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Tonart | Beitrag vom 10.10.2018

Kurt Vile: "Bottle It In" Der Indie-Liebling der Saison

Von Bernd Lechler

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Der US-amerikanische Musiker Kurt Vile beim South by Southwest Music Festival am 17. März 2018 in Austin, Texas. (picture alliance / dpa / Jack Plunkett)
"Ich höre die endlosen Möglichkeiten in einer Idee", sagt der US-amerikanische Musiker Kurt Vile. (picture alliance / dpa / Jack Plunkett)

Der Gitarrist und Songwriter Kurt Vile aus Philadelphia pflegt einen lässigen Stil. Damit schaffte er es schon ins Stadion-Vorprogramm von Neil Young. Sein neues Album "Bottle It In" klingt nach den 70-ern. Und das soll es auch.

Klar werden sie ihn wieder "Slacker" nennen, so guckt er ja auch vom Cover mit der Secondhand-Vinyl-Anmutung: Die Lockenmatte halb im Gesicht, herzig schiefes Lächeln, Vintage-Gitarre – wie sein eigener Roadie. Aber: acht Alben in zehn Jahren, Stadionvorprogramm von Neil Young, dafür braucht man Biss und Leidenschaft. Der schluffige Kurt ist nur die halbe Wahrheit.

Kurt Vile: "Ich hab nie das Ganze schon vorher im Kopf. Aber ich ahne, wenn etwas gewaltig werden kann. Ich höre die endlosen Möglichkeiten in einer Idee. Wie auf der Bühne auch: Es sind immer dieselben Akkorde, aber die kannst du unendlich variieren. Das ist das Schöne an Musik."

Album entstand beim Kurzurlaub

"Bottle It In" entstand an diversen Orten von Philadelphia bis Los Angeles; an spielfreien Tagen oder beim Kurzurlaub mit der Familie nach einer Tour - Kurt Vile hat zwei kleine Kinder. Er besuchte Toningenieure und Produzenten, die er schätzt, meist welche mit Retrovorlieben, und freut sich, wenn man befindet, sein Album klinge nach den 70-ern – das soll es nämlich.

Mal abgesehen davon, dass ein typisches, sagen wir, Tom-Petty-Album selten gleich drei Zehnminüter mit langen Instrumentalbögen enthielt.

"Die Songs haben alle ein Pop-Gespür, aber im Studio verliert man sich leicht. Nicht, dass man nicht weiß, was man tut, im Gegenteil. Du tauchst ein, du spielst und spielst – und eh ich mich's versehe, behalt ich das ganze Ding. Wenn Musik wirklich wahrhaftig und organisch ist, verliert man sich darin, es ist fast wie spiritueller Jazz. Manchmal entpuppt sich's hinterher als langweilig. Aber solang mein Kopf wippt und ich das Gefühl habe: Das muss so lang, dann bleibt's auch so lang."

Prägnante Bilder in den Texten

"Ich war am Strand – aber dachte an die Bucht. Kam zur Bucht – aber war schon weit weg", singt Kurt Vile in "Bassackwards". Oder in "Hysteria": "Stoppt das Flugzeug, ich will raus, fahrt an der Wolke rechts ran". Er schafft wunderbare Bilder, aber was sie bedeuten, bleibt oft rätselhaft. Beim Schreiben verstehe er sie intuitiv, sagt er. Sie zu erklären, falle ihm schwer.

In "Loading Zones" geht es ums Kurzzeitparken in den Ladezonen von Philadelphia: Ranfahren, fix Dinge erledigen, dann weg, bevor's ein Ticket gibt. Wieder diese prägnanten Bilder - und die Frage, ob das Anekdote ist oder Lebensphilosophie oder beides. Kurt Vile allein weiß es:

"Zumindest das Grundgefühl ist mir klar. Meistens gibt es den einen Satz, in dem das Thema steckt, und der wird wiederholt. Die anderen Zeilen können dazu passen und die Story stützen – oder ich kreise eher psychedelisch oder humoristisch drumrum."

Kurt Vile klingt nicht neu auf "Bottle It In". Etwas polierter vielleicht als zuletzt, weiter weg von Country und Folk; noch ein Stück eigener, selbstbewusster. Und wie immer sind seine besten Songs ausufernd und auf den Punkt; windschief und virtuos; berührend und cool. Er bleibt, zu Recht, der Indie-Darling, auf den sich alle einigen können. Und Slacker nur zum Schein.

"Ich werde nicht graderaus singen: Fuck you, Trump – das weiß eh jeder normale Mensch. Aber wie kaputt die Welt ist, kommt etwa im Song 'Check Baby' durchaus vor. Manchmal schreibe ich Zeilen über Leute wie Trump, aber dann nehm ich sie doch wieder raus. Das Gefühl bleibt drin, nur ohne das Jammern und Mit-dem-Finger-zeigen. Aber was so los ist auf der Welt, landet definitiv in meinen Songs."

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