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Studio 9 | Beitrag vom 08.09.2016

Kurse für geflüchtete FrauenAlphabetisierung in einer Fremdsprache - geht das?

Von Susanne Arlt / Online-Bearbeitung: mcz

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Eine Teilnehmerin des Alphabetisierungskurses sitzt am 30.08.2016 im Klassenzimmer der VHS Erfurt (Thüringen).  (dpa / picture alliance / Andreas Göbel)
Eine deutsche Frau nimmt an einem Alphabetisierungskurs in Erfurt teil. Wie schwer muss es für Frauen aus anderen Ländern sein, eine neue Sprache und Schreiben und Lesen zu lernen? (dpa / picture alliance / Andreas Göbel)

Seit zwei Jahren unterrichtet Daniela Dachrodt in Berlin geflüchtete Frauen, die weder lesen noch schreiben können, in der deutschen Sprache. Dabei kommt es immer wieder zu Missverständnissen - doch die Mühe lohnt sich.

Ohne Gestik und Mimik läuft in diesem Kurs nichts. Daniela Dachrodt steht vor einem langgestreckten Tisch, ihr gegenüber neun Frauen. Wenn sie mit ihnen redet, dann machen ihre Hände oft vor, was sie meint. Bei dem Adjektiv "groß" breitet sie die Arme aus, beim Verb "essen" führt sie ihre Hand zum Mund, beginnt zu kauen. 

Die Frauen lächeln, jetzt haben fast alle verstanden. Aufmerksam schauen sie zur Tafel, dann in ihre Lehrbücher.

Die deutsche Sprache ist diesen Frauen fremd, Lesen und Schreiben aber auch. Die wenigsten von ihnen haben eine Schule besucht.

Sie stammen aus Syrien, Somalia, dem Libanon, Afghanistan und Tschetschenien, sind zwischen 30 und Anfang 60. Die tiefen Falten in ihren Gesichtern erzählen von einem anstrengenden Leben, von Krieg und Flucht. Das haben sie gemeinsam, aber verständigen können sie sich kaum.

Gestik und Mimik als internationale Sprache 

Gestik, Mimik und die Symbole an der Tafel sind darum in diesem Alphabetisierungskurs in der Bildungsstätte für Migrantinnen und Flüchtlinge JACK in Berlin-Neukölln so wichtig. Sie sprechen eine internationale Sprache. Zumindest meistens, sagt Daniela Dachrodt und lacht:

"Wenn es um das Thema 'nach dem Befinden fragen' ging, dann habe ich immer gesagt 'gut' und die Daumen hochgehoben. Das ist zum Beispiel ein Zeichen, was man in einigen Ländern Iran und Afghanistan gar nicht machen soll, das ist so wie bei uns der Mittelfinger."

Auch die Dozentin lernt dazu. Seit zwei Jahren unterrichtet Daniela Dachrodt geflüchtete Frauen, die weder schreiben noch lesen können. Keine leichte Aufgabe. Analphabeten schreiben in der Regel Wörter nach ihrem Gehör. Die deutsche Sprache ist für diese Frauen aber genauso fremd, wie das lateinische Alphabet.

"Ich muss gleichzeitig mit dem neuen Vokabular, mit den Sätzen, die wir lernen, eben auch die Buchstaben einführen, und das alles in einem Schritt. Da ist die große Herausforderung, dass man nicht eine gemeinsame Kommunikationssprache hat, die ohne weiteres verstanden werden kann."

"Überhaupt nicht selbstverständlich"

Daniela Dachrodt hat dafür eine halbjährige Zusatzsausbildung absolviert: Deutsch als Zweitsprache. Eine Antwort des Bundes auf die Flüchtlingssituation, entwickelt vom Bundesamt für Flüchtlinge und dem Goethe-Institut. Grammatik wird in diesem Kurs nicht ganz so intensiv gelehrt, auch weniger linguistisches Fachvokabular. Nach vier Monaten täglichem Unterricht sind sie im Alphabet inzwischen beim M angekommen. Buchstaben sind vergleichsweise einfach, sagt Daniela Dachrodt.

"Das Problem ist eben bei den Frauen, die noch nie eine Schule besucht haben, aus zwei Buchstaben eine Silbe zu bilden. Das ist eben überhaupt nicht selbstverständlich, sie kennen das M, also den Laut MMM, das A. Und daraus zusammengenommen ein Ma zu machen ist überhaupt nicht selbstverständlich und das klappt nach vier Monaten bei der Hälfte leider immer noch nicht."

Trotzdem, diese Frauen lassen sich nicht entmutigen. Macht eine einen Fehler, dann lacht sie darüber und versucht es gleich noch einmal.

"Rita, was isst du gern?", fragt Daniela Dachrodt und legt die Hand an ihre Brust. 

Gern, bei diesem Wort fasst sich auch Rita an die Brust. Die 29 Jahre alte Frau stammt aus Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Den Kurs hier besuche sie sehr gern, erzählt sie und drückt dabei noch fester ihre Hand an die Brust. Zuhause in Nairobi durfte sie nicht zur Schule gehen, weil sie eine Frau ist.

Frauen sind stolz

"Nee, keine Schule, aber mein Papa viele, viele , viele Kinder, viele Kinder, keine Schule. Aber Farm ja, ja, arbeiten. Mann Schule ja, aber Frau nicht."

Daniela Dachrodt teilt jetzt linierte Zettel aus. Darauf sollen die Frauen nur ein Wort abschreiben, das in ihrem Lehrbuch gedruckt steht. Gadischa aus Somalia fällt das nach vier Monaten trotzdem immer noch schwer. Aus dem A wird ein O und somit aus Papa ein Popo. Daniela Dachrodt muss lächeln.

"Ah ja … du bist schon fertig PAPA, A nicht O, okay Chef … gut, jetzt bist du fertig und kannst dein Wort an die Wand hängen."

Nach zehn Minuten kleben dort neun Wörter. Und neun Frauen stehen stolz davor.

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