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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2010

Kunstraub im Auftrag Napoleons

Bundeskunsthalle Bonn beschäftigt sich in der Schau "Traum und Trauma" mit dem Feldherrn

Von Ute May

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Exponat aus der Napoleon-Ausstellung in Bonn: Soldatenfiguren aus Pappe (Ansicht von vorne), gefertigt von Straßburger Bürgern Musée de l'Armée, Paris (Musée de l'Armée)
Exponat aus der Napoleon-Ausstellung in Bonn: Soldatenfiguren aus Pappe (Ansicht von vorne), gefertigt von Straßburger Bürgern Musée de l'Armée, Paris (Musée de l'Armée)

Weder in Frankreich noch in Deutschland ist der General und Staatsmann Napoleon Bonaparte bisher mit einer großen Ausstellung bedacht worden. Das ändert nun die Bundeskunsthalle mit der Schau "Napoleon und Europa. Traum und Trauma" auf mehr als 2.000 Quadratmetern mit fast 400 Kunstwerken und Archivalien.

Kaum 20 Jahre hatte Napoleon Bonaparte Zeit, das Frankreich und Europa des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts nachhaltig zu prägen.

Strahlend glänzender Held oder moralisch verkommen - darüber streiten die Historiker. Jedenfalls war er ein begnadeter Strippenzieher, ein kluger General und Propagandist – sagt Bénédicte Savoy, die Kuratorin:

"Seit 2004 hätte man erwarten könne, dass in Frankreich große Napoleon-Ausstellungen stattfinden. Nichts! Es hat keine Ausstellung zu den 200 Jahren Krönung gegeben, es hat keine Ausstellung zu Austerlitz gegeben. In Frankreich ist Napoleon peinlich. Oder man weiß nicht wirklich, wie man mit ihm umgehen kann."

Am 2. Dezember 1804 hatte sich Napoleon Bonaparte in einer spektakulären Geste eigenhändig die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt – Krönung seines Anspruchs, die Geschicke nicht nur Frankreichs, sondern des ganzen Kontinents zu bestimmen und gleichzeitig seine eigene Dynastie zu begründen. In der entscheidenden Dreikaiserschlacht bei Austerlitz 1805 besiegte Frankreich die Heere Russlands und Österreichs.

In der Bundeskunsthalle ist allerorten zu sehen, dass Napoleon nicht nur die Zeit nach der Französischen Revolution für eine politische Neuordnung Europas genutzt hat. Er wollte Paris zu dem Wissenschafts- und Kulturzentrum Europas machen. Was für die Gemäldegalerie des Louvre in Frankreich selbst nicht zu finden war, ließ er aus ganz Europa herbei schaffen. Dominique-Vivant Denon, damaliger Direktor des Louvre-Museums, suchte persönlich aus, berichtet Bénédicte Savoy. Sie erklärt eine Zeichnung, die Mr. Denon bei der Auswahl von Artefakten in der Galerie Kassel im Jahr 1807 dokumentiert:

"Der kniet hier als Experte. Das Bild will uns zeigen, das ist kein gemeiner Raub, sondern Experten-Raub, legaler Raub. Alles dokumentiert der Dicke, das ist der Dikeroitor der Galerie, die gerade ausgeraubt wird. Es wird alles von Experten geraubt und es kommt ganz offiziell nach Paris, in das Musée Napoleon."

Auch auf Werke aus Dresdener Museen warf Dominique-Vivant Denon sein Auge. Er schickte Napoleon eine Notiz:

"Wenn Sie in Dresden gewinnen, da haben wir das, das, das, das ... das wäre gut für uns. Napoleon hat gesagt, nein, das machen wir nicht, das ist ein Verbündeter. Da war Denon sehr entsetzt."

Die umfangreichen Wegnahmelisten, Übergabeprotokolle oder Konstruktionszeichnungen für die Transportwagen von Gemälden machen deutlich, dass die entführten Kunstwerke der Kulturnation Frankreich nutzen sollten und deshalb sorgfältig behandelt und archiviert wurden.

Umgekehrt verdeutlichen Rückgabeanordnungen und Transportdokumente, auf welchen Wegen die meisten Kunstwerke 1815 – nach der vernichtenden Niederlage Napoleons bei Waterloo - wieder in ihre angestammten Museen, Archive und Galerien zurückkehrten. Etwa der "Frachtbrief für vier Kisten mit Kunstschätzen", der den legalen Rücktransport einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert in die Berliner Staatsbibliothek nachweist. Darauf stand:

"Ich, Jacob Grimm, in Paris am 15. Oktober 1815, habe diese Handschrift wieder für Preußen gewonnen."

Die Rückgabe der "Pferde von S. Marco" an Venedig im selben Jahr gilt bis heute als die größte Restitution überhaupt.

Bénédicte Savoy hat über Napoleons Kunst-Raubzüge ihre Doktorarbeit geschrieben. Aber sie weiß, dass sie nur ein Aspekt im politischen Leben von Napoleon sind. Heute würde man ihn einen Polit-Star nennen, sagt sie.

"Er ist 20 Jahre alt, als die Französische Revolution ausbricht. Die Französische Revolution braucht solche neuen jungen Leute wir ihn. Er ist ein Jahrgang mit A. v. Humboldt, mit Hegel, mit Hölderlin."

Napoleon Bonaparte galt vielen liberal gesinnten Deutschen ja nicht als Eroberer, sondern als Befreier von der Feudalherrschaft. Heinrich Heine etwa war ein großer Anhänger des Korsen. Und Beethoven hat seine Bewunderung durch die Komposition der Eroica, der "heldenhaften" Symphonie, ausgedrückt. Auch Maler huldigten dem Kaiser der Franzosen:

"Sei es von Turner hier 'Das Schlachtfeld von Waterloo' oder von Caspar David Friedrich 'Grabmal alter Helden' oder in Spanien durch Goya oder in Frankreich durch Géricault thematisiert wurden – in der großen Kunstgeschichte."

Napoleon selbst skizzierte eine wichtige Schlacht, freut sich Bénédicte Savoy über ein ungewöhnliches Exponat:

"Die hat er auf eine Tischdecke gemalt, am Rande der Hochzeit der Tochter des Königs von Bayern hat er dem König erklärt, wie er in Austerlitz gewonnen hat. ... Das sieht aus wie ein Kunstwerk von Cy Twombly."

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