des Erinnerns
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 10.2.2015)

Kurz und kritisch - Gegen Hitler
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 19.7.2014)

Alfred Rosenberg - Tagebücher eines Machtmenschen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 16.4.2015)

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