Kurz und kritisch

28.03.2010
Gunter Dueck befasst sich in "Aufbrechen" mit dem Gesellschaftsumbau. Wolfgang Benz setzt sich in seinem "Handbuch des Antisemitismus" mit dem Judentum auseinander. Und Kati Martons schreibt in "Die Flucht der Genies" über Juden und Ungarn.
Gunter Dueck: Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen
Eichborn Verlag

Einen radikalen Gesellschaftsumbau propagiert Gunter Dueck in seinem Buch "Aufbrechen!". Anders als mit einer breiten Bildungsoffensive lasse sich unsere Wohlstandsgesellschaft nicht retten. Nach der zunehmenden Mechanisierung der industriellen Produktion steht uns nun die massive Rationalisierung im Dienstleistungssektor bevor. Ein Großteil der Deutschen werde dabei den bisherigen Job verlieren.

Neu ist daran weniger die Richtung der Argumentation als vielmehr deren Radikalität. Tatsächlich schreitet der Wegfall klassischer Dienstleistungen schneller voran als die meisten ahnten. Und man sollte die Warnung schon deshalb ernst nehmen, weil Dueck als Cheftechnologe von IBM selbst den IT-Vormarsch für alle Bereiche des Lebens kennt - und plant.

Bemerkenswerter als seine Thesen ist jedoch das Buch an sich. Gewollt oder ungewollt ist "Aufbrechen!" ein Dokument jener neuen Zeit geworden, in der Twitter- und Facebook-geprägte Autoren die Typografie und Struktur ihrer Bücher zunehmend auflösen und Analyse immer stärker mit persönlichem Empfinden mischen. Die Zahl der Ausrufezeichen und gedanklichen Einschübe in Klammern geht in die Tausende.

Zudem zeigt "Aufbrechen!" eindrucksvoll die Hybris gutbezahlter Manager, die heute zunehmend glauben, dass sie die besseren Politiker wären. Dabei spiegeln sie nur vor, gedankliche Sterne-Köche zu seien. In Wahrheit servieren sie dem Leser Hausmannskost.

Was soll man von einem Buch halten, das mit folgenden bemerkenswerten Sätzen endet: "Wenn Sie sich anschauen, was ich will, klingt das wieder verdächtig pauschal, wie ein Programm 2050 einer großen Partei, die von allen gewählt werden will. Der Unterschied ist, dass ich es wirklich von Herzen will.” Dueck hat Recht: Die Deutschen müssen Angst haben. Die Frage ist nur, wovor. Vor dem tatsächlichen gesellschaftlichen Wandel oder vor solchen Zukunftsforschern.


Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 2, Personen
Verlag de Gruyter

Rund 700 ausgewählte Biografien von Persönlichkeiten aus aller Welt von der Spätantike bis zur Gegenwart werden in diesem Handbuch vorgestellt, Judenfeinde und Förderer des Antisemitismus ebenso wie bekannte Opfer. Das Spektrum reicht von den ersten Repräsentanten antijüdischen Denkens wie Papst Leo dem Großen, Martin Luther oder Richard Wagner bis hin zu antisemitischen Vertretern der Gegenwart wie David Irving, Horst Mahler oder Mahmud Ahmadinedschad. Es finden sich aber auch Namen, die man in diesem Handbuch nicht unbedingt erwartet hat.

Heinrich und Thomas Mann etwa, Theodor Fontane oder Johann Wolfgang von Goethe sind eingetragen. "In jedem größeren Werk von Thomas Mann", heißt es beispielsweise, "spielen Juden, oftmals diffamierend dargestellt, eine Rolle." Theodor Fontane bezeichnete ein halbes Jahr vor seinem Tod in einem Brief die Juden als "ein schreckliches Volk", dem "etwas dünkelhaft Niedriges" anhafte. Und Goethe schließlich wurde von Hitler zum Kronzeugen seiner Rassenideologie gemacht.

Da hier aber nicht nur Judenfeinde, sondern auch Opfer zu finden sind, das Phänomen der Judenfeindschaft ausdrücklich "ohne zeitliche und räumliche Begrenzung" betrachtet wird, wie es auf dem Buchrücken heißt, braucht man nach den Lücken in diesem Handbuch nicht lange zu suchen. Es geht darum, einen Überblick zu bekommen. Und in vier, fünf Jahren soll die Edition mit dann insgesamt sieben Bänden zu Begriffen und Theorien, zu Ereignissen und Kontroversen, Organisationen und Institutionen, schließlich zu Publikationen und einem Überblick über die Kulturwelt abgeschlossen sein. Damit liegt dann ein umfangreiches Nachschlagewerk vor, das eine erste Orientierung zum Thema gibt.


Kati Marton: Die Flucht der Genies. Neun ungarische Juden verändern die Welt
Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag,

Neun Personen mit gemeinsamen Merkmalen: Sie sind Ungarn und Juden – und mit einem vagen Sammelbegriff: Genies. Arthur Koestler, Robert Capa, Michael Curtiz, Alexander Korda, Edward Teller und weitere – sie sind herausragende Gestalten ihrer Fachrichtungen: Literatur, Film, Fotografie, Physik. Große Teile des Budapester Bildungsbürgertums vor dem Ersten Weltkrieg waren jüdisch. Kati Marton lässt vor uns die Kaffeehauskultur auferstehen, in der ununterbrochen diskutiert und geplant wurde. Nach 1918 wurde der Antisemitismus Staatsräson.

Viele der jungen Frauen und Männer flüchteten, wechselten die Länder, änderten die Namen. Kertész fotografierte in Paris, Teller studierte in München und Leipzig. Hunger war für viele ein ständiger Begleiter, aber die Kleidung war immer elegant. Robert Capa und seine Lebensgefährtin waren im spanischen Bürgerkrieg und fotografierten dort. Gerda Taro kam ums Leben und Capas Foto vom Soldaten, den die Kugel in dem Augenblick trifft, in dem Capa fotografierte, machte ihn zur Legende der Kriegsfotografie. Ihr konnte er nicht mehr entkommen, bis der Krieg in Indochina ihn tötete.

Marton schildert neun sehr unterschiedliche Schicksale, schildert Menschen, die viel ausgehalten haben und oft kämpfen mussten - wie der Produzent Alexander Korda, der in Hollywood und London immer wieder pleite ging, dem wir aber Filme wie "Casablanca" und "Der Dritte Mann" verdanken. Diese Genies blieben fremd im Ausland und einsam in ihrer Sprache, die kein Nicht-Ungar deuten konnte. Neun Leben voller Spannung, spannend erzählt.
Cover: "Gunter Dueck: Aufbrechen!"
Cover: "Gunter Dueck: Aufbrechen!"© Eichborn Verlag
Cover: "Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus"
Cover: "Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus"© Verlag de Gruyter
Cover: "Kati Marton: Die Flucht der Genies"
Cover: "Kati Marton: Die Flucht der Genies"© Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag