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Profil / Archiv | Beitrag vom 10.12.2012

Kunst statt Wintersport

Die Designerin Ameli Neureuther im Porträt

Von Andi Hörmann

Die ehemaligen Skisportler Rosi Mittermaier und Christian Neureuther mit ihrer Tochter Amelie im Jahr 1988 (picture alliance / dpa)
Die ehemaligen Skisportler Rosi Mittermaier und Christian Neureuther mit ihrer Tochter Amelie im Jahr 1988 (picture alliance / dpa)

Ihre Mutter ist die Skilegende Rosi Mittermaier, ihr Vater der Skifahrer Christian Neureuther - und auch ihr Bruder Felix fährt Ski. Doch Ameli Neureuther hat sich für ein anderes Leben entschieden: Mode und Kunst in der aufregenden Großstadt anstatt Wintersport im Schoß der Familie.

Der Regen geht mit zunehmender Höhe in Schnee über. Am Sichtfenster der Gondel-Kabine schmelzen Eiskristalle. Flocken werden zu Tropfen und ziehen Schlieren auf der Glasscheibe. Die Bergbahn fährt auf gut 1300 Meter Höhe - auf den Kreuzeck, den Hausberg in Garmisch-Partenkirchen. Heimatort von Ameli Neureuther.

"Das ist ein Ort, an dem ich sehr gerne bin, weil ich hier im Winter sehr viel Ski fahre: Wir sind jetzt gerade am Kreuzjoch-Hang und spazieren Richtung Bayernhaus."

Ein alpenländisches Idyll, ein Winter-Wunderland. An den Berghängen: Haushohe Nadelbäume mit weit ausladenden Ästen, bedeckt von einer dicken Schneeschicht. Die Luft ist klar und frisch. Monoton ziehen Skilifte die Wintersportler in bunter Funktionskleidung die Pisten hoch. Jeder Schritt im Schnee: Ein Stapfen und Knirschen.

"Die Berge sind meine Wurzeln. Da muss ich mindestens einmal im Monat wieder nach Garmisch. Man schätzt es dann auch immer mehr, wenn man mal weg war und auch so ein anderes Leben führt. Dann braucht man auch mal wieder Ruhe und Natur - eben die Heimat."

Vor uns ein Berggasthof - wie das Klischee von einem Postkartenmotiv: Rustikale Holzfassade, geschnitzter Balkon, die Terrasse mit massiven Bänken und Tischen. Am Eingang: Die Tageskarte - geschrieben mit weißer Kreide auf schwarzer Tafel.

"Ja, jetzt kehren wir ein. Jetzt sind wir hier gerade am Bayernhaus. Ich hoffe es hat offen. Es gibt knusprigen Schweinebraten mit Sauerkraut und Kartoffelknödeln."

Typisch Garmisch, oder?

"Ja, typisch."

1981 kommt Ameli Neureuther in München zur Welt. Mit zwei Jahren steht sie schon auf Skiern. Die ersten Schritte macht sie noch in den Fußstapfen ihrer berühmten Eltern: Die Mutter, Rosi Mittermaier: dreifache Medaillensiegerin bei den Olympischen Winterspielen 1976. Der Vater, Christian Neureuther: sechsfacher Slalom-Weltcub-Sieger. Ihr Bruder Felix ist ebenfalls Skirennläufer: Bei der Ski-WM 2011 tritt er im Olympia-Kader für Deutschland an.

"Es hat glaube ich schon dazu geführt, dass ich gesagt habe: Ich muss raus, ich muss weg, ich muss mein Ding machen. Das war mir immer sehr wichtig, dass ich auch für das sozusagen die Anerkennung bekomme, was ich mache."

Mit 16 entscheidet sich Ameli Neureuther gegen den Skizirkus, tauscht die alpenländische Provinz gegen die kreative Metropole. Zuerst München: Fachabitur in Gestaltung. Dann "Arts & Science" in Cambridge - ein Orientierungsjahr zum Reinschnuppern in verschiedene Kunstrichtungen. Zurück in München: Studium an der internationalen Modeschule Esmod. Schließlich New York: Ein Engagement beim Modelabel Marc Jacobs. In Berlin wird Ameli Neureuther zur Designerin bei der Modemarke "Wunderkind" unter der Leitung von Wolfgang Joop. Mode und Kunst in der aufregenden Großstadt anstatt Ski und Sport im Schoß der Familie. Und trotzdem knüpft sie an eine alte Familientradition an: Das Kunsthandwerk.

"Mein Ur-Ur-Großvater, der hat die Gedichte von Goethe verziert. Wir haben daheim ganz viele von diesen Gedichten mit diesen Randverzierungen und es gab auch einen regen Briefaustausch mit Goethe. Es gibt auch die Neureuther-Straße in München, die ist nach meinem Ur-Ur-Ur-Großvater benannt. Das waren alles Künstler. Also meine Eltern und mein Bruder stechen eher raus aus der Familie als ich."

Mode und Malerei - Ameli Neureuther pendelt als Künstlerin und Designerin zwischen Berlin, München und Zürich. Doch immer wieder kehrt sie zurück in ihre Heimat - in das Werdenfelser Land: Im Winter zum Skifahren, im Sommer zum Natur genießen. Das Garmischer Umland bringt sie dabei schon mal auf eine neue Idee für ihre Kunst.

"Ich habe eine Radtour gemacht durch Eschenlohe und dann standen da diese zwei Kühe vor mir und ich fand irgendwie diese Szene sehr inspirierend, weil die beiden wirklich vor mir standen und mich angeschaut haben und sich keinen Schritt bewegt haben. Das habe ich dann eben festgehalten, auf dem Handy."

Kunst mit dem Mobiltelefon, ihre jüngste Spielart der Gestaltung: App Art - das Zeichnen mit dem iPhone. Der Finger: ein Pinsel. Die Touch-Screen: eine Leinwand. Auf ihrem Smartphone trägt Ameli Neureuther ihre illustrierten Momentaufnahmen aus der Heimat mit sich in die Welt. Im Tal, irgendwo unter dem diesigen Nebelschleier grasen die Kühe in Garmisch-Partenkirchen. Die Alpenlandschaft ist für sie dabei immer auch Sinnbild ihres Gemüts: Willkommen und Abschied, Heiterkeit und Melancholie.

"Ja, das ist eine Berg- und Talfahrt. Ständig. Also hoch und runter. Aber das ist schön. Ich habe das Gefühl, ich erlebe dadurch sehr viel, sehr intensiv. Aber dann kann es natürlich auch wieder sehr emotional sein. Das habe ich glaube ich von meinem Vater. Ich glaube auch, ohne die Talfahrt würde man die Bergfahrt nicht so erleben."

Die Bergbahn bringt uns wieder hinunter ins Tal. Am Sichtfenster der Gondel: Das Spiegelbild von Ameli Neureuther. Markante Wangen-Knochen, haselnussbraune Augen, die Fingernägel: neonpink lackiert. Das Abbild einer Künstlerin, die auch Mode designed. Und auch bei ihr glänzt die Schönheit trotz Makel: Eine kaum sichtbare Narbe am Haaransatz ihrer hohen Stirn erzählt eine Kindheitsgeschichte - von einer eigensinnigen, lebendigen Persönlichkeit.

"Das ist nicht dein Ernst, hast Du die gesehen? Wie alt war ich da? Neun. Da war ich bei meinem Opa auf der Winklmoosalm und hab dort geschlafen und bin in der Früh aufgestanden und bin ans Bett-Kasterl gerannt. Mit dem Kopf voraus."

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