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Kompressor | Beitrag vom 15.05.2020

Kunstausstellung über Wilhelm Amo Erst versklavt, dann Philosoph

Bonaventure Ndikung im Gespräch mit Max Oppel

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Das Werk "While we were Kings and Queens" von Patricia Kaersenhout. (Stefan Stark)
16 Künstlerinnen und Künstler haben sich mit Werk und Leben Wilhelm Amos auseinandergesetzt. Hier: "While we were Kings and Queens" von Patricia Kaersenhout. (Stefan Stark)

Anton Wilhelm Amo war einer der herausragenden Philosophen des 18. Jahrhunderts, lebte in Deutschland. Heute ist er weitgehend vergessen. Einer der Gründe: Er war schwarz. Eine Ausstellung im Kunstverein Braunschweig ehrt nun den ungewöhnlichen Mann.

Anton Wilhelm Amo war ein Philosoph der Aufklärung, ein herausragender Denker des 18. Jahrhunderts, der unter anderem in Halle lehrte. Heute ist er ziemlich unbekannt, was unter anderem wohl mit seiner Hautfarbe zu tun hat. Er war schwarz. Als Kind wurde er versklavt, aus Afrika in die Niederlande verschleppt und dann an den Herzog Anton von Braunschweig "verschenkt". Er studierte in Halle und Wittenberg – und wurde Philosoph.

Eine Ausstellung im Kunstverein Braunschweig präsentiert nun Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit dem Leben und Schaffen Amos auseinandergesetzt haben. Der Titel: "The Faculty of Sensing – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo". Kuratiert hat sie Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der Macher der Savvy Foundation in Berlin und ein Kurator der documenta 14.

Ein Beitrag zur geistigen Entwicklung Europas

"Er war einer der wenigen, die in der Zeit über die Rechte von Schwarzen geschrieben hat. Wir sind da mitten im Sklavenhandel, und es traut sich einer, so etwas zu schreiben. Das ist schon eine sehr wichtige Arbeit", sagt Ndikung. Darüber hinaus habe er sich mit dem Leib-Seele-Problem beschäftigt. "Ob unser Leib und Seele getrennt sind." Er habe dabei gesagt: Der Körper könne fühlen, aber die Seele nicht.

Das Werk "Return to the Unfamiliar" von Lungiswa Gqunta und Benisya Ndawoni (Stefan Stark)Das Werk "Return to the Unfamiliar" von Lungiswa Gqunta und Benisya Ndawoni- (Stefan Stark)

Was Ndikung aber vor allem an der Person Amos begeistert hat: "Man weiß ja, was die Afrikaner zur Entwicklung von Europa und Amerika beigetragen haben, mit ihrer Arbeit, aber auch mit den Ressourcen – und bis heute noch. Aber man weiß nicht, was für einen Beitrag die Afrikaner geleistet haben zu der geistigen Entwicklung von Europa. Und Amo ist einer, der dazu sehr viel beigetragen hat."

Platz machen für anderes Denken

Für die Ausstellungen wollten Kurator Ndikung und seine Kolleginnen Künstler und Künstlerinnen einladen, "sich Gedanken zu Amo, zu seiner Arbeit, zu seiner Person zu machen". Das sei viel spannender, als einen historischen oder streng biografischen Zugang zu wählen, so Ndikung.

Installation von Adjani Okpu Egbe (Stefan Stark)Installation von Adjani Okpu Egbe, zu sehen im Kunstverein Braunschweig. (Stefan Stark)

Ndikung selbst verfasste im Rahmen der Ausstellung einen Essay, in dem er dazu aufruft, den heutigen philosophischen Kanon zu hinterfragen. Ein Kanon sei exklusiv, so Ndikung – und Amo existiere im heutigen philosophischen Kanon nicht. "Mir geht es nicht darum, einen neuen Kanon zu machen, mir geht es darum, den existierenden Kanon porös zu machen. Wir müssen den Kanon hinterfragen." Dabei gehe es auch um die Frage, wie man Sachen neu lernen könne. Denn in der Kolonialzeit sei auch Wissen von Menschen aus aller Welt zerstört worden. "Und man muss sich jetzt Gedanken machen, wie man Platz schaffen kann für anderes Denken."

(lkn)

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