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Fazit | Beitrag vom 09.08.2019

Kunstsammler Gerhard Meerwein Ein Mainzer Architekt, der Collagen sammelt

Von Anke Petermann

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Eine Schwarzweißcollage: Ein Gesicht eines Mannes, auf dem eine Hand zu erkennen, die einen Zirkel zwischen den Fingern hält. Außerdem der Schriftzug "El Lissitzky XYZ" sowie allerlei geometrische Formen. (Foto Gerhard Meerwein)
In Gerhard Meerweins Sammlung befinden sich Collagen von Max Ernst und Sigmar Polke, Joseph Beuys und El Lissitzky. (Foto Gerhard Meerwein)

Unter Sammlern ist der Mainzer Architekt Gerhard Meerwein ein Exot: Er hat sich auf Collagen der Nachkriegszeit spezialisiert. Vor vier Jahren schenkte er seine Sammlung dem Arp-Museum. Wir haben den 75-Jährigen in seiner Mainzer Wohnung besucht.

Als Innenarchitekt legte Gerhard Meerwein seine Entwürfe selbst als Collagen vor. Auch in seinem Standardwerk zur architektonischen Farbgestaltung, verfasst gemeinsam mit zwei Berufskollegen, taucht die Collage auf – als Präsentationstechnik.

"Diese Vorschläge beispielsweise zum Thema Schulen sind in der praktischen Arbeit des Innenarchitekten immer begleitet von Material- und Farbcollagen, die ein Stimmungsbild, eine Atmosphäre vermitteln des zukünftigen Raums. Wenn man so will, ist ja ein Raum auch eine Collage aus unterschiedlichen Materialien, Flächen und Farben. So arbeitet man generell dann auch in der Praxis", sagt Gerhard Meerwein.

Ein Bild mit mehreren verschiedenfarbigen Rechtecken auf blauem Hintergrund. (Foto Daniel Rettig)Ebenfalls Teil der Sammlung ist ein Gemälde von Ulrich Erben mit dem Titel "Screen" aus dem Jahre 2006. (Foto Daniel Rettig) 
Kein Wunder also, dass sich der junge Meerwein als Galeriebetreiber Anfang der 1970er faszinieren ließ von einem dreißig Jahre älteren tschechischen Künstler namens Jiří Kolář, "der zufällig auch Collagen macht und sich tschechisch 'Collage' ausspricht". 

Eine Collage von Jiří Kolář war Initialzündung für die Sammlung

1968 stellte Kolář auf der documenta 4 in Kassel aus und später in Meerweins kleiner Mainzer Galerie. "Eigenartig, dass ich damals nicht schon auf die Idee kam, eines seiner Werke zu kaufen", wundert sich der Sammler im Rückblick. "Erst Jahre später, 1976, erwarb ich eine Collage von Jiří Kolář, die im Grunde die Initialzündung zum Weitersammeln zum Weiterbeobachten des Themas Collage auf dem Kunstmarkt auslöste."

Der Schmetterlingskasten mit fünf aufgespießten Papier-Insekten hinter Plexiglas, zusammengeklebt aus dem Foto eines Frauengesichts. "Ich habe Jiří Kolář erst sehr viel später in seinem Pariser Exil kennengelernt, inzwischen besaß ich aber schon eine ganze Reihe von Arbeiten von Jiří Kolář." Gerhard Meerwein sammelte Collagen unterschiedlichster Künstler, darunter Max Ernst und Sigmar Polke, Joseph Beuys und El Lissitzky. Doch nur von wenigen kaufte er mehrere Arbeiten. 

Warum nicht Polke und Ginelli collagieren?

Am Schreibtisch seines Arbeitszimmers blättert der Sammler in einem Ordner, um Fotos von Daniel Ginellis satirischen "Dump-Art-Collagen" zu finden: das Papst-Foto mit Götterspeisetüte, das Stoiber-Foto mit Staubtuch, das Mao-Porträt mit Maoam-Kaubonbons. Der Humor des Berliners gefällt Meerwein. Ein No-Name? "Nicht marktbekannt", nennt es der Mittsiebziger. Und wünscht sich, das Arp-Museum möge die unbekannten Künstler seiner Sammlung mit den großen Namen in thematische Beziehung setzen - warum nicht Polke und Ginelli collagieren?

Drei Streichholzschachteln hintereinanderstehend aufgereiht (VG Bild Kunst Bonn 2019 / Foto Mick Vincenz)Ein weiteres Exponat ist diese Streichholzschachtel-Collage von Stefan Wewerka aus dem Jahre 1971. (VG Bild Kunst Bonn 2019 / Foto Mick Vincenz)
"Die nehmen sich nichts im Nebeneinander. Die steigern sich gegenseitig, die werten sich nicht ab. Und da habe ich Freude dran." Experimentierfreude, Lust am Entdecken sind Meerweins Sammler-Impulse. Er ist kein reicher Erbe und war als Innenarchitektur-Professor kein Großverdiener. Andere gönnten sich Fernreisen, Meerwein stöberte in Antiquariaten und Galerien, auf Messen und Vernissagen nach erschwinglichen Collagen, deren Ästhetik ihn berührte, er kaufte auch bei Studierenden. "Die Lehrtätigkeit ist ja ein einziger Inspirationsfonds."

Neue Heimat Arp Museum

Der Umzug aus seinem Mainzer Altstadthaus war Anlass für Gerhard Meerwein, die Sammlung abzugeben. Die 400 über Jahrzehnte zusammengetragenen Werke wieder in den Kunstmarkt einzuspeisen, erschien ihm absurd. In Mainz fand er kein geeignetes Ambiente für seine Sammlung, in Remagen gab es inzwischen das neue Museum für die Collagen-Pioniere Hans Arp und Sophie Taueber-Arp im historischen Bahnhof Rolandseck und im lichten Neubau des US-Architekten Richard Meier. Eine Kombination, die den Sammler faszinierte.

Gerhard Meerwein neben einer Collage der Frankfurter Künstlerin Gloria Brand. (Anke Petermann)Gerhard Meerwein neben einer Collage der Frankfurter Künstlerin Gloria Brand, zu der er intensiven Kontakt pflegt. (Anke Petermann)

2014 kam Museumsdirektor Oliver Kornhoff bei Meerwein vorbei. Der war gerade dabei, sich von seiner Sammlung "abzunabeln". "Und ich habe gleich gesagt: Es geht um alles oder nichts. Ich wollte das nicht wieder auseinanderreißen." Das Sammeln hat Meerwein abgeschlossen, nur vereinzelt wird er rückfällig. Wie bei einer Papier-Collage von Hanna Höch:

"Ich kann Ihnen die gern mal zeigen", die kleinformatige Arbeit der dadaistischen Collage-Künstlerin aus den 1960er Jahren, "wo sie auch mit Zeitschriftenmaterial arbeitet, aber weniger in der Richtung der figürlichen Arbeiten der zwanziger, dreißiger Jahre, sondern auch mit einem hohen malerischen Impetus."

Auch diese Entdeckung aus dem Buchantiquariat will der generöse Sammler dem Arp-Museum vererben.

Das Arp-Museum hat mittlerweile die dritte Ausstellung aus dieser Schenkung mit dem Titel "Dritter Ausschnitt" zusammengestellt - zu sehen bis Anfang kommenden Jahres im spätklassizistischen Bahnhof Rolandseck.

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