Kurs halten

Segeln - für Autisten eine besondere Herausforderung. © Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas
Von Anna Marie Goretzki · 07.09.2013
Spezielle Freizeit- und Urlaubsangebote für Menschen mit Autismus sind rar. Eine der wenigen Ausnahmen: Eine Segelschule bietet Segeltörns für Asperger-Autisten. Ein besonderes Abenteuer, denn Geselligkeit und Enge bereiten den Betroffenen oft Stress.
Rollo: "Sören, hältst Du auch Kurs? Du guckst nämlich gerade gar nicht hin. Fährst gerade ganz woanders wieder hin. Wenn wir da jetzt in die Bucht reingehen, dann müssen wir aber nach Stockholm möglichst früh rein."

Sören: "Jetzt bewegt er sich langsam, wir fahren nur 3,5 Knoten."

Sören steuert die 14-Meter-Yacht "Intention" - aufmerksam beobachtet vom Skipper Rollo Beckmann. Großsegel und Fock sind gesetzt, die Sonne steht tief, an Back- und Steuerbord ziehen abwechselnd schwedische Schären-Inseln vorbei. Immer wieder lugt ein kleines rotes Holzhäuschen hervor.

Rollo Beckmann: ""Oh, oh, oh, oh, oh, jetzt fährst du aber Schlangenlinien. Du musst geradeaus fahren."

Es ist eine ungewöhnliche Crew, die hier in den schwedischen Schären segelt. Sören, Dagmar, Johannes, Timo, Sebastian und Robin sind Asperger-Autisten. Gemeinsam mit der Ergotherapeutin Lena Kudi und dem Skipper Rollo Beckmann steuern sie sieben Tage lang gemeinsam ein Schiff, müssen dazu ständig kommunizieren und flexibel sein - mit beidem haben die meisten Autisten Schwierigkeiten. Trotzdem ist der 23-jährige Sören, blond, breite Schultern, blaue Augen bereits zum sechsten Mal dabei. Seit seinem ersten Törn hat er große Fortschritte gemacht:

Lena Kudi: "Hey, Sören, du bist ja am Steuern. Boah, ich bin begeistert."
Rollo: "Schon die ganze Zeit!"
Lena: "Ehrlich?"
Rollo: "Hat er sonst nie gemacht!"

Lena Kudi und Rollo Beckmann sind begeistert. Unter Anleitung des Skippers steuert Sören die "Intention" in eine Bucht. Der Ankerplatz für die Nacht.

Seit sieben Jahren bieten die beiden Segeltörns für Menschen mit Asperger-Syndrom an. Die autistische Behinderung geht einher mit Beeinträchtigungen im sozialen Umgang und in der Kommunikation. Sören zum Beispiel meidet Blickkontakt und hat Probleme, ein Gespräch zu führen. Dafür kann er sehr gut mit Zahlen und Daten umgehen, er hat ein ausgeprägtes Interesse für Tiefen- und Höhenangaben, Schwimmen und Tauchen.

Am nächsten Morgen ist Sören als erster im kalten Wasser. In Badehose und mit Schwimmbrille umrundet er die Yacht. Nach und nach kriechen die anderen Crew-Mitglieder aus ihren Kojen und kommen verschlafen an Deck.

Sören: "Das ist der Johannes."

Mit 20 Jahren das erste Mal richtig schwimmen
Auch der 20-jährige Johannes. Heute morgen traut er sich das erste Mal in seinem Leben, zu schwimmen, obwohl der Boden nicht sichtbar ist. Lena Kudi, die ihn seit Jahren kennt, kann es kaum glauben:

"So richtig ins Wasser ist es das erste Mal."
"Johannes, du musst nicht weitermachen, wenn du nicht willst. Du kannst. Du musst nicht."
"Ich geh' nochmal zu Dagmar."
"Ja, mach', mach'. Schwimm' mal dahin."

Johannes wagt sich noch ein zweites Mal in das grüne Schärenwasser und steigt dann über die Badeleiter zurück an Bord.

Nach dem Frühstück lichtet die Crew den Anker und nimmt Fahrt in Richtung Stockholm auf. Das Fahrwasser ist eng und verhindert das Segeln. Die Intention zieht an Inseln vorbei, die wie gestrandete Grauwale aussehen. Sören erinnert sich an die Stationen seiner vergangenen Segeltörns:

Sören: "2008. In Deutschland. Wir waren in Großenbrode, wir waren um Fehmarn herum, ein Mal in Burg auf Fehmarn."

Sören hat wie viele Autisten ein gutes kalendarisches Gedächtnis.

"Elf waren wir auch in Neustadt, Poel, Rerik, Warnemünde."
"Zwölf waren wir wieder hier in Schweden."

Am Abend im Stockholmer Hafen kommt der Skipper Rollo mit Timo ins Gespräch über seine Behinderung:

Rollo: "Wodurch ist es bei Dir denn auffällig gewesen?"
Timo: "Tja, vor allen Dingen natürlich im sozialen Bereich, dass ich weder Augenkontakt richtig halte. So leichte Sachen sind da drin. Irgendwie hatte ich immer so das Gefühl, ich fall' durch so ein Raster da durch."
Rollo: "Hast du das dann selber auch irgendwie gemerkt für Dich?"
Timo: "Nicht so wirklich. Meistens ist es immer so den anderen aufgefallen."
Rollo: "Also du hast dich als normal angesehen?"
Timo: "Ja."

Timo ist nicht wie viele andere nach der Diagnose in ein schwarzes Loch gefallen, sondern empfand es als Erleichterung endlich - im Alter von 28 Jahren - zu wissen, dass er Asperger-Autist ist. Seit seinem ersten Segeltörn mit Rollo Beckmann hat er - wie er selbst findet - große Fortschritte gemacht:

Timo: "Blick wird immer jetzt besser merke ich dann doch."
Rollo: "Dass du einen anguckst?"
Timo: "Ja."
Rollo: "Ja, das hast du erst überhaupt nicht gemacht. Du hast dich in der Hinsicht deutlich verbessert. Also noch zu Anfang ... der guckte einen an und dann sofort wieder weg."
Dass Timo, Sören oder Johannes an Segeltörns wie diesem teilnehmen können, hilft ihnen, im geschützten Rahmen das auszuprobieren, was im normalen Leben aufgrund ihrer Behinderung nicht so gut klappt.

Lena: "Flexibilität wird ständig verlangt. Das ist schon eine Therapie. Spontaneität. Oder dieses: nicht zu wissen, was passiert morgen. Alles das, was im Grunde therapeutisch gedacht ist, aber du setzt es nicht auf, du machst es einfach. Es ist Urlaub. Und das steht im Vorfeld."
Rollo: "Genau! Und das wiederum kannst du dann bei vielen hier sehen, wie die Entwicklungen sind."
Lena: "Genau."

Nach einer hellen skandinavischen Sommernacht setzt die Crew am nächsten Morgen die Segel.

Rollo: "Seid ihr bereit? So, zieh! Zieh, zieh, zieh, zieh."

Sören sucht sich am Heck des Schiffes einen Platz und lässt die Beine ins Wasser baumeln.

Johannes wirft die Musikanlage der Yacht an. Timo stimmt in den Text ein während die "Intention" Stockholm verlässt..

"Fragt mich einer warum, ich so bin bleib ich stumm, denn die Antwort darauf fällt mir schwer, denn was neu ist wird alt und was gestern noch galt, stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr."