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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.08.2015

Kurz und kritischDas Vorspiel zur Revolution

Von Shelly Kupferberg

Königin Marie Antoinette (dpa / picture alliance)
Königin Marie Antoinette (dpa / picture alliance)

Kein Ereignis versetzte das vorrevolutionäre Frankreich so sehr in Aufregung wie die Halsbandaffäre, in die auch die unbeliebte Marie Antoinette verstrickt war. Die Historikerin Benedetta Craveri erzählt die Geschichte dahinter in einem lesenswerten Buch.

Er sollte das "Vorspiel zur Revolution" werden, wie Goethe schrieb: ein spektakulärer Prozess gegen den französischen Hof, im Jahre 1785 - vier Jahre also vor Beginn der französischen Revolution.

Im Mittelpunkt: ein sündhaft teures Diamantencollier – drum herum keine geringeren Protagonisten als die französische Königin Marie Antoinette und ihr Gatte, König Ludwig der XVI. In weiteren Rollen: ein feister, vergnügungssüchtiger, hochrangiger Kirchenfürst und eine verarmte Adelige, rachsüchtig und auf der Suche nach Anerkennung und Reichtum.

Der Skandal befeuerte die anti-monarchische Stimmung 

Anhand eines handfesten, historisch verbrieften Betrugs um das teure Schmuckstück zeigt die italienische Schriftstellerin und Historikerin Benedetta Craveri in ihrem Büchlein auf, wie Intrigen und Verleumdungen das Leben am Hof bestimmten, wie Habgier und Machthunger die Menschen dort zu amoralischem Handeln bewegten.

Schnell machte sich im Volk das Gerücht breit, ein angesehener Kardinal sei wegen einer obskuren Geschichte um ein unbezahltes Diamantenhalsband in die Bastille gesperrt worden – und das Beste: In diese Affäre verstrickt sei vor allem die Königin, die bei ihren Untertanen ach so unbeliebte Marie Antoinette.

Volk und Würdenträger hielten die Verhaftung des Kardinals für übereilt und willkürlich, dies sei ein schockierendes Beispiel für den Machtmissbrauch von Seiten der Krone. Die anti-monarchische Stimmung in Frankreich wurde durch diesen Skandal einmal mehr angefeuert.

Benedetta Craveri: "Marie Antoinette und die Halsbandaffäre" (Berenberg Verlag)Benedetta Craveri: "Marie Antoinette und die Halsbandaffäre" (Berenberg Verlag)

Benedetta Craveris kleines, aber feines Büchlein liest sich wie ein Artikel in einem Promiblättchen, im Kopfkino läuft ein spannender, süffiger Ausstattungsfilm. Die Lektüre um so viel Missgunst und Intrige, Schauspielkunst und Lüge bereitet großes Vergnügen.

In ganz Europa verfolgte man die Neuigkeiten am französischen Hofe

Allseits bekannt ist die Verschwendungssucht des Adels am Hofe, hier aber geht es letztlich vor allem um den Kampf zwischen Aristokratie und Fragen der Gesetzbarkeit. Welche Rolle spielte die Krone vor Gericht, wenn es ihr selbst an den Kragen ging im vorrevolutionären Frankreich? Wie versuchte sie, in das Justizgeschehen einzuwirken?

Es war ein Prozess von großer Bedeutung. In ganz Europa verfolgte man die Neuigkeiten am französischen Hofe. Die Tragweite des Vorfalls entging den Zeitgenossen keineswegs und löste bei den Einen Bestürzung, bei den Anderen Jubel aus. Niemals zuvor gab es so viele öffentliche Berichte und ein so großes Interesse daran wie damals.

Der Tag der Urteilsverkündung, der 6. Mai 1786, war der Tag, an dem die französische Monarchie für viele Menschen gänzlich ihr Ansehen verlor. Nur sechs Jahre später sollte Marie Antoinette - einige Monate nach ihrem Gemahl - enthauptet werden.

Benedetta Craveri: Marie Antoinette und die Halsbandaffäre
Aus dem Italienischen von Anna Leube
Berenberg Verlag
96 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema:

"Leb wohl meine Königin"
(Deutschlandradio Kultur, Filme der Woche, 30.05.2012)

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