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Kompressor | Beitrag vom 03.11.2020

Kunstprojekt "He Will Not Divide Us" Am Ende bleibt nur die kaputte Flagge

Arne Vogelgesang im Gespräch mit Massimo Maio

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Shia LaBeouf vor der Streaming-Kamera seiner Installation "He Will Not Divide Us". (AFP / Timothy A. Clary)
Die Installation "He Will Not Divide Us" durchlief in den vier Jahren der Amtszeit von Donald Trump viele Wandlungen. (AFP / Timothy A. Clary)

Das Kunstprojekt "He Will Not Divide Us" hat sich in den vier Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps ganz anders entwickelt, als zunächst gedacht. Aber es ist zum Spiegel der gesellschaftlichen Polarisierung und digitaler Diskurse geworden.

Am Tag der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump, am 20. Januar 2017, startete auch das Kunstprojekt "He Will Not Divide Us". Das Künstlertrio LaBeouf, Rönkkö & Turner installierte damals vor einem New Yorker Museum eine Live-Kamera, um die Amtszeit von Trump auf diese Weise im Livestream zu begleiten und Passanten zur Teilnahme einzuladen. Die wechselvolle Geschichte des Kunstprojektes über die vergangenen vier Jahre dokumentiert die Spaltung der US-Gesellschaft und lief ganz anders als gedacht.

Ort der Selbstverständigung 

Die Installation habe sich zunächst an jene US-Bürger gerichtet, die über den Wahlsieg bestürzt gewesen seien, sagt Performance- und Videokünstler Arne Vogelgesang, der das Kunstprojekt von Anfang an beobachtet hat. Die Installation habe sich als "Ort der Selbstverständigung" angeboten. "Man konnte im Grunde genommen in diese Kamera reinsagen, was man wollte."

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Für andere, die sich über den Wahlsieger freuten, sei das ein Affront gewesen. Auch diese Leute seien vor die Kamera gekommen, um den Livestream als Quelle ihrer eigenen Unterhaltung und Bestätigung zu nutzen. Sie hätten diesen Ort mit Memes, bestimmten Sprüchen aus der rechtsnazistischen Trollszene, mit Nazipropaganda und Antisemitismus attackiert, schildert Vogelgesang die anfänglichen Reaktionen. 

Der Kampf um die Flagge 

"Nachdem es zwei Mal fehlgeschlagen war, und es am zweiten Ort dann tatsächlich auch Anschlagsdrohungen gab und der Abbruch erfolgte, weil Schüsse gefallen waren in der Gegend der Kamera, beschloss das Künstlerinnentrio, das Ganze immer noch als Livestream zu veröffentlichen, aber die Partizipation quasi einzustellen." Stattdessen wurde eine Flagge mit der Botschaft "He Will Not Divide Us" entworfen, an unbekanntem Ort gehisst und im Internet gestreamt. "In dem Moment wurde aus einer umkämpften öffentlichen Kunstinstallation so eine Art Spiel", so Vogelsang. Es ging jetzt um die Eroberung der Flagge, und Leute im Internet machten sich auf vielfältige Art daran, die Flagge zu finden.
 
"Nach kurzer Zeit wurde die Flagge dann tatsächlich runtergeholt von zwei Nazis", sagt Vogelgesang. Das Spiel ging aber weiter, weil die Flagge wieder woanders gehisst wurde, im britischen Liverpool. "Dann wurde auf diese Herausforderung wieder geantwortet, mit Drohnen, mit Flammenwerfern", so Vogelgesang. "Sie haben versucht, das mit Lasern anzuzünden." Wegen der Gefahren wurde die Installation auch dort erneut abgebrochen.

Test für Kunst im öffentlichen Raum 

Die Aktion zeige, wie stark das Internet Teil der Realität geworden sei, sagt der Videokünstler. Vergleichbares kenne man auch aus Deutschland. Vogelgesang erinnert an das Busdenkmal des Künstlers Manaf Halbouni 2017 in Dresden. Die Installation bestand aus drei hochkant stehenden Bussen und sollte an Barrikaden im Krieg in Syrien erinnern. Auch dort habe es ähnliche Kämpfe um diese Kunst im öffentlichen Raum gegeben, die größtenteils diskursiv im Internet ausfochten worden seien, so Vogelgesang. Es sei ein Test für Kunst im öffentlichen Raum, wenn sich auch Gruppen beteiligten, die gewaltbereit seien. 
 
Im Stream hängt jetzt noch eine kaputte Flagge, die sich jeder noch ansehen kann. Das Kunstprojekt sei auf jeden Fall ein guter Anlass für Gespräche, sagt Vogelgesang. "Es ist auch ein beredtes Bild der gegenwärtigen politischen Situation, nicht nur in den USA." Insofern leiste die Installation sehr viel von dem, was Kunst leisten sollte, wenn auch nicht das, was ursprünglich beabsichtigt gewesen sei. "Aber vielleicht gehört das auch zur Kunst dazu."

(gem) 

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