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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.08.2017

Kunst-Unfreiheit im Iran38 Jahre Zensur im Namen des Islam

Von Reinhard Baumgarten

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Aktivisten und Schauspieler demonstrieren für Jafar Panahi und halten ein Plakat hoch mit der Aufschrift "Freheit für Panahi". (picture alliance / dpa)
Aktivisten und Schauspieler demonstrieren 2015 für Jafar Panahi - das Berufsverbot besteht weiterhin. (picture alliance / dpa)

Der preisgekrönte iranische Filmemacher Jafar Panahi hat bis 2030 Berufsverbot. Ein prominentes Opfer, das zeigt: Die Kunstfreiheit endet im Iran seit 1979 da, wo religiöse Führer "Grundlagen des Islams" verletzt sehen. Kulturschaffende rebellieren leise.

Das Volk der Dichter und Denker sind im Nahen Osten die Iraner. Viele europä­i­sche Literaten – allen voran der Deutsche Johann Wolfgang von Goethe - haben sich von persischen Vorbildern inspirieren lassen.

Ferdusi, Hafez, Rumi, Omar Khayyam, Saadi, Nizami haben der Welt beispiel­lo­se Schätze der Weisheit, der Dichtkunst und der Erkenntnis geschenkt. Doch das ira­ni­sche Volk der Dichter und Denker ver­stumme, klagt die Teheraner Verle­ge­rin Shahla Lahidji. Das zeige sich auf viele Weisen, nicht nur am Berufsverbot für den Filmemacher Panahi.

Die Nichte des Regisseurs Jafar Panahi, Hanna Saeidi, zeigt am 14.02.2015 bei der Preisverleihung der 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin den Goldenen Bären, den sie für den Film «Taxi» von Jafar Panahi entgegengenommen hat. Rechts: die Jury-Mitglieder, US-Regisseur Darren Aronofsky und die französische Schauspielerin Audrey Tautou. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Filmemacher Jafar Panahi gewann 2015 den Goldenen Bären der 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin für "Taxi Teheran", durfte den Preis aber wegen seines Berufs- und Reiseverbotes nicht entgegen nehmen. Das übernahm seine Nichte Hanna (links). (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

In der Islamischen Republik Iran wer­de auch immer weniger gelesen, geschrie­ben und übersetzt.

"Der Abstand zur Weltliteratur vergrößert sich. Wir verstehen Tag für Tag weniger, was in der Welt vor sich geht."

"Die Leser halten Bücher nicht mehr für vertrauenswürdig. Sie glauben, das Le­ben ist aus den Büchern herausgewaschen worden. Bücher seien im religiösen Sinne ge­rei­nigt worden."

"Herrschaft im Islam ist ideologisch"

1983 hat die heute 75-jährige Shahla Lahidji als erste Frau in der Islamischen Repu­blik einen Verlag gegründet. Der Verlagsname "Ro­shangarān" bedeutet Aufklärer. Mehr als 2000 Bücher hat Shahla Lahidji veröf­fentlicht. Und immer wieder hat sie sich mit einem beherrschenden Thema herumschlagen müssen: Der Zensur, die es laut Artikel 24 der Verfassung der Islamischen Republik Iran gar nicht geben dürfte:

"Die Meinungsfreiheit in Publikation und Presse wird gewährleistet..."

Das klingt vielversprechend. Allerdings heißt es weiter:

"… es sei denn, die Grundlagen des Islams und die Rechte der Öffentlichkeit werden beeinträchtigt."

Diese "Grundlagen des Islams" sollen im Iran seit mehr als 38 Jahren die Richtschnur im Leben, in Politik, Wirt­schaft und Kultur sein. Viele Artikel der weltlichen Verfas­sung der Is­la­mi­schen Republik Iran ver­sprechen Grundrechte und Freiheiten nur unter Vorbehalt. Geistlichen ist es vorbehalten zu definieren, worin genau die "islamischen Grundlagen" bestehen.

"Die Herrschaft im Iran ist ideologisch - wie einst die ideologische Herrschaft von Stalin, von Hitler und von Franco in Spanien."

Urteilt Sadegh Zibakalam. Der Politikwissenschaftler von der Uni Teheran ist einer der profiliertesten liberalen Intellektuellen im Iran. Die Ideologie der Herrscher Irans, so Zibakalam, sei ein Schutzwall gegen westlichen Einfluss und Kul­tur.

Die Adaption westlicher Kultur wäre ein Eingeständnis, dass die eigene Ideologie geschei­tert sei, folgert der Politik­wis­senschaftler.

Iranische Führer sind sich uneins

Um den Einfluss des Wes­tens sowie den Drang nach künstlerischer und damit auch politischer Freiheit mög­lichst gering zu hal­ten, greifen die irani­schen Machthaber unterschiedlich intensiv und folgenschwer in al­le Lebens­bereiche ein.

"Wir dürfen nicht vergessen und alle sollen es wissen: Kunst ist nicht gefährlich und Künstler gefährden nicht die Sicherheit des Landes."

Das sagt Hassan Rohani, der siebte Präsident der Islamischen Republik Iran.

Irans Präsident Hassan Rohani am 11. April 2017 in Teheran. (imago stock&people)Irans Präsident Hassan Rohani (imago stock&people)

Und noch etwas sagt er:

"Zensur darf nur gesetzmäßig und eindeutig sein. Wenn die Gesetze dazu nicht klar sind, müssen wir eben transparente Gesetze erlassen, wodurch alle ihre Aufgaben und Grenzen genau erkennen."

Hassan Rohani ist Mitte Mai vom Volk mit deutlicher Mehrheit im Amt des Präsiden­ten bestätigt worden. In den mehr als vier Jahren seiner Amtszeit hat der Geistliche im Range eines Hodschatolislam viele druckreife Sät­ze für die Galerie gesprochen. Er hat viel versprochen, aber viel we­niger als er in Aussicht gestellt hat, auch ein­lösen können.

"Kunst ohne Freiheit gibt keinen Sinn und die Schaffungskraft ist nur mit Freiheitsliebe möglich."

Es mag dem 68-Jährigen nicht an guter Absicht mangeln. Aber Hassan Rohani ist nur ein Gleicher unter Gleichen im Machtgetriebe der Islamischen Republik Iran und sein Einfluss ist begrenzt. "Gleicher" und mächtiger ist Revolutionsführer Ali Kha­­menei.

Der geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Chamenei. (picture-alliance / dpa / Khamenei Official Website)Der geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Kha­­menei. (picture-alliance / dpa / Khamenei Official Website)

Der 77-jährige Ayatollah ist Irans starker Mann. Er setzt den Kurs in allen wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen des Lan­des. Er ist der erste Bannerträger einer doktrinären Ideologie der Abschottung:

"Heute ist das Infiltrieren durch den Feind eine der größten Bedrohungen für das Land. Wirtschaftlicher Einfluss ist möglich, aber der ist vergleichsweise bedeu­tungs­los. Die Infiltrierung unseres Sicherheitssystems ist auch möglich. Aber das ist ebenfalls nicht von großer Bedeutung. Im Vergleich zur  kulturellen, intellektuellen und politischen Einflussnahme, besitzen die anderen Bereiche wenig Bedeutung."

"Der Feind versucht im Kulturbereich Werte, die zum Erhalt des Landes beitragen, in­­frage zu stel­len, zu schwächen und durch seine eige­nen Werte zu ersetzen."

Gegen den vom Obersten Rechtsgelehrten bevorzugten erzkonservativen Bewerber Ebra­him Raisi hat Hassan Rohani mit großem Abstand die Präsidentenwahl gewon­nen. Rohani wurde gewählt, weil er mehr bürgerliche Rechte, eine Öffnung zur Welt und mehr Freiheit in Bildung und Kultur versprochen hat. Immer wieder warnt Rohani vor den Gefahren, die von gesellschaftlichen Rissen und sozialen Verwerfungen in seinem Land ausgehen. 

"In unserer heutigen Gesellschaft sind die sozialen Probleme die eigentlichen Ge­fah­ren. Von Armut über Prostitution bis zum allgemeinen Misstrauen in der Gesell­schaft und der Korruption in der Wirtschaft."

Jeder vierte junge Iraner ist arbeitslos

Tatsächlich hat der Iran massive soziale Probleme. Bis zu acht Millionen Menschen, so schätzen Experten, könnten direkt oder indirekt von Drogensucht betroffen sein; die Zahl der Ehescheidungen hat sich binnen fünf Jahren laut dem Innenministe­rium auf 36 Prozent mehr als verdoppelt, die Arbeitslosigkeit steht offiziell bei 12,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt zwischen 25-30 Prozent; Transparency International listet den Iran in Sachen Korruption auf Platz 130 von 168.

Die Bedrohung der Gesellschaft gehe an­ge­sichts der gesellschaftlichen Entwicklung nicht von Künstlern aus, betont Präsident Rohani. Künstler sollten Sym­bole der Freu­de, der Hoffnung und der nationalen Einheit sein.

Künstler leiden unter mehreren Zensur-Ebenen

Die Worte hören sie wohl, die Auto­ren, Maler, Regisseure, Musiker, Komponisten und Verleger. Doch leider gebe es im Iran auch mehr als 38 Jahre nach der Revolution keine Freiheit der Kunst, stellt die Rechtsanwältin und Menschen­recht­­le­rin Nas­rin Sotoudeh ernüchtert fest.

"Die Künstler leben in einem Klima der Unsicherheit. Nur wenn ein Künstler auf sicheren Beinen steht, kann er auch solide Kunstwerke schaffen."

Zensur finde im Iran auf vielen Ebenen statt, weiß die Verlegerin Shahla Lahidji.

"Zuerst zensiert sich der Autor selbst, weil er so wenige Probleme wie mög­lich ha­ben möchte. Dann folgt der Verleger. Das macht er entweder mit oder ohne Erlaub­nis des Autors, oder er setzt ihn unter Druck, um Ärger mit dem Ministe­rium zu ver­­­­meiden. Danach zensiert schließlich noch das Ministerium."

Das Ministerium für Kultur und Islamische Rechtleitung – Ershad genannt – ach­tet darauf, dass sich keine unerwünschten Einflüsse im Iran breit machen. Mahmoud Dolatabādi gehört zu den in­­ternational renommiertesten Schriftstellern Irans. Etliche seiner Bücher sind auf Deutsch erschienen. Im Iran sind sie meist nicht erhältlich.

"Ständig fordere ich die Herrschaft dazu auf, Druckgenehmigungen für Bücher zu erteilen. Li­te­ratur führt zu keiner materiellen Veränderung. Kein Buch hat einen Re­gimewechsel bewirkt. Lasst doch die Bücher erscheinen und erlaubt den Men­schen zu sagen, was sie sagen wollen."

"Wir entfernen uns von dieser Welt"

Die in der Praxis umfangreich geübte Zen­sur zeige Wirkung, beklagt die Verlegerin Lahidji. Der iranischen Gegenwarts­li­teratur fehle es an Inhalt, Reiz und Tiefgang. Sie  habe den Anschluss sowohl an die eigenen Leser als auch an die Welt der Litera­tur verpasst.

"Die großen Werke der Weltliteratur erzählten vom Leben. Wenn man das Leben aus den Werken herausnehme, bleibe nichts übrig, stellt die Verlegerin bedauernd fest."

"Das Leben besteht aus Gut und Böse. Es gibt im Le­ben Sex, Liebesbeziehungen, Hass und Liebe, töten und getötet werden und vieles mehr. Wenn wir über all das nicht schreiben und so etwas auch nicht übersetzen dürfen, dann entfernen wir uns von dieser Welt."

Trotz aller Einschränkungen - die knapp 80 Millionen Iraner leben nicht im Tal der Ah­nungslosen. Das Internet wird zwar gefiltert, Satellitenschüsseln werden zertrüm­mert, leistungsstarke Störsender – im Iran Parasit genannt – sollen den Empfang von ausländischen Satellitenkanälen ver­hin­dern.

Doch viele Menschen wissen Bescheid. Sie verstehen es, sich zu informieren und sie wissen, was in der Welt vor sich geht. Junge Leute stehen trotz offizieller Ab­leh­n­ung auf westliche Musik, sie mögen in Ber­lin, London oder New York gesetzte Trends und kommuni­zieren mit gleichaltrigen diesseits und jenseits der iranischen Gren­zen.

Sie machen modernes und zeitgemäßes Theater: Nasim Samani hat in Teheran eine auf iranische Verhältnisse zu­ge­schnittene Version des Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell auf die Bühne gebracht.

"Unsere Arbeit ist Kunst. Wir wollten kein politisches Stück auf die Bühne bringen. Wir haben uns auf das Künstlerische konzentriert; wie z. B. ein Schauspieler sich bewegen soll, wie sollen wir Wilhelm Tell verkürzen oder mit unserer eigenen Kultur in Verbindung bringen etc.? Wir haben kein politisches Werk geschaffen, aber jeder Moment unseres Lebens hier ist eigentlich ein Politikum."

Weil sie im Iran lebe, seien ihr die roten Linien bewusst, verdeutlicht die Theaterregis­seurin Nasim Saman. Das Ergebnis sei eine ständig geübte Selbstzensur.

"Man arbeitet mit der Zensur und das ganze Stück ist im Grunde ein Produkt geübter Zen­sur."

Es gebe ungeschriebene Regeln der Zensur, beschreibt auch die Verlegerin Shah­la Lahidji, und sie nennt ein Beispiel: Ein Mann und eine Frau lieben sich. Damit die Ge­schichte gedruckt wird, dür­fen sie nicht unverheiratet sein. Deshalb wurde der Verlag dazu aufgefordert, die bei­den als verheiratet darzustellen

"Wir dürfen Geschichten nicht zu Ende erzählen"

Gleiche Erfahrungen macht auch die Filmregisseurin Manishe Hekmat. Sie hat vor knapp 15 Jahren mit dem so­zi­al­kritischen Film "Zendān-e Zanān - Das Frauen­ge­fäng­nis" einen Kassenschlager ge­landet. Zwei Jahre durfte der Streifen nach Fer­­­tigstel­lung nicht gezeigt werden. Dann kam er in die Kinos und wurde ein Publi­kumsrenner. Das war während der Präsident­schaft des Reformers Moham­med Khatami.

Heute darf "Das Frauengefängnis" im Iran nicht mehr verkauft werden. Die Liste der Tabuthe­men, stellt Manishe Hekmat bitter fest, werde immer län­ger, inhaltsvolle Filme zu re­alisieren, gestalte sich für unabhän­gige Filmemacher immer schwieriger.

"Tabuthemen sind Drogensucht, Aids, Scheidung, Ehebruch. Man fängt an, ei­ne Geschichte, ein Drama zu erzählen. Aber wir dürfen die Geschichte nicht in un­serem Sinne zu Ende erzählen. Irgendwo müssen wir aufhören. Wir schneiden ein Problem an, können aber nicht sagen und zeigen, wie es zu Ende geht."

Am bedrohlichsten empfindet die Verlegerin Lahidji, dass das Kulturniveau Irans im­mer tiefer sinke. Die Literatur werde immer ober­fläch­li­cher. Es würden Bücher aufgelegt, die literarisch gesehen ziemlich wertlos seien. Bücher wie "Wer aß meinen Käse?", "Wie kommt man schnell zu Geld?", oder "Manage­ment­ in 5 Mi­nu­ten".

Drei Bücher hat Shahla Lahidji selbst geschrieben: Über Frauen in der iranischen Ge­schichte, Frauen in der Kunst und Frauen auf der Suche nach Freiheit. Jedes Mal mus­ste sie um die Veröffentlichung hart kämpfen.

"Es gibt keinen festen Maßstab für Zensur. Es hängt weitgehend vom Sachbearbeiter ab. Wir sind seinem Geschmack ausgeliefert, denn das Gesetz verbietet Zensur ja im Grunde. Wir wissen nicht, was eigentlich verboten ist. Es hängt vom Zensor und dessen Empfin­den beim Lesen des Buches ab."

Über 40 Bücher aus ihrem Verlag warten auf eine Druckgenehmigung. Bei vielen Bü­chern hat sie die Hoffnung bereits aufgegeben. Vor allem Büchern zu Frauenthemen bleibt die Zustimmung versagt.

Hardliner machen Kultur zum Kampfplatz

Auch wenn der Druck der Bücher genehmigt wird, ist der Vertrieb noch keineswegs sicher. Denn das gedruckte Werk muss dann noch dem Geschmack von ganz anderen Beamten entsprechen. Ganze gedruckte Auflagen fallen noch einer Zensur zum Opfer, die es offiziell gar nicht gibt. Die Worte von Präsident Rohani verhallen ungehört.

"Unsere Parole ist klar: Wir wollen Freiheit. Wir wollen soziale und politische Freiheit. Wir wollen freie Gedanken- und Meinungsäußerung. Wir wollen Wahlfreiheit über unsere Freizeitaktivitäten."

Hassan Rohani mahnt, doch er ist weitgehend machtlos. Irans erzkonservative Hard­li­ner haben die Kul­tur zum Kampfplatz erkoren. Fest terminierte Konzerte werden ver­boten, Aus­stel­lungen abgesetzt und der Spielraum für Kulturschaffende wird immer weiter einge­schränkt.

Die Politik der Herrschenden bleibt nicht unwidersprochen. Vor allem junge Menschen ziehen ihre eigenen Schlüsse. An die 100.000 gut ausgebildete Iraner verlassen Jahr für Jahr ihr Land. Niemand hält sie zurück – obwohl dieser Brain Drain laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds einem um­ge­rechneten Ka­pitalverlust von knapp 50 Milliarden Dollar entspricht. Oft gehen eben kritische Kö­pfe, um ihr Glück in der Welt zu suchen, die den Herrschenden zuhause keine Kopf­schmerzen mehr bereiten. Doch viele bleiben in ihrem Heimatland, auch wenn sie die Möglichkeit hätten, den Iran zu verlassen.

"Wir sind Arier und beten keine Araber an"

Das Grab von Kyros dem Großen in Pasargard (Stock.XCHNG / Mira Pavlakovic)Das Grab von Kyros dem Großen im iranischen Pāsārgād.. (Stock.XCHNG / Mira Pavlakovic)

Kyros ist unser Vater, der Iran ist unser Land. Zehntausende Menschen hatten sich un­längst in Pāsārgād im südlichen Zagros-Gebirge versammelt. Am Grabmal von Ky­ros dem Gro­ßen huldigten sie dem 6. König des altpersischen Achämenidenreiches. Es war mehr als eine Huldigung.

"Freiheit des Denkens ist mit Bart und Wolle nicht möglich", riefen die Menschen unter An­spielung auf die Herrschaft der Geistlichen in ihrem Land. 

Die Versammlung am Grab von Ky­ros habe viele im Herrschaftsapparat ins Grübeln ge­­bracht, erklärt Sadegh Zibakalam von der Uni Teheran

"Die Herrschaft konnte sich nicht vorstellen, dass sich bis zu 50.000 Menschen dort versammeln. Sie kann auch keine ausländische Macht wie die USA oder die 'Zio­ni­s­ten' dafür verantwortlich machen."

"Kyros ist unser Vater, alle Völker Irans sind seine Soldaten", deklariert ein Kyros-Ver­ehrer auf Arabisch. Dann fährt er auf Persisch fort.

"Kurden aus Sanandaj und Kermanshah, Aseri aus der Provinz Azerbaidschan, Araber aus Khuzistan – sie alle verehren Kyros den Großen."

"Wer hat denn für Ky­ros geworben? Es sind keine Bücher über ihn veröffentlicht und gelesen worden. Ky­ros ist zu ei­nem Sym­bol der Ablehnung des Regimes geworden."

Was am Grab des Achämenidenkönigs aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu hören war, lässt die Alarmgloc­ken bei den Herrschenden der Islamischen Republik laut läu­ten:

"Wir sind Arier und beten keine Araber an", rufen die Menschen am Grab von Kyros dem Großen. Das neuspersische Reich der Sasaniden wurde in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts nach Christus suczessive von arabischen Heeren unterworfen. Es folgten Jahr­zehnte blu­tigen Widerstands mit drakonischen Strafmaßnahmen durch die musli­mi­schen Er­obe­rer. Persien wurde schließlich weitgehend islamisch.

Seit der Revolu­tion von 1979 ist der Islam stärker denn je Richtschnur für die Herrschenden des Lan­des.

"Die jungen Iraner sind vom Islam enttäuscht"

Vor 37 Jahren, als die Revolution los ging, hat man Kyros keine Bedeutung bei­ge­messen. Die heutige Gesellschaft sollte eigentlich sehr islamisch und gläubig ge­wor­den sein, denn alles ist ja hier islamisch: Die Führung, der Präsident, das Parla­ment, die staatlichen Medien und die Universitäten – einfach alles. Wir wissen sehr genau, dass es zwischen Ky­ros und dem Islam keine Gemeinsamkeiten gibt.

Shāh-e Shāhān – König der Könige wird Kyros II. genannt. Direkt nach der Re­volu­tion sollte sein Grabmal geschleift, die Erinnerung an ihn ausgelöscht werden. Tau­sende Menschen stellten sich damals den Abrisstruppen in den Weg. Dann herrschte lange Schweigen. Die Erinnerung an alte Größe kommt nun in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftler Krise zurück.

"Die jungen Menschen der zweiten und dritten Generation nach der Revolution  sind vom Islam enttäuscht. Sie suchen nach Ersatz. Für meine Generation war der Islam die Ant­wort. Die jungen Leute werden wegen ihrer Islam-Enttäuschung so lange su­chen, bis sie etwas Anderes gefunden haben."

Langfristig liegt die Gefahr darin, dass vor allem junge Menschen mit dem eng ge­fassten, sich an "islamischen Grundsätzen" orientierenden Kulturbegriff der Herr­schenden immer weniger anfangen können.

Sie wissen sehr wohl, welche kulturelle Wei­­te möglich wäre und welcher Enge sie ausgesetzt sind. Einer der gerufenen Slo­gans am Grabmal von Kyros II. in Pāsārgād lautete in Anspie­lung an die arabische Eroberung : "Sie sa­gen, alles sei Gottes Wille. Aber alles Unheil kommt von den Arabern”.

Im Land der Ve­layat-e Faqih – der Herrschaft des Rechts­ge­­lehr­ten – klingen diese Worte wie reinste Blas­phe­mie. Denn mit den Eroberern kam auch der Islam. Eine Minderheit äußere sich so, räumt Sadegh Zibakalam ein. Aber die­se Min­der­heit bringe Gefühle vieler vor allem junger Menschen zum Ausdruck.

"Die Generationen nach der islamischen Revolution glauben nicht mehr an die Poli­tik der Führung. Wenn die Herrschenden hier von Hizbollah-Chef Hassan Nasral­lah im Libanon sprechen, dann sagen die Jüngeren, wer ist das überhaupt? Die Herrscher spre­chen von Hamas und die Jüngeren sagen: Hamas, was bitteschön ist das? Die Füh­rung sagt, die USA sind unser Feind. Die andere Seite sagt, nein, das sehen wir nicht so."

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