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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.08.2012

Kunstnachhilfe fürs Bürgertum

Würdigung einer epochale Schau: "1912 - Mission Moderne"

Von Ulrike Gondorf

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In der Ausstellung sind auch Bilder von Edvard Munch zu sehen. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
In der Ausstellung sind auch Bilder von Edvard Munch zu sehen. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Vor 100 Jahren gab eine Ausstellung in Köln der zeitgenössischen Kunst entscheidende Impulse. Der Sonderbund, eine progressive Vereinigung von Künstlern, hatte sie ausgerichtet. Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum erinnert nun an die stilprägende Schau.

Die südliche Sonne strahlt überwältigend im zentralen Saal im Obergeschoß des Wallraf-Richartz-Museum, aus dem die Kunst des 19. Jahrhunderts vorübergehend der Jubiläumsausstellung "Mission Moderne" gewichen ist. Vier Namen vom Olymp der Malerei sind hier versammelt: van Gogh, Cezanne, Gauguin und Picasso. Einen Park in Arles lässt van Gogh in vielen Grüntönen schimmern. Eine tief in den Raum des Bildes hineinführende Allee in gleißendem Licht lockt den Besucher schon von weitem an. Cezannes Früchte scheinen magisch von innen zu leuchten, die geheimnisvoll-fremde Welt Tahitis spricht auch aus den ungewohnten Farbklängen von Orange und Violett auf den Bildern von Paul Gauguin.

Picassos stilles, in verhaltenem Braun und Grün komponiertes Bildnis des Jungen mit blauer Vase verabschiedet die Besucher aus diesem Saal voller elektrisierender Bilder. Er ist das Zentrum und der Höhepunkt dieser Jubiläumsausstellung - die hier gezeigten Künstler waren auch die Heroen der Sonderbundschau 1912. Das konservative deutsche Bürgertum sollte hier die neue Kunst kennenlernen, und die kam aus Frankreich.

"Mit 125 van Goghs, einem Saal für Cezanne, Gauguin, war klar: Es war schon das französische Vorbild, das strahlte 1912."

Kuratorin Barbara Schäfer hat in dreijähriger Forschungsarbeit und Recherche über 100 Werke zusammenführen können - alle waren auch 1912 in der Ausstellungshalle zu sehen, die eigens in einem Park am Rand der Kölner Innenstadt errichtet worden war.

"Im Prinzip wussten wir von allem erstmal nicht, wo es war und was es war. Es waren Teile der Rekonstruktion einfacher zu leisten, wenn zum Beispiel ein Munchsaal komplett durchfotografiert war, ist das einfacher, als wenn jegliche Abbildung fehlt, ein sehr allgemeiner Titel verzeichnet ist. Was in für uns heute unbekanntem Privatbesitz schlummert, da kommen sie erst mal nicht heran."

Viele Werke sind auch verschollen durch die Verfemung der Moderne in der Nazizeit. So fehlen bedauerlicherweise Kandinsky und Franz Marc. Aber im Großen und Ganzen ist es gelungen, die legendäre Sonderbund-Ausstellung in verkleinerten Proportionen abzubilden, zentrale Werke zurückzuholen und den thematischen Aufbau nachvollziehbar zu machen.

Die Künstler waren - bis auf die prominentesten Figuren - nach Ländern gruppiert, und in den Räumen wurden Gemälde und Skulpturen in Beziehung gesetzt. Sogar die Kapelle ist rekonstruiert. Mitten im Rundgang trat man damals unvermittelt in einen dunklen Raum und traf dort auf großformatige und erbittert umstrittene Malereien von Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel und auf Glasfenster von Jan Thorn Pricker. Am Sakralen entzündete sich die Kontroverse besonders heftig - höhnische Kritiken, wütende Proteste, natürlich auch ein vom Skandal angeheiztes Besucherinteresse begleiteten die Ausstellung damals.

"Das, was man damals als 'Farbschmierereien' - 'Unverschämtheit, was man uns da präsentiert', das wird die Leute hellhörig gemacht haben."

Wandtexte und Nachdrucke aus Zeitungen helfen, sich das zu vergegenwärtigen. Denn heute gehören van Gogh und Edvard Munch, die Maler der Brücke und des Blauen Reiters ja zu den Publikumslieblingen und werden wohl auch in Köln für großen Besucheransturm sorgen. Andreas Blüm, Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, erinnert an den Mut seines damaligen Amtsvorgängers Hagelstange, der 1912 zu den Organisatoren der Schau gehörte:

"Die haben ihren Ruf riskiert, da gab's Debatten. Heute ist Avantgarde kein Schimpfwort mehr. Damals schwamm man gegen den Strom."

Faszinierend ist es auch, in der Ausstellung Künstler kennenzulernen, die zumindest in Deutschland wohl seit 1912 nicht mehr ausgestellt worden sind. Ungarn und Norweger beispielsweise spielten durchaus eine Rolle in der damals schon erstaunlich eng vernetzten jungen Kunstszene Europas. Hier kann man überraschende Entdeckungen machen.

"Dass die Zeit diese Künstler hat in Vergessenheit geraten lassen, ist mir in dem einen oder anderen Fall sehr unverständlich …"

… meint Kuratorin Barbara Schäfer. Der im doppelten Sinne gewichtige Katalog, den sie zur Ausstellung herausgegeben hat, bietet spannende weiterführende Lektüre. Und darin steckt auch die große wissenschaftliche Leistung dieses Projekts: erstmals ist hier eine komplette Dokumentation der Schau von 1912 geleistet worden, mit Identifizierung aller damals gezeigten Objekte und Abbildungen, soweit sie noch vorhanden sind. Darin dürften noch Themen für mehr als eine neue Ausstellung über die aufregende Mission Moderne stecken.


Service:

Die etwa 120 Bilder und Skulpturen aus der legendären Sonderbundausstellung sind bis zum 30. Dezember im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen.


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