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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.09.2014

Kunstmuseum WolfsburgNeuer Kapitän fürs "Schnellboot"

Zukünftiger Direktor Ralf Beil stellt sich vor

Von Volkhard App

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Ralf Beil, Direktor des Instituts Mathildenhöhe und Kurator der Landesausstellung, aufgenommen am 13.08.2013 in Darmstadt (Hessen) auf der Baustelle der Landesausstellung «Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell». (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Der zukünftige Direktor Ralf Beil stellte sich Wolfsburg vor. (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Entschieden und voller Überzeugungskraft: So trat Ralf Beil bei seiner Vorstellung in Wolfsburg auf. Ab Februar 2015 wird er Direktor des Kunstmuseums sein – und sprach schon mal über seine Pläne und Erwartungen.

Ralf Beil, designierter Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg:

"Ein Museum ist ein Ort, an dem Ideen, Menschen und Dinge sich bewegen. Museen sind Katalysatoren, wenn sie das gut machen. Und gleichzeitig auch Bewusstseinsmaschinen: Sie schaffen es mit dem, was sie da präsentieren, ein Bewusstsein zu schaffen für das, was uns umgibt, was wir sind und für das, was uns weiter beschäftigen wird."

"Grundlinie" nennt der kommende Wolfsburger Direktor seine Gedanken zur Bedeutung von Museen. So allgemein sie auch klingen – unverbindlich sind sie nicht. Und wirken besonders überzeugend, wenn Ralf Beil emphathisch von den konkreten Möglichkeiten spricht, die ihm sein künftiger Schauplatz bietet. Allein schon die riesige werksähnliche Halle fordert seine Fantasie als Ausstellungsmacher heraus: Ein 17 m hoher "Möglichkeitsraum", in dem mit aller Raffinesse gebaut werden kann – weitläufig-monumental oder labyrinthisch-verwinkelt, ganz wie das jeweilige Thema oder der Künstler es verlangen:

"Dieses Haus ist 1. Liga, dieses Haus ist international gesetzt auf der Landkarte - und hier gibt es eine Möglichkeit, wunderbare, schöne, spannende und vor allem intensive Erlebnisse zu schaffen, die hoffentlich einen nachhaltigen Eindruck machen. Denn darum geht es, wenn ich von Bewusstseinsmaschine spreche: um Nachhaltigkeit - darum, dass etwas bleibt, dass Kunst nicht Dessert ist, sondern Hauptspeise."

Für den 48-jährigen Museumsleiter ist die Veränderung von Darmstadt nach Wolfsburg geradezu ein Sprung. Auch was die materiellen Bedingungen angeht. Er hofft so, dass sich das niedersächsische Kunsthaus, das städtische Finanzbarrieren nicht kennt, als Hort kreativer Freiheit und Beweglichkeit, ja als "Schnellboot" erweisen wird:

"Das Institut Mathildenhöhe ist ja ein städtisches Haus, das ist auch wunderbar. Es ist einfach anders. Ich erhoffe nun, auch wenn ich es nicht in allen Details absehen kann, dass wir hier noch ein bisschen schneller arbeiten können."

Lust auf Neues und Interdisziplinäres

Und die Inhalte? Die Lust an innovativen Ausstellungsideen wird Ralf Beil mit nach Wolfsburg bringen, und den interdisziplinären Ansatz: das Interesse an Bildender Kunst, Architektur, Film, Literatur und Musik. Doch das Themenfeld wird anders sein:

"Die Mathildenhöhe steht für das Ideal der Moderne um 1900, für das Gesamtkunstwerk und all diese Dinge. Wolfsburg, das ist ganz klar, steht für die Realität der Moderne vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in unserem Jahrhundert. Aber das sind ja die brennenden Fragen, die uns interessieren: Was ist nach der Industrialisierung geschehen, was ist mit der Mobilisierung und Digitalisierung? Was bewegt sich zwischen lokaler und globaler Aktion?"

Zwei sehr unterschiedliche Museumsleiter hat Wolfsburg bislang erlebt. Die Ausstellungen des Gründungsdirektors Gijs van Tuyl passten in die Autometropole, waren oft zugeschnitten auf die urbane Dynamik. Der unvergessliche Auftakt mit Bildern von Fernand Léger erwies sich unter dem Titel "Rhythmus des modernen Lebens" als programmatisch. Während der Schweizer Markus Brüderlin neben komplexen Themenausstellungen und großartigen Retrospektiven gern auch spirituell-meditative Gegengewichte zur zivilisatorischen Beschleunigung ins Spiel brachte, sich zum Beispiel für Rudolf Steiner interessierte und auf dem Museumsareal einen japanischen Garten anlegen ließ. Dabei war er auf der Suche nach Bausteinen zu einer "Kunst des 21. Jahrhunderts".

Ralf Beil hat sich in noch ganz anderer Art die "Zeitdiagnose" zur Aufgabe gemacht, wird um größtmögliche Nähe zur Gegenwart bemüht sein.

Planungen für "Wolfsburg unlimited"

Projekt-Listen oder gar Künstlernamen hat er auf der Pressekonferenz noch nicht vorgelegt. Die für den Herbst 2015 gedachte Schau zur "Pop Art in Großbritannien" hat Beil in der Planung bereits vorgefunden. Aus eigener Küche kommt dagegen ein Projekt, das im Frühjahr 2016 realisiert werden soll und den Arbeitstitel "Wolfsburg unlimited" trägt. Das Museum soll sich in der Stadt spiegeln und die Stadt im Museum. Dazu werden Künstlerinnen und Künstler auch vor Ort arbeiten, zu den Menschen in Kontakt treten. Weitere spannende Projekte darf man von Beil erwarten, die hoffentlich Resonanz finden. Denn der nationale und internationale Wettbewerb hat sich verschärft: Große Häuser buhlen mit sündhaft teuren Events um die Kulturtouristen und versuchen, "Blockbuster" zu lancieren:

"Das ist genau einer der Gründe, warum ich hier ans Kunstmuseum Wolfsburg gegangen bin. Denn ich verstehe es so, dass man hier noch inhaltlich arbeiten kann. Natürlich brauchen wir Besucher, um uns insgesamt zu finanzieren, doch wir müssen nicht 200.000 oder 300.000 Besucher haben. Hier kann man in einem Freiraum Projekt realisieren, das fasziniert mich und deshalb bin ich hier."

Wenn in Wolfsburg zu einer Schau rund 40 000 Besucher kommen – wie jüngst zu Kokoschka – zeigt man sich durchaus zufrieden. Bei der Auswahl von Gegenwartskünstlern setzt der künftige Direktor nicht so sehr auf junge Talente, wie sie von Kunstvereinen entdeckt werden, sondern auf Protagonisten, die in der Mitte ihrer Karriere stehen und in der Lage sind, die große Halle wirklich zu bespielen. Neben den Sonderausstellungen wird die eigene, schon üppig bestückte Sammlung zur Kunst nach 68 weiter ausgebaut, mit noch mehr "Brückenköpfen" in die Gegenwart - und einem größeren Anteil an Künstlerinnen und an politischer Kunst.

Ob Sammlung oder Sonderpräsentation: Die Aussichten sind gut in Wolfsburg. Der neue Mann ist willens, die Kraft dieses Museums zu behaupten und zu verstärken.

 

Mehr zum Thema:

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