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Studio 9 | Beitrag vom 07.11.2014

KunstprojektGedanken und Geschichten zur Mauer

Die Künstlerin Sheryl Oring schreibt die Erinnerungen von Passanten auf

Von Susanne Arlt

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Die Künstlerin Sheryl Oring und ihr Kunstprojekt "Maueramt", bei dem sie Erinnerungen und Gedanken von Passanten aufschreibt.  (dpa / picture alliance)
Auf der Suche nach individuellen Wende-Erinnerungen: Die Künstlerin Sheryl Oring. (dpa / picture alliance)

Rote Haare, rote Fingernägel und eine antiquierte Schreibmaschine: Die Künstlerin Sheryl Oring spricht Passanten an, fragt sie nach ihren Wende- und Mauerfall-Erinnerungen und schreibt sie auf. Die Antworten, die sie bekommt, sind berührend und oftmals überraschend ehrlich.

Sheryl Oring sitzt auf einem Klappstuhl am Checkpoint Charlie, tippt konzentriert einige Sätze in ihre antiquierte Reiseschreibmaschine, die vor ihr auf einem Holztisch steht. Die kastanienroten Haare hat sie zu einem mondänen Pagenkopf toupiert und die Fingernägel knallrot angemalt. Ton in Ton sind auch der Lippenstift und die Kostümjacke, die sie trägt. Sheryl Oring sieht aus wie eine perfekt gestylte Sekretärin aus den 60er Jahren.

"Hello... Hello... Tippen... You want to do a card?"

Beim Tippen hält die US-amerikanische Künstlerin den Kopf gesenkt, doch ihr Blick wandert immer wieder hinauf zu den Menschen, die an ihr vorbeigehen. Viele nehmen Notiz von der 48-Jährigen, auf einen Plausch lassen sie sich aber nicht ein. Vielleicht schreckt sie das Plakat hinter ihr ab mit der Aufschrift "Maueramt". So wie diese beiden älteren Damen.

Die Möglichkeit, Leute zu bewegen

"Nee, nee, danke, wir kennen die Mauer, das brauchen wir nicht noch... Okay, okay... Ist tatsächlich schwierig ins Gespräch zu kommen... Hallo, wollen Sie Platz nehmen, mit mir sprechen, nee? ... Die Mauer gibt's nicht mehr."

Die Mauer nicht, aber die Gedanken und Geschichten dazu. Die interessieren Sheryl Oring. Zum Mauerfall-Jubiläum will sie verborgene Erinnerungen und Meinungen aufspüren. Sie stellt den Berlinern und Touristen Fragen, tippt ihre Antworten sofort mit. Das vermittelt ihnen das Gefühl, dass ihre Meinung wichtig ist.

"Ich glaube, mein Projekt hat die Möglichkeit, Leute zu bewegen. Also Gedanken ein bisschen in die Tiefe reinzugehen, auch nach dieser Erfahrung mit mir am Schreibtisch. Und das ist genau, was ich will, dass man nachher einfach ein bisschen darüber nachdenkt oder einfach mit anderen Leuten darüber spricht. Es ist eine Art Therapie auch. Ich höre ganz gut zu und ich glaube, heutzutage fehlt das in unserer Gesellschaft."

Sheryl Oring ist ein politischer Mensch. Früher als Journalistin, heute als Künstlerin. Aufgewachsen ist sie in North Dakota. Nach Berlin kam sie 1997 mit einem Journalistik-Stipendium. Oring wollte eigentlich nur sechs Monate bleiben, daraus wurden schließlich sechs Jahre.

Das Gefühl, dass alles möglich ist

"Berlin hat damals ein ganz bestimmtes Gefühl von Freiheit einerseits würde ich sagen, von alles möglich sein, von Kreativität. Also damals hatte ich zumindest das Gefühl, dass alles möglich sein könnte."

Dieses Gefühl gab ihr die Kraft, den alten Job an den Nagel zu hängen und sich als Künstlerin auszuprobieren.

"Es kann schon sein, dass ich in verschiedenen Zeiten meines Lebens das Gefühl gehabt hatte, ein bisschen eingeschränkt zu sein. Man kann das nicht mit der Zensur vergleichen, aber es gibt immer wieder Zeiten meines Lebens, wo ich das Gefühl gehabt habe, nicht ernst genommen zu werden und ich glaube, das hat mit meinem Geschlecht zu tun - ganz einfach."

Wer nun an ihrem improvisierten Bürotisch Platz nimmt, hat das Gefühl, ihr einfach etwas diktieren zu dürfen. Dabei erhält sie oft überraschend ehrliche Antworten.

"Entschuldigung, wir wollten mal fragen, um was geht das? ... Das ist ein Kunstprojekt zum Thema Berliner Mauer, woran denken Sie, wenn Sie an die Mauer denken. ... Man soll die Meinung sagen? ... Ja, man soll die Meinung sagen. .. Ehrliche Meinung?!"

"Ja, ich bin ehrlich..."

Nisar Ahmad nimmt Platz. Seit fast 40 Jahren lebt er in Berlin. Er stammt aus Pakistan, erzählt er ihr. Aber seine Heimat sei Berlin, West-Berlin, betont er.

"Ich denke an die schönen Zeiten .... Ja, ich bin ehrlich ... Vor der Mauer habe ich besser gelebt, ich habe besser verdient, ich habe sicheren Arbeitsplatz gehabt und was ich jetzt verdiene, das reicht oben bis unten nicht ... "

Sheryl Oring tippt alles mit. Selten bekommt sie solch kritische Antworten zu hören. Am Ende macht sie noch ein Foto von Nisar Ahmed und heftet es an sein Zitat.

"Was ich festgestellt habe für mich während dieses Projektes, die Leute haben schon Hemmungen oder manche haben Geschichten, die sie nicht mehr äußern möchten, weil die zu schwierig sind, immer noch, und manche haben einfach nicht so viel dazu zu sagen."

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