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Fazit | Beitrag vom 03.06.2021

Kunsthaus GöttingenMehr als ein Museum

Gerhard Steidl im Gespräch mit Marietta Schwarz

Das Kunsthaus Göttingen. (Simone Bossi)
Das Kunsthaus in Göttingen: Vorbild ist die Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris. (Simone Bossi)

Von der Idee bis zur Umsetzung sind 50 Jahre vergangen. Nun hat Göttingen endlich einen "vernünftigen Raum für zeitgenössische Kunst“, sagt der Verleger Gerhard Steidl. Die erste Ausstellung ist der US-Künstlerin Roni Horn gewidmet.

Gerhard Steidl gilt als Verleger für Fotografiebücher schlechthin: Über Wochen, Monate, manchmal auch Jahre hinweg arbeitet er mit den bekanntesten Fotografinnen und Fotografen der Welt zusammen an einem Fotoband, der dann in seinem Verlag erscheint:

"Ich versuche, die Leute, die zu mir kommen, um zu arbeiten, auch möglichst gut zu beschäftigen. Beim Büchermachen ist es so, dass es Wartezeiten gibt. Wenn man mit der Textarbeit fertig ist, beginnt die Bildarbeit. Und dazwischen muss man mal sieben, acht Stunden warten. Und da hatte ich immer schon die Idee, die Leute aus dem Haus in ein Ausstellungsgebäude zu scheuchen und dort eine Ausstellung aufzubauen - was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass sie mir nicht auf den Zeiger gehen."

In die Stadt hinein strahlen

Und genau dieser Ort öffnet nun seine Türen: das Kunsthaus Göttingen – 50 Jahre nach der ersten Idee dafür. So lange hat Steidl für die Idee gekämpft, dass seine Heimatstadt "einen vernünftigen Raum für zeitgenössische Kunst" bekommt.

Die erste Ausstellung ist der US-amerikanischen Künstlerin Roni Horn gewidmet, die coronabedingt nicht angereist ist. Doch wäre sie nach Göttingen gekommen, hätte Steidl Pläne für sie gehabt, wie er erzählt: Lesungen oder Diskussionen in leerstehenden Geschäften in der Fußgängerzone beispielsweise, zusätzlich zur Ausstellung und zur Produktion eines neuen Buchs.

Der Verleger Gerhard Steidl vor dem Kunsthaus Göttingen. (imago / Hubert Jelinek)Will Wissen weitergeben, aber Teile davon auch mit ins Grab nehmen: Gerhard Steidl vor dem Kunsthaus Göttingen. (imago / Hubert Jelinek)

Das neu geschaffene Kunsthaus sei kein Museum, betont Steidl, schon allein aus dem Grund, weil es keine Sammlung habe: "Die Sachen kommen herein, werden an die Wand gehängt, und am Ende werden sie wieder herausgebracht. Das Ganze kostet nicht allzu viel, weil wir diese irrsinnigen Versicherungssummen für diese riesigen Gemäldeschinken, die dann in Thermokisten um die Welt geflogen werden müssen mit aberwitzigen Transport- und Versicherungskosten, nicht haben."Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Von Juni 2022 an soll auch "der Verlag gänzlich geöffnet sein, natürlich nicht für Hunderte von Leuten, die durchströmen, aber es wird ein transparentes Haus werden, wie die gläserne Automanufaktur in Dresden. Es wird verschiedene Werkstätten geben, die sich mit Papier beschäftigen: eine Buchbinderei, einen Buchladen sowieso, ein Rahmengeschäft für hochwertige Verglasung."

Wissen an die nächste Generation weitergeben

Eigentlich sei Schweigen seine Lieblingstätigkeit, verrät Steidl, doch mit dem Alter komme auch die Überlegung, was man an Wissen mit ins Grab nehmen und was man an die nächste Generation weitergeben wolle. Deswegen habe er auch die Steidl Academy gegründet, die, sobald die Coronakrise überwunden ist, mit jungen Menschen aus aller Welt starten soll:

"Das ist meine Form von Öffnungsprozess. Dazu gehört in Zukunft auch das Kunsthaus Göttingen, denn da kann man die Ergebnisse der Arbeit studieren. Da schließt sich dann der Kreislauf."

(ckr)

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