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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2012

Kunstklau als Kapitalismuskritik

Die Thrillerserie "The Spiral" überschreitet die Grenzen von Fernsehen, Onlinespiel und Realität

Von Stefan Keim

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Jeder kann bei "The Spiral" den Wegen der Kunst nachspüren, darunter auch einem Werk von Picasso. (picture alliance / dpa / Georg Goebel)
Jeder kann bei "The Spiral" den Wegen der Kunst nachspüren, darunter auch einem Werk von Picasso. (picture alliance / dpa / Georg Goebel)

Ein radikaler Kunsträuber lässt sechs Gemälde aus sechs Museen stehlen. Die Zuschauer verfolgen den Krimi am Fernseher mit, gehen via Internet und vor Ort in den Museen auf Spurensuche. Das wiederum soll in der TV-Serie aufgenommen werden. Ein komplexes Projekt.

Fernsehen ist längst was für Ältere. Menschen unter 40 nutzen für Information und Unterhaltung viel mehr Onlineangebote. Eine Vernetzung des alten und der neuen Medien versucht nun eine Thrillerserie, die jeden Montag um 20.15 Uhr auf Arte läuft. "The Spiral" ist zeitgleich in acht europäischen Ländern gestartet und erzählt von einem Kunstraub besonderer Art. Die Diebe sind Aktionskünstler, die gegen die Absurditäten des Kunstmarkts protestieren wollen. Zuschauer können sich im Internet an der Suche nach den Meisterwerken beteiligen. Und vor der letzten Folge soll es sogar ein Live-Event vor dem EU-Parlament in Brüssel geben.

"Arturo ist wahrscheinlich der bekannteste Aktionskünstler der Welt", sagt die belgische Europolagentin. "Er blamiert Europol und die nationalen Polizeikräfte jetzt schon seit Jahren." Deshalb will Rose Dubois ihm das Handwerk legen. Sie hat kurze Haare, der Hosenanzug schlabbert fast um den hageren Körper. Ja, so sehen Karrierefrauen aus. Ihr neuer Partner - oder genau genommen Untergebener - ist ein Machomann aus Finnland, ein lässiger Lederjackentyp. Klar, dass sich die beiden persönlich nicht verstehen. Denn Juha hat vorher was Ordentliches gemacht, Drogen, Mord und so. Jetzt muss er sich mit Kunstkriminalität beschäftigen. Die Ermittler in der neuen Serie "The Spiral" sind pures Klischee. Die Täter erregen deutlich mehr Interesse. Vor allem Johan Leysen als Arturo, ein charismatischer alter Mann mit tief eingekerbten Linien im Gesicht, der am Sinn seiner Aktionen zweifelt.

Gerade hat Arturo einen seiner spektakulärsten Auftritte abgezogen. Auf einer Vernissage der Superreichen ließ er 200-Euro-Scheine regnen. Gefälscht zwar, aber gut gefälscht. Alle rannten hinter dem Geld her. Doch mit der antikapitalistischen Aussage seiner Aktion setzt sich kaum jemand auseinander. Im Gegenteil: Der Kunstmarkt saugt diesen Protest gierig auf, und Arturos falsche Scheine werden plötzlich für viel echtes Geld verkauft. Arturo, der nach jeder Aktion eine gezeichnete Spirale am Tatort zurück lässt, wird radikaler: Seine Jünger, die in einer Künstlerkommune namens "The Warehouse" zusammen leben, sollen Kunstwerke stehlen, sechs Bilder aus sechs Museen in sechs nordeuropäischen Ländern.

Und hier kommen die Fernsehzuschauer ins Spiel. Sie sollen nicht nur die fünf Folgen der Serie bis Ende September verfolgen , sondern mitmachen. Ein Onlinespiel und die Fernsehserie sind verlinkt. Jeder kann den Wegen der Kunstwerke - darunter Bilder von Picasso, Munch und Rembrandt - nachspüren. Wie in anderen Games auch, muss man Aufgaben erfüllen, um Punkte zu sammeln. Zum Beispiel sollen die Spieler René Magrittes Gemälde "Der Kuss" nachstellen, was einige schon mit vermummten Gesichtern getan haben. Es geht nicht ums Kopieren, sondern um künstlerische Originalität. Eine andere Aufgabe besteht darin, zu den Museen zu fahren, aus dem die Kunstwerke gestohlen wurden, und dort nach Hinweisen zu fahnden. Das geht natürlich nur, wenn man in der Nähe wohnt oder bereit ist, eine spontane Rundreise zu unternehmen. Immerhin scheinen die Museen mitzumachen.

"The Spiral" ist überhaupt ein riesiges europäisches Kooperationsprojekt. In acht Ländern läuft die Serie fast parallel, weitgehend unbekannte - aber gute - Schauspieler wurden besetzt, aus allen Ländern, in denen die Kunsthatz abläuft. Am 28. September soll es dann eine große Aktion vor dem europäischen Parlament in Brüssel geben. Da wollen die Kunstdiebe die Meisterwerke zurück geben. Und diese Aktion wird dann noch in die letzte Folge hinein geschnitten. Im Theater gab es solche Grenzgänge zwischen Wirklichkeit und Fiktion schon häufig. Im Fernsehen ist das ein spannendes Experiment.

Ebenso muss "The Spiral" für die klassischen Zuschauer funktionieren, die sich nicht vom Sofa bewegen wollen. Die erste Folge hat das Problem, das viele erste Folgen haben. Eine Menge Personen muss vorgestellt werden, mit kräftigen Charakterzeichnungen, weil man sich sonst nicht an sie erinnert. Regisseur Hans Herbots orientiert sich am Stil skandinavischer Krimis, mit blassen, bläulichen Farben, eleganten Kamerafahrten und ein paar überraschenden Schnitten. Toll gelingt ihm eine Parallelmontage am Ende. Während Arturos Gang die Bilder klaut, kämpft die Europolagentin dagegen, dass ihre dreiköpfige Abteilung noch mehr gekürzt wird. Plötzlich klingen alle Handys. Der spektakuläre Kunstraub gibt Rose Dubois eine letzte Chance. Nun kann sie beweisen, dass ihre Spezialeinheit nicht überflüssig ist. Der Grundstein für ordentliche Thrillerunterhaltung ist gelegt. Aber die Serie will ja mehr. Es wird interessant, wie die weiteren Folgen die Onlineaktivitäten der Zuschauer aufnehmen und weiter anfeuern. Da die Spielszenen vorher gedreht werden mussten, ist diese Aufgabe nicht leicht. Schauen wir also hin, wie sich die Arte-Spirale weiter dreht.

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