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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.01.2019

Kuren für pflegende Angehörige"Mal Luft holen, Kraft schöpfen"

Von Cornelia Wegler-Pöttgen

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Mehrere Kurgäste schwimmen am 23.01.2008 in einem Becken des Aussenberichs der Therme in Bad Griesbach  (picture-alliance / dpa / Armin Weigel)
Bei manchen Kuren können Menschen, die einen Angehörigen pflegen, diesen mitbringen. (picture-alliance / dpa / Armin Weigel)

Wer einen Angehörigen pflegt, ist meist im Dauereinsatz, bräuchte dringend eine Kur. Aber was wird dann aus dem Pflegebedürftigen? Manche Reha-Einrichtungen bieten mittlerweile Kuren an, bei denen der pflegebedürftige Angehörige als Begleitung mitreist.

Wer einen Angehörigen pflegt, ist meist im Dauereinsatz, bräuchte eigentlich dringend eine Kur. Aber was wird dann aus dem Pflegebedürftigen? Das Landhaus Fernblick in Winterberg bietet Kuren, bei deinen der pflegebedürftige Angehörige einfach als Kurbegleitung mitreist.

"So meine Damen, heute haben wir Pezziball-Gymnastik, der große runde Gymnastikball. Ich möchte ihre Wirbelsäule mobilisieren. Wir fangen mit normalem Hüpfen an, bisschen nach vorne."

Gymnastik, Qi Gong oder Massage

Der Gymnastikraum: Acht Frauen wippen hoch und runter. Kippen die Hüfte. Die Bälle, auf denen sie sitzen, quietschen auf dem Kunststoffboden. Christa Lorenz macht konzentriert mit, eine kleine, zarte Frau Anfang 80.

"Wenn ich seelisch unten bin, dann geht es mir bei körperlicher Arbeit wesentlich besser. Deshalb fühle ich mich hier auch wohl. Weil wir nicht nur sitzen und essen, sondern halt uns auch körperlich bewegen. Das ist gut."
 
Christa Lorenz kommt aus dem rheinischen Kreis Mettmann. Sie ist mit ihrem 84-jährigen, schwer pflegebedürftigen Mann hier. Ohne ihn hätte sie keine Kur gemacht – sie möchte jeden Tag sehen, dass es ihm gut geht. Während Christa Lorenz Gymnastik macht, ihre Anwendungen bekommt, wird er in der Tagespflege betreut. Das ist das Konzept vom Landhaus Fernblick, erklärt Leiterin Isabel Hiob.

"Der pflegende Angehörige ist unser Kurpatient, der bekommt die Therapien. Montags bis freitags und in der Zeit, in der die Therapien laufen, von 8:15 bis 16 Uhr, öffnet die Tagesbetreuung im Haus und dort wird der pflegebedürftige Mensch dann gut versorgt."

Eine Aufgabe, die Karin Sorgers in ihrem Alltag normalerweise selbst übernimmt. Seit drei Jahren pflegt sie ihren Mann in Hamburg. Allein. Er sitzt im Rollstuhl, hat etliche körperliche Behinderungen und ist Bluter. Im Landhaus Fernblick kann Karin Sorgers endlich mal entspannen, die Seele baumeln lassen, für drei Wochen. Vorhin hat sie eine Fangopackung bekommen, war davor beim Nordic Walking und beim Gedächtnistraining. Jetzt schwingt sie einen Gymnastikring: 

"Ich genieße es einfach, was man mir hier anbietet, und ich nehme alles mit. Ich sage zu keiner Anwendung Nein. Ob es Walken ist, Schwimmen, ich mach alles, Qi Gong. Es ist einfach super."

"Permanent den Tränen nah"

Eine halbe Stunde später haben es sich die beiden Kurgäste im Aufenthaltsraum bequem gemacht. An den Wänden hängen Rehgeweihe. Durch die große Fensterfront geht der Blick weit über die Berge des Sauerlandes. Christa Lorenz erzählt von ihrem 84-jährigen Mann, mit dem sie hier ist. Vor sechs Jahren lautete seine Diagnose Alzheimer: 

"Sich zurechtfinden mit dem Alltag, ist natürlich schwierig. Es ist mein Mann. Wir sind 55 Jahre verheiratet, sehr miteinander vertraut. Und dann bricht es über einen herein, dass all die Fähigkeiten, die er hatte, die unser Leben geprägt haben, verloren gehen. Er weiß nicht mehr, welchen Tag wir haben. Mein Mann möchte nicht aufstehen. Er möchte sich nicht waschen. Er rasiert sich nur noch jeden zweiten Tag. Frühstück, da möchte er mir immer sehr gerne helfen. Und macht es auch. Aber es klappt einfach nicht, ist dann so langsam. Er wirft alles durcheinander. Dann kommt die Orange in die Kaffeetasse."
 
Christa Lorenz räuspert sich, schaut auf ihre Hände: 

"Man ist permanent den Tränen nah. Dann kriegt man ein Psychopharmakon. Da schläft man zwar gut. Das hilft mir auch, aber ich werde mit der Situation noch nicht fertig. Also, das dieser Einschnitt uns passiert ist. Man lebt mit einem geliebten Menschen zusammen, der anders ist. Das ist schwierig."

"Man wird auch gestärkt von den anderen"

Karin Sorgers hat still zugehört, zupft ihre pinkfarbene Fleece-Jacke zurecht. Sie nickt. Auch wenn ihr Mann keine geistigen Einschränkungen hat – immer nur für ihn da sein, ihn pflegen, 24 Stunden am Tag, das kennt sie.

"Mein Mann hat Pflegestufe 4. Und ich mach für meinen Mann alles. Ich dusche ihn, ich wasche ihn, ich helfe ihm beim Anziehen, beim Aus-dem-Bett-Gehen, einfach so alles, was man machen muss. Reißverschluss zumachen oder Knöpfe zumachen, das geht gar nicht. Da muss ich schon rund um die Uhr bei ihm sein."
 
Die Frauen trinken Kaffee – und reden miteinander, als wären sie alte Freundinnen. 

"Man wird auch ein bisschen gestärkt von den anderen, die von ihrer häuslichen Situation erzählen. Mal Luft holen, Kraft schöpfen. Geselligkeit mit gleichen Leuten. Die haben ja alle einen kranken Ehepartner. Was ich zu Hause gar nicht hab. Ich komm ja gar nicht mit den Leuten zusammen. Für mich ist das schon erholsam." 

Mehr Leistungsanrechte als bekannt

Einrichtungsleiterin Isabel Hiob kennt die Bedürfnisse von pflegenden Angehörigen. Wichtig für die Betroffenen seien nicht nur medizinische Kuren, sondern auch Beratungen. Sie kennt sich aus mit der Bürokratie rund um Pflegefälle, informiert über Vollmachten und das Pflegestärkungsgesetz. 

"Viele wissen gar nicht, welche Entlastungen sie sich im Alltag holen können. Die sagen: Das ist ein Buch mit sieben Siegeln. Viele pflegende Angehörige denken immer: Wenn sie sich zu Hause Entlastung holen, dann müssen sie das aus ihrem eigenen Portemonnaie bezahlen. Die sagen immer: Ich kriege Pflegegeld. Dass sie aber noch viele weitere Leistungen zur Verfügung haben, das ist denen nicht klar. Da sind viele einfach nicht gut beraten."
 
Die Kosten für die Kurpatienten, also die pflegenden Angehörigen, übernehmen die Krankenkassen.

"Und die pflegebedürftigen Mitreisenden, da müssen wir gucken, dass ein großer Teil der Kosten über die Pflegekasse abgerechnet werden kann. Dann kann ich die Kurzzeitpflege nehmen für die pflegebedingten Aufwendungen oder die Verhinderungspflege, damit werden die Kosten für die Tagespflege finanziert. Unterkunft und Verpflegung werden über den Entlastungsbetrag finanziert. Wenn es gut läuft und man zu Hause noch nicht viele Leistungen in Anspruch genommen hat, kann es sein, dass ich fast nichts selbst bezahlen muss."

"Das ist so ein Verwöhnen"

Karin Sorgers blickt auf die Uhr, steht auf. Der nächste Punkt in ihrem Kurprogramm steht an. Sie muss ins Unterschoss, zur Physiotherapie. In einem kleinen Raum steht eine Massageliege. Physiotherapeutin Ute Winkler wartet schon.

"Wir machen heute eine Fußreflex. Das heißt, auf den Rücken legen. Ich gucke mal, ob die Bank hoch genug ist. Sollte etwas weh tun, einfach melden. Ich leite jetzt erstmal ein bisschen aus. Mal schauen, wie sie drauf reagieren."

"Oh, toll. Das ist so ein Verwöhnen. Ich könnte stundenlang liegen bleiben."

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