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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2014

KunstKontemplation und Besuchermassen

Der Direktor des MoMA über Kultursponsoring und die Anforderungen an ein zeitgemäßes Museum

Glenn Lowry im Gespräch mit Britta Bürger

Glenn Lowry, der Direktor des Museums of Modern Art (Deutschlandradio Kultur / Britta Bürger)
Glenn Lowry, der Direktor des Museums of Modern Art (Deutschlandradio Kultur / Britta Bürger)

Ein großartiges Museum sollte die Möglichkeit zur Kontemplation bieten und zugleich die iPhone-Generation ansprechen, sagt Glenn Lowry, der Direktor des Museums of Modern Art in New York. Museen seien heute soziale Begegnungsstätten.

Britta Bürger: In den USA ist der Kulturbetrieb fast ausschließlich von privaten Geldgebern abhängig, von Einzelpersonen ebenso wie von großen Unternehmen. Die einen wie die anderen muss man natürlich umwerben, und diese Kunst beherrscht Glenn Lowry perfekt. Der Direktor des MoMA hat das Museum zu einer Marke gemacht, von deren Glanz viele etwas abhaben möchten. Seit drei Jahren ist auch Volkswagen Sponsoring-Partner des MoMA, weshalb Glenn Lowry dieser Tage wieder in Deutschland war, mit einem Abstecher in unser Studio. Lowry hat den Ruf, das MoMA wie ein großes Wirtschaftsunternehmen zu führen. Was unterscheidet aber ein Museum von einem Autokonzern?

Glenn Lowry: Da ist ein Riesenunterschied zwischen einem Museum und einem Autokonzern. Einem Autokonzern geht es nur darum, dass er gute Geschäfte macht, und ein Museum muss die Idee von Kunst in die Welt bringen, propagieren. Was uns natürlich mit einem Unternehmen wie Volkswagen verbindet, ist vielleicht so etwas wie Innovation, Design und einfach gute Bürger zu sein.

Museumsarbeit als Beitrag zur Völkerverständigung

Bürger: Was genau für einen Gewinn hat VW bei diesem Engagement? Ist es tatsächlich auch etwas wie Imagepflege? Bekommt der Autolack den MoMA-Glanz?

Lowry: Nun, das ist ein Teil, aber darauf würde ich es jetzt nicht reduzieren. Es geht nicht nur um Fragen des Marketings, das ist schon eine etwas andere und auch komplexere Beziehung. Die Frage ist natürlich, welche Interessen teilen wir, welche Werte teilen wir. Und dann ist es ganz offensichtlich, dass wir uns beide für Design interessieren, dass Innovation ein sehr wichtiges Kriterium sowohl für unser Museum als auch für Volkswagen ist. Und wenn man dann gewisse Werte teilt, dann hat man schon gewisse Gemeinsamkeiten. Natürlich, für Volkswagen ist es interessant, dass in einem Museum, wo Kunst ausgestellt ist, dass Kunst eben das Denken und das Leben der Leute verändern kann. Und ich bilde mir schon ein, dass für einen Konzern wie Volkswagen da auch Vorteile in dieser Zusammenarbeit entstehen. Beispielsweise gibt es diese große Ausstellung von Sigmar Polke, die wir hier organisiert haben. Wir haben also deutsche Kultur, einen deutschen Künstler in den USA damit bekannter gemacht. Und wenn man sich die komplizierte Beziehung unserer beiden Länder anschaut, dann ist das schon ein sehr wichtiger Schritt.

Bürger: Kritiker betonen immer wieder, dass sich ein Museum von seinen Sponsoren zu abhängig macht. Welchen Einfluss haben Ihre Sponsoren auf die Museumsarbeit, also auf Ankäufe, auf Hängungen, auf Ausstellungen?

Keine Sorge vor Einfluss der Sponsoren

Lowry: Wir müssen natürlich sehen, dass die Museenlandschaft in Europa eine ganz andere ist als die Museenlandschaft in den USA. In den USA sind die meisten Museen in privater Hand und beispielsweise das MoMA erhält keinerlei staatliche Unterstützung. Also sind wir auf Sponsoren, auf Treuhänder angewiesen. Wir müssen Gelder auftreiben, damit wir uns überhaupt es leisten können, auch Erwerbungen durchzuführen, uns Dinge anzuschaffen. Und die Kritik, die jetzt eben manchmal kommt, man würde sich abhängig machen von so einem großen Sponsor wie beispielsweise Volkswagen oder man wäre von einem großen Konzern abhängig, der Einfluss ausüben würde, diese Kritik ist vollkommen unberechtigt. Ich würde sogar behaupten, dass die Gefahr, dass ein Kulturminister oder dass ein Kulturministerium einem staatlichen Museum vorschreibt, was es zu tun hat, dass diese Gefahr eigentlich sehr viel größer ist. Und um bei Volkswagen zu bleiben: Wir haben uns von Anfang an unterhalten, was wir vorhaben, welche Ausstellungen wir gemeinsam organisieren werden, Volkswagen hat uns das Okay gegeben, und sie haben niemals gesagt, ach, macht doch mal diese Ausstellung oder bitte diese Ausstellung nicht. Das hat einfach niemals stattgefunden.

Bürger: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Glenn Lowry, dem langjährigen Direktor des New Yorker MoMA. Lassen Sie uns auch über Museumsarchitektur sprechen. Neue Museumsbauten treten heute zum Teil regelrecht in Konkurrenz zur Kunst, die darin ausgestellt wird. Welche Forderungen stellen Sie an zeitgenössische Museumsarchitektur?

Lowry: Museen sind in den letzten 25, 30 Jahren (Anmerkung der Redaktion: Der Interviewpartner spricht von 25 bis 50 Jahren.) zu Zivileinrichtungen geworden, die immer wichtiger werden, mit der sich jede auch kleine Stadt schmücken möchte. Man möchte diese Präsenz und Verbundenheit zur Kultur auch zeigen. Und was mir immer wichtig ist bei der Architektur, ist die Frage, ob die Kunst darin auch gut aussieht, ob sie gut dargestellt wird. Und wenn ich durch die Räume gehe, die von Architekten entworfen worden sind, dann ist es mir immer wichtig, ob die Kunst dort am besten dargestellt worden ist.

Ein Ort, an dem man sich über Kunst austauschen will

Bürger: 2004 wurde das neue MoMA wiedereröffnet als wohl weltweit größter Museumskomplex der Welt. Ich hatte bei meinem letzten Besuch ehrlich gesagt Mühe, das alles zu verkraften und aufzunehmen, die Architektur, die vielen verschiedenen Ebenen, die Sammlungen, die Ausstellungen, die Sonderausstellungen, den Museumsshop natürlich auch, will man auch hin. Dazu Unmengen von Menschen. Sollte das Museum nicht eigentlich doch ein Ort der Kontemplation sein?

Lowry: Nun, ein Museum ist gleichzeitig vielfältig, besteht aus vielen Orten. Es geht nicht nur um Kontemplation. Und ich glaube, in den letzten 15 Jahren hat auch eine dramatische Veränderung stattgefunden: Museen sind in erster Linie auch zu sozialen Begegnungsstätten geworden, an denen sich Menschen treffen, die sich über Kunst austauschen wollen. Damit sprechen wir auch die iPhone-Generation an, die sich von meiner Generation auch ganz stark unterscheidet. Meine Generation ist ins Museum gegangen und wollte dort Ruhe, wollte in Ruhe die Kunst aufnehmen. Meine Tochter beispielsweise, die kann sich das überhaupt nicht vorstellen, dass ein Museum vollkommen ruhig ist, sie braucht etwas ganz anderes.

Es ist natürlich schwierig, diese beiden Generationen oder eben diese beiden Ansichten miteinander zu verbinden. Das mag natürlich Leuten, die sich damit nicht so auskennen, mag diese neue Art und Weise, Museen aufzunehmen, von einer neuen Generation auch irgendwo unangenehm sein. Aber was mir wichtig ist, ich möchte immer, dass der Geist angesprochen wird. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich denke, dass man nicht immer nur darauf setzen muss, dass überall Ruhe herrscht. Ein großartiges Museum sollte beide Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Wir waren auf jeden Fall unglaublich überrascht und haben uns das überhaupt nicht vorstellen können, was für Besucherströme auf uns da zugekommen sind in letzter Zeit, und daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Bürger: Das MoMA soll jetzt noch mal erweitert werden, dafür wird das direkt angrenzende American Folk Art Museum im Juni abgerissen. Dieses Museum litt wie viele Kulturinstitutionen in den USA unter Geldmangel, hat sein Grundstück 2011 an das MoMA verkauft. Die ganze Sache ist umstritten, es gab Protest. Warum muss das MoMA noch größer werden?

Lowry: Für viele große Museen ist es so, dass sie wirklich immer mehr Raum benötigen, das gehört einfach dazu. Und wir sind das Museum in der Welt mit der größten Sammlung zeitgenössischer und moderner Kunst. Wir müssen uns wirklich vergrößern. Wir haben jetzt die Möglichkeit, nicht nur was das Gelände des Folk Art Museums angeht, sondern vor allen Dingen das Gelände, was daneben ist, bietet uns die einmalige Möglichkeit, uns um 30 Prozent zu vergrößern. Und das betrifft vor allen Dingen Ausstellungsfläche. Und viele unserer Installationen verbrauchen einfach sehr viel Raum, zum Beispiel die Werke von Richard Serra oder Doug Aitken. Vieles, was wir haben, können wir gar nicht ausstellen. Und wir investieren jetzt wirklich nur in Räume für Ausstellungsfläche und nicht etwa, um die Bürokratie oder andere Dinge, Lager damit aufzunehmen. Das ist etwas, wovon jeder auch profitieren kann, der einfach mehr Kunst zu sehen bekommt.

Zeitgenössische Kunst steht weiterhin im Mittelpunkt der Sammlung

Bürger: Ich würde gerne noch etwas über Ihre Sammlungspolitik erfahren. Wie lange folgt das MoMA als Museum der Moderne, also des 20. Jahrhunderts, wie lange folgt das MoMA noch den Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst? Wo sehen Sie da Grenzen?

Lowry: Wir stehen natürlich vor einer sehr großen Herausforderung, wie wir uns definieren, welches Interesse wir haben. Als das MoMA gegründet wurde, wollte man eigentlich nur eine Zeitspanne von etwa 50 Jahren umreißen, es sollte eigentlich um zwei Generationen gehen, die aktuelle Generation, die in einem Kontext zu der davor steht. Und dann gab es wirklich Bestrebungen, ob man überhaupt aufhören sollte zu sammeln, das waren wirklich ernsthafte Fragen, die man sich gestellt hat. Und in den 1940er-Jahren gab es dann mit dem Metropolitan Museum eine Zusammenarbeit, wo wir einige Meisterwerke, die über 50 Jahre alt waren, an das Metropolitan Museum abgegeben haben.

Und diese Politik hat man aber mittlerweile dann aufgegeben, weil die Treuhänder natürlich gesagt haben, wir sind diejenigen, die unser Profil schärfen, indem wir damals unbekannte Künstler entdecken, die es nun bis zu einem großen Grad der Bekanntheit gebracht haben, und dann geben wir unser Profil wieder auf. Also steht zeitgenössische Kunst nach wie vor im Mittelpunkt unserer Sammlungen, auch der Dinge, die wir noch anschaffen wollen. Und so lange es Künstler gibt, die in unser Spektrum passen, werden wir auch weiter Werke erwerben, die da hineinpassen. Aber natürlich muss irgendeinmal der Zeitpunkt erreicht werden, wo man sich die Frage stellt: Sammeln wir jetzt immer noch zeitgenössische Kunst weiter, beschränken wir uns auf das, was wir haben, oder wird es wieder einen Punkt geben, wo man Dinge wieder verkauft, weil man in der zeitgenössischen Kunst bleiben will? Aber die Zeit für diese Entscheidung ist noch nicht gekommen.

Bürger: Glenn Lowry, Direktor des MoMA in New York, thanks a lot for being with us!

Lowry: Thank you!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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