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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.01.2019

Kunsthistoriker zum 100. Jubiläum"Das Bauhaus war hochpolitisch"

Wolfgang Holler im Gespräch mit Dieter Kassel

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Nächtliche Aufnahme des Museums für Gestaltung in Berlin, in dem sich das Bauhaus-Archiv befindet.  (imago images / Giovannix Guarino)
Architekt Walter Gropius hat das Gebäude des Museums für Gestaltung in Berlin entworfen, in dem sich das Bauhaus-Archiv befindet. (imago images / Giovannix Guarino)

In diesem Jahr wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Der Kunsthistoriker Wolfgang Holler koordiniert die Projekte zum Jubiläum und betont die Lehren der Reformschule für die heutige Zeit.

In diesem Jahr wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen Klassik Stiftung Weimar und Geschäftsführer der "Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar" koodiniert die zahlreichen Projekte für das Jubiläumsjahr. Geplant ist unter anderem am 19. Januar 2019 eine Tagung in Berlin, die sich mit dem Thema "Wie politisch ist das Bauhaus?" beschäftigt.  

Herausforderungen von Rechts

"Wir hatten ja im letzten Jahr, also politisch, doch allerlei Turbulenzen um das Bauhaus", sagt Holler im Deutschlandfunk Kultur über die Absage eines Konzerts der Band "Feine Sahne Fischfilet" im November, das eigentlich im Bauhaus-Gebäude in Dessau stattfinden sollte. Aus Sorge vor rechtsextremistischen Demonstrationen hatte die Bauhaus-Stiftung den Auftritt abgesagt und dadurch eine bundesweite Debatte ausgelöst. Es stelle sich für Institutionen wie das Bauhaus-Archiv in Berlin oder das Bauhaus-Museum in Weimar die Frage, wie sie sich gegen "rechtsdriftende politische Entwicklungen" wappnen könnten, sagt Holler. "Man lernt natürlich, dass das Bauhaus in einer Zeit existierte, die hoch politisiert war, in einer fragilen Republik, der Weimarer Republik, die von rechts und links und von allen Seiten immer wieder gefährdet war." Das Bauhaus habe auch auf kreative Weise gegengesteuert und da gebe es interessante Parallelen zu heute.

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wolfgang Holler ist im Moment sowohl der Generaldirektor der Museen Klassik Stiftung Weimar, das ist er schon seit knapp zehn Jahren, und er ist aktuell auch der Geschäftsführer der "Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar", die die Projekte fürs Jubiläumsjahr koordiniert. Und da kann man eigentlich selbst drauf kommen, woran er so im Moment arbeitet. Aber wir wollen das natürlich konkret wissen, und deshalb werden wir ihn selber jetzt befragen. Professor Holler, schönen guten Morgen erst mal!

Wolfgang Holler: Guten Morgen!

Kassel: Ich will nicht zu viel verraten, gebe aber zu, Sie sind heute Morgen nicht in Weimar und auch nicht in Dessau oder Berlin. Heißt das, Sie konnten sich immerhin ein paar Bauhaus-freie Feiertage gönnen?

Holler: Ich glaube, Bauhaus-freie Tage gibt es im Moment kaum. Aber wir hatten Gelegenheit, ins Rheinland zu fahren, aus dem ich stamme im Ursprung, aber jetzt doch schon sehr viele Jahre, fast 30 Jahre in Mitteldeutschland lebe.

Wolfgang Holler, Generaldirektor der "Klassik Stiftung Weimar", betrachtet im Lager ein Bild von Henry van de Velde.    (dpa / picture-alliance / Martin Schutt)Wolfgang Holler, Generaldirektor der "Klassik Stiftung Weimar", betrachtet im Lager ein Bild von Henry van de Velde.  (dpa / picture-alliance / Martin Schutt)

Kassel: Was macht Ihnen denn im Moment eigentlich mehr Arbeit, die Gesamtkoordination der Jubiläumsjahrsaktivitäten oder doch die Vorbereitung der Ausstellung im neuen Museum?

Holler: Ich würde sagen, beides gleichermaßen. Das Bauhaus-Museum in Weimar selbst ist ja jetzt auf gutem Wege, und wir hoffen ja, dass wir es am 5. April eröffnen können. Das liegt ja immer, am Schluss hat man immer so einen Endspurt und muss sehen, dass das gut ins Ziel kommt. Das beschäftigt uns natürlich kolossal. Wir sind gerade dabei, die museale Einrichtung einzubringen.

Und auf der anderen Seite haben wir natürlich die großen Projekte der Bauhaus-Kooperation im Rahmen des Bauhaus-Verbunds. Es ist ein bisschen kompliziert, aber so ist es organisiert, weil es wirklich viele Partner sind, die da zusammenwirken. Und das geht ja los jetzt schon am 16. Januar in Berlin mit dem großen Eröffnungsfestival, und ist im letzten Jahr schon losgegangen mit unserem großen internationalen Projekt "Bauhaus Imaginista", und findet dann ja noch eine Fortsetzung mit der großen Eröffnung in Berlin, "Bauhaus Imaginista" kommt ja nach Berlin.

Und dann haben wir auch noch, das ist vielleicht auch nicht unwesentlich, die Grand Tour der Moderne, wo wir versuchen, eine Tour durch Deutschland anzubieten zur Architektur der Moderne von 1900 bis 2000. Also, da ist allerlei zu tun.

Kassel: Aber das ist ja eines der beiden großen Themen, an die man ganz schnell denkt beim Stichwort Bauhaus. Die Architektur, und dann sicherlich sofort das Design und die Alltagsgegenstände. Die berühmte kugelige Teekanne, Freischwingerstühle natürlich, die Schreibtischlampe und einiges mehr. Produkte, die zum Teil bis heute hergestellt werden. Aber Bauhaus war ja mehr.

Im Neuen Museum in Weimar werden 2012 die Bauhaus-Möbelstücke "Weißer Stuhl", Schreibtisch und "Blauer Stuhl" von Johannes Itten präsentiert.  (dpa / picture-alliance)Im Neuen Museum in Weimar werden 2012 die Bauhaus-Möbelstücke "Weißer Stuhl", Schreibtisch und "Blauer Stuhl" von Johannes Itten präsentiert. (dpa / picture-alliance)

Ich möchte, ich finde, im Jubiläumsjahr darf man das mal ganz in Ruhe machen, dazu mal Walter Gropius selbst zitieren. Der hat einmal gesagt: "Das Ziel des Bauhauses ist eben kein Stil, kein System, Dogma oder Kanon, kein Rezept und keine Mode. Es wird lebendig, solange es nicht an der Form hängt, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst sucht." Zitat Ende. Wie wollen Sie denn in diesem Jahr, ob nun im Museum oder bei anderen Aktionen, wie wollen Sie das Fluidum des Lebens darstellen?

Holler: Völlig richtig ist ja, dass das Bauhaus kein Stil war, das muss man immer wieder sagen. Sondern, wenn man so will, war es eigentlich eine Art Zukunftsvision, ein Bündel von Ideen. Und da gab es vielleicht eine pädagogische Anleitung noch dazu. Im Kern war es eine Reformschule, und ich glaube, von daher ausgehend kann man ein solches Jubiläum auch immer mit der Gegenwart – oder das historische Bauhaus, die Institution des Bauhauses, die ja 1933 zugrunde gegangen ist, kann man doch mit der Gegenwart verbinden. Aber man kann es natürlich nicht, sagen wir mal, alles in einem einzigen Projekt, sondern man muss es mit einem Bündel von Projekten versuchen. Und auch dann wird man ansatzweise nur vorankommen können.

Wir versuchen es zum Beispiel, indem wir in dem Eröffnungsfestival zeigen, dass das Bauhaus viele performative Ansätze hervorgebracht hat, Theorien und Experimente, die man, wenn man so will, kreativ und spielerisch auch noch bis in die Gegenwart bringen kann. Ich sage mal, wenn man an Oskar Schlemmer denkt, der ja die Bauhaus-Bühne begründet hatte, sozusagen als Experimentierfeld des Lebens, spielerisches Experimentierfeld. Da sollten also Technik, Licht, Klang, Farbe, der Mensch im Raum vor allen Dingen gesehen werden. Und wenn ich das jetzt wiederum verbinde mit dem, was heute virtuell, ästhetisch passiert, kann ich eine Menge tun.

Albert Einstein schreibt während seiner Gastprofessur an der Princeton-University eine Gleichung zur Dichte der Milchstraße an die Tafel, aufgenommen am 14.1.1931 (Carnegie Institute, Mount Wilson (picture-alliance / dpa / Akg)Albert Einstein lehrte auch am Black Mountain College (picture-alliance / dpa / Akg)

Und das soll ja in dem Eröffnungsfestival in verschiedenen Programmen auch dargestellt werden. Das wäre eine Weise. Da soll zum Beispiel Bach – was hat Bach jetzt mit dem Bauhaus zu tun, und was kann ich damit heute machen? Da wird also Michael Wollny zum Beispiel auftreten, ein wunderbarer internationaler Jazzmusiker, und zeigen was Bach am Bauhaus bedeutet hat und wie man ihn in die Gegenwart holen kann. Das wäre zum Beispiel so eine musikalische Beziehung. Oder ich könnte das Bewegungstheater, das Sprechtheater – da haben wir also Robert Wilson gebeten, der wird "Das letzte Band" von Beckett aufführen, selbst auftreten, einerseits Bezüge wunderbar zum Black Mountain College zurück, also einer der Wirkungen in den in den USA, das Black-Mountain-College. Auf der anderen Seite natürlich ist es ein gegenwärtiges Stück.

Aber, und das finde ich ganz wichtig, wir hatten ja im letzten Jahr, also politisch, doch allerlei Turbulenzen um das Bauhaus, die, das muss man allerdings sagen, auch jeden treffen kann, nämlich wie können sich Institutionen wie das Bauhaus-Archiv in Berlin oder wir in Weimar mit unserem Bauhaus-Museum, wie können wir uns gegen diese rechtsdriftenden politischen Entwicklungen wappnen, was können wir tun?

Und da wollen wir am 19. Januar in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt eine Tagung veranstalten, die heißt "Wie politisch ist das Bauhaus?". Was kann man institutionell lernen vom Bauhaus? Und man lernt natürlich, dass das Bauhaus in einer Zeit existierte, die hoch politisiert war, in einer fragilen Republik, der Weimarer Republik, die von rechts und links und von allen Seiten immer wieder gefährdet war. Da versuchte das Bauhaus, auf kreative Weise durchzusteuern, und wir sehen, das ist nicht so einfach. Aber ich glaube, es gibt da Parallelen.

Das Bauhaus fragte: Wie wollen wir leben?

Kassel: Worauf Sie natürlich jetzt angespielt haben mit dieser Debatte über das Politische in der Bauhaus-Bewegung damals und der Beschäftigung mit dem Bauhaus heute, das war diese Absage des Konzerts von Feine Sahne Fischfilet damals. Und da ist diese Debatte eben aufgetaucht, und da wurde festgestellt, das war nicht Schönheit und Design, das war auch eine politische Bewegung, die Bauhaus-Bewegung. Einzelne Aktionen da zum Jubiläumsjahr kann ich mir sehr gut vorstellen, das haben Sie ja auch schon angedeutet. Aber wie werden Sie das denn im Museum darstellen, das Politische am Bauhaus?

Holler: Wir versuchen in unserem Museum in Weimar, wenn ich darauf konkret eingehen darf, keine chronologische Erzählung anzubieten, sondern wir wollen einfach zeigen, mit welchen Kernfragen hat sich das Bauhaus unter anderem – ich meine, da gibt es so vieles, ich meine, das Bauhaus ist ja bis heute eine Art von Movens für so viele Dinge. Aber eine Frage, eine ganz zentrale Frage noch der Zwanziger Jahre, und die bewegt uns heute noch, ist eigentlich, wie wollen wir leben? Wie sollen wir eigentlich sein als Menschen, und wie wollen wir uns in einer Gesellschaft verhalten.

Das Bauhaus-Museum in Weimar. Der Bau soll demnächst zum neuen "Haus der Weimarer Republik" umgewandelt werden. (dpa / Martin Schutt)Das alte Bauhaus-Museum in Weimar ist seit Januar 2018 geschlossen. Der Neubau soll im April eröffnet werden. (dpa / Martin Schutt)

Das war ja auch eines der berühmten Zitate von Gropius, wie will ich siedeln, wie will ich wohnen, was will ich für eine Gesellschaft haben? Also das Bauhaus war natürlich hochpolitisch, und in unserem Museum wollen wir zeigen, dass in den Zwanziger Jahren zum Beispiel sehr unterschiedliche Weltbilder existiert haben. Ganz esoterische, die zum Beispiel mit Itten verbunden sind, ganz mechanistische, ganz autoritäre. Plötzlich gibt es also auch eine Emanzipation der Frau, obwohl die Frauen es am Bauhaus doch nicht so leicht hatten, wie man es vielleicht vermuten sollte.

Also, diese Debatten um das, was Leben sein kann und was Gesellschaft ausmacht, das hat das Bauhaus vorgelebt und vorgedacht, und ich glaube, da lassen sich problemlos Bezüge zu heute finden. Und das Museum endet im letzten Raum oben eben nicht mit der Schließung 1933, sondern eigentlich mit dem Ansatz von Hannes Mayer, dem zweiten Direktor des Bauhauses, der das Bauhaus natürlich sehr gesellschaftlich relevant, politisiert, eher linksgerichtet verstanden hat und gefragt hat, was können wir als kreative Menschen in einer solchen Gesellschaft leisten? Ich denke, wenn man versucht, auf diese Weise eher diskursiv, eher anregend, die Jugend auch ansprechend vorzugehen, ist das Bauhaus durchaus eine Folie, vor der man gegenwärtige Probleme diskutieren kann.

Kassel: Und man wird vieles erleben können in diesem Jahr in diesen drei Städten, auf der Tour und auch anderswo. Und wenn alles gut geht, kann man dann auch die neue Ausstellung sehen ab Anfang April. Und für fast alles ist in irgendeiner Form verantwortlich oder mitverantwortlich Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen Klassikstiftung Weimar und Geschäftsführer der "Bauhaus Kooperation Berlin, Dessau, Weimar". Herr Holler, Danke für das Gespräch und ganz viel Glück, Erfolg und auch Spaß in diesem Jahr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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