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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.03.2017

Kurz-Prosa von Alissa WalserWunderbare Geschichten von Leuten mit Problemen

Von Manuela Reichart

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Cover von "Eindeutiger Versuch einer Verführung" von Alissa Walser vor einer Straßenszene in New York City. (picture-alliance / dpa / Daniel Gammert / Hanser Literaturverlage)
Cover von "Eindeutiger Versuch einer Verführung" von Alissa Walser vor einer Straßenszene in New York City (picture-alliance / dpa / Daniel Gammert / Hanser Literaturverlage)

Alissa Walser braucht nicht viele Seiten, um eindrucksvoll zu erzählen. In ihrer Kurz-Prosa erleben wir junge Menschen, die um ihre Liebe ringen, oder die Gefühle einer Tochter, die mit ihrer Mutter konkurriert. Walsers sehr gelungene Alltagsminiaturen kann man in dem Band "Eindeutiger Versuch einer Verführung" kennen lernen.

Eine junge Frau nimmt an einem Schreibworkshop teil: Dort soll "ihr als durchschnittlich empfundenes Leben eine Geschichte werden". Was erwartet wird - "kurze Sätze mit ein paar kurzen Nebensätzen dran" - hat jedoch wenig mit ihren Gefühlen, Wahrnehmungen und mit der von ihr geschätzten Literatur zu tun, denn sie möchte so schreiben, "als habe Truffaut eine Schauspielerin gebeten, mal kurz ein paar Worte über ihren Ex zu verlieren".

Dieser Satz bleibt im Gedächtnis, sofort erinnert man sich an Bilder aus Truffaut-Filmen, an Fanny Ardant, Jeanne Moreau, Oscar Werner und Jean-Pierre Léaud. Diese wunderbaren Schau­spie­ler haben zwar nichts in diesen kurzen Geschichten verloren, sind ihnen jedoch auch nicht fern, denn diese Autorin entwirft flüchtige literarische Bilder, die trotzdem Be­stand haben, sie denkt und schreibt szenisch und ist schon deswegen dem Kino nah: Wie reden Frau und Mann im Streit miteinander, was macht eine Frau, die in New York ver­geblich auf ein Taxi wartet und am Ende gerade noch rechtzeitig eines erwischt, um den Flug nicht zu verpassen. Was sie einerseits froh stimmt, andererseits aber auch traurig macht.

Absurde Alltagsminiaturen

Bei der Lektüre dieser Kurz-Prosa werden die literarische Figuren deutlich und spürbar: nicht mehr junge Menschen, die um ihre Liebe ringen oder um die Erinnerung daran, Paare, die ein­ander so gut kennen, dass sie vermeintlich alles von einander wissen, die einander überdrüssig sind und doch beieinander bleiben, die sich mit anderen Paaren treffen und dabei verzweifelt ver­suchen "die Zeit totzuschlagen". Eine Tochter, die sich müde der ewig gleichen Koch-Kon­­kurrenz mit der Mutter stellt, eine Frau, die sich um einen Hund aus dem Tierheim be­wirbt und am Ende abgewiesen wird - mit dem Schreiben einer unzuverlässigen Mitarbeiterin, die es hasst "nicht positiv zu antworten".

Alissa Walser entwirft Alltagsminiaturen, deren Absurdität immer wieder im spannungs­reichen Widerspruch zur ruhigen Sprache und unaufgeregten Erzählhaltung steht. Sie erzählt von nachdenklichen, nicht gerade erfolgsverwöhnten Menschen, denen aber die Sym­pathie sicher ist: die der Autorin und die der Leserin.

"Ich frage mich, warum mir Leute mit Problemen lieber sind als Leute, die Probleme lösen. Die Problemlösertypen sind mir suspekt. Wenn ein Problemlösertyp ein Problem nicht lösen kann, fühlt er sich total vernichtet. Wie ein Kind, dem das Vögelchen, das es durchzufüttern versucht, in der Hand weggestorben ist."

Alissa Walser: Eindeutiger Versuch einer Verführung
Hanser Verlag, München 2017
160 Seiten, 17 Euro

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