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Reportage / Archiv | Beitrag vom 15.04.2014

KunstaktionSchuhbox auf dem Altar

Über die Wertschätzung einfacher Arbeit

Von Svenja Pelzel

Dawit Shanko sitzt zwischen jungen Schuhputzern in Addis Abeba beim Listros Day. (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)
Dawit Shanko sitzt zwischen jungen Schuhputzern in Addis Abeba beim Listros Day. (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)

Seit dem Wochenende ist der Altar der Berliner St. Matthäus-Kirche mit rund 3500 Schuhputzboxen bedeckt. Sie stammen aus Äthiopien und sind Teil einer Kunstidee des Galeristen Dawit Shanko, der selbst mal Schuhputzer war.

"Wie kommt das jetzt druff? Ist das denn richtig rum, ich weiß gar nicht - ja, das ist richtig rum ..."

An einem großen Tisch stehen zwei Männer, bemalen und beschriften mit einem roten Eddingstift Wein-Etiketten. Die fünf Meter hohen Altbauwände um sie herum sind bis an die Decke mit hunderten kleinen, braunen, schäbig-staubigen Holzkisten bedeckt. Alle Kisten sind Teil einer Kunstaktion und gehörten früher Schuhputzern in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

Dawit Shanko kommt aus einem der vielen Nebenräume, gesellt sich zu den beiden Männern. Shanko hat die Kisten 2010 in Addis Abeba eingesammelt, zusammen mit einem Brief, den die Schuhputzer an die Welt schreiben sollten:

"Wir dachten, vielleicht kriegen wir ungefähr 1000. Es kamen mehr als 5000. Wir mussten aber bei 3500 aufhören, weil das auch eine Tauschaktion war. Jeder, der kam und einen Brief geschrieben hat und gab seine alte Box mit dem Brief als Mailbox sozusagen, bekam eine neue Box und ein Schuhputzmaterial und T-Shirt als Tausch."

Der 46-jährige Shanko stammt selbst aus Äthiopien, lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. Ihm gehört die Galerie Listros, in der heute befreundete Künstler die Wein-Etiketten bemalen und gemeinsam den Auftakt ihrer Aktionswoche feiern.

Tanzperformance, Gesprächsrunden und Altarverhüllung

Geplant sind zum Beispiel Konzerte, eine Tanzperformance, Gesprächsrunden und eine Altarverhüllung in der Berliner St. Matthäus-Kirche. "Wir wollen auf ein Problem aufmerksam machen", erzählt Shanko, während er eine neue Etikettenpackung aufreißt. Alleine in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba arbeiten geschätzt 30.000 Mädchen und Jungs als Schuhputzer und finanzieren sich so ihren Schulbesuch. Shanko:

"Das ist auch ein Zeichen, um den Reichtum dieser Menschen zu demonstrieren. Die sitzen nicht da und warten auf irgendwas. Die stehen und gehen jeden Tag raus und kämpfen, um ihre Situation zu verbessern. Und genau dieses Feuer, was da sozusagen brennt, um eine bessere Zukunft für sich zu ermöglichen, braucht Unterstützung, braucht Anerkennung, braucht wirklich gesehen zu werden."

Oktober 2010: Damals sah sich auch der damalige Bundespräsident Christian Wulff die Schuhputzboxen an. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)Oktober 2010: Damals sah sich auch der damalige Bundespräsident Christian Wulff die Schuhputzboxen an. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Mit seinen Aktionen hat Shanko schon einige Aufmerksamkeit erreicht: zum Beispiel mehr als 50 Ausstellungen in Deutschland und Äthiopien, die auch die Bundespräsidenten Köhler und Wulff besuchten. Außerdem einen Kinofilm über fünf Schuhputzer, Bücher und Masterarbeiten. Die Altarverhüllung in St. Matthäus ist die neueste Idee.

"Wie ist das jetzt gedacht, zuerst hier bauen? Ja wir müssen das jetzt..."

Sieben Meter hoher Turm über dem Altar

Zwei Tage später: Aus EU-Paletten haben Shankos Freunde einen sieben Meter hohen Turm über dem Altar der St. Matthäus-Kirche errichtet. Jetzt befestigen sie in mühevoller Kleinarbeit die 3500 Schuhputzkisten, die sich im Moment noch links und rechts vom Altar stapeln. In einer der vorderen Kirchenbankreihen sitzt Pfarrer Reinhard Kees, beobachtet den wachsenden Berg mit einem zufriedenen Lächeln. Die jahrhundertealte Tradition der Altarverhüllung bekommt für den Theologen durch die Kisten noch eine weitere Bedeutung. Reinhard Kees:

"Der Altar wird verhüllt und es wird an die Niedrigkeit erinnert und an das gegenseitige Dienen. Und es ist schön, dass jetzt in der Karwoche hier zu haben, weil wir ja in der Karwoche auch daran erinnern, dass Jesus Christus den Jüngern die Füße gewaschen hat. Und Schuhputzen und Füßewaschen, das ist doch vielleicht etwas sehr Ähnliches."

Obwohl der Turm erst zu einem Drittel errichtet ist, kann man an diesem Nachmittag den deutlichen Kontrast zwischen den schäbig braunen Schuhputzkisten und der kargen, weiß getünchten Kirche schon gut erkennen. Dass sich die Gläubigen und Besucher darüber aufregen werden, glaubt Pfarrer Reinhard Kees allerdings nicht:

"In dieser Kirche gab's schon des Öfteren sehr provokante Aktionen. Ich kann mich erinnern an ein Altargemälde, wo der Jesus Christus ganz und gar nackt dargestellt war. Also in dieser Kirche ist man es gewöhnt, provoziert zu werden. Und Provozieren ist ja was Positives. Man ruft die Leute heraus aus ihren gewöhnlichen Denkweisen hin mal neu zu denken. Und was mir hier gefällt, es sind nicht die Ärmsten der Armen, die man bedauern muss, sondern es sind junge Leute, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich ihre Zukunft erarbeiten."

Die Wertschätzung einfacher Arbeit

Auch Galerist Dawit Shanko ist an diesem Nachmittag beim Aufbau dabei. In einem ruhigen Moment betrachtet er zufrieden den halbfertigen Berg und die vielen Helfer in der Kirche. Mit jeder Box, mit jeder Geschichte dazu will er in der Karwoche die Wertschätzung einfacher Arbeit und das menschliche Miteinander ins Zentrum rücken. Shankos Aktion ist aber auch Teil seines Lebens. Denn Shanko war selbst mal Schuhputzer, hat als 13-Jähriger in Addis Abeba damit Geld für Schulbücher verdient:

"Was mir passiert, wenn ich die Briefe lese, ich übersetze sie ja auch und da passiert ganz viel. So hab ich auch mal gedacht. Ich kann mich erinnern oder ich kann mich ganz in die Situation versetzen. Mich rührt das sehr und berührt das sogar so, dass ich manchmal nicht mehr als zehn Briefe hintereinander lesen kann."

Fünf Briefe hat Shanko deshalb willkürlich ausgewählt und auf gelbe Karten drucken lassen. Die Stapel legt er an diesem Nachmittag auf einem Tisch in der Kirche aus. Die Besucher sollen sie mitnehmen, lesen und darüber nachdenken.

"Ja hier ist zum Beispiel einfach: 'Unsere Arbeit ist nicht unwürdig. Lasst uns gemeinsam voran gehen. Hüten wir uns vor unsittlichem Leben, achten wir auf unsere Gesundheit. Es gibt keine kleine Arbeit, jede Arbeit ist groß.' Oder so was: 'Liebe Welt, ich bin Dein Sohn, auch die anderen, die mich nicht wahrnehmen. Vielleicht siehst du das, vielleicht auch nicht. Ich sehe Dich.'"

Nach Ostern wandern die Schuhputzkisten wieder zurück in die Galerie. Allerdings hofft Shanko, dass sie bald als "moving boxes", wie er sie nennt, in verschiedenen Ländern weltweit gezeigt werden. 

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