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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.01.2006

Kunst in der Provinz

Das Massachusetts Museum of Contemporary Art

Von Dirk Fuhrig

Das Massachusetts Museum of Contemporay Art (MassMoCa) in North Adams, MA (AP Archiv)
Das Massachusetts Museum of Contemporay Art (MassMoCa) in North Adams, MA (AP Archiv)

In der US-Kleinstadt North Adams blüht die Kunst. Das vor sechs Jahren eröffnete Massachusetts Museum of Contemporary Art versucht, die Tendenzen der zeitgenössischen Kunst möglichst zeitnah abzubilden. Mit Erfolg: Das MassMoCa in der 15.000-Seelen-Gemeinde zählt mittlerweile zu den bedeutendsten Kunstmuseen des Landes. Aktuell ist eine Ausstellung mit junger Malerei aus der Neuen Leipziger Schule zu sehen.

Frösche springen, Eichhörnchen rennen, Vögel flattern, ein kleines Mädchen mit Zöpfen schaukelt an den Ästen eines Baumes herum und singt zu Elektropop-Musik. Ein Zeichentrickfilm - Avantgarde-Kunst aus Japan. Die junge Künstlerin Motohiko Odani lebt in Tokio. Ihre Multimedia-Installation aus dem Tierreich hat sie mitten ins US-amerikanische Landleben gestellt.

"Becoming Animal" - wie wird der Mensch zum Tier? Die Kulisse der Berkshire Mountains scheint ideal für diese Ausstellung, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zu seiner lebendigen Umwelt auseinandersetzt. Soviel Natur wie das Massachusetts Museum of Contemporary Art (Mass MoCA) hat kaum ein Museum für Gegenwartskunst um sich herum.

"Die Berkhsires sind wirklich ganz wunderbar. Sie verbinden die Schönheit der Natur mit einem hochklassigen kulturellen Angebot, das Sie ansonsten nur in den Metropolen finden."

... sagt Katherine Myers vom Massachusetts Museum of Contemporary Art.

An diesem Ort, Hunderte Meilen von der nächsten bedeutenderen menschlichen Ansiedlung - sprich: Großstadt - entfernt, würde man höchstens ein Heimatmuseum erwarten. Berühmt ist die Gegend vor allem wegen ihrer schönen Herbstfarben - dem buntblättrigen Indian Summer. Und für den Mohawk Trail, einen Wanderweg.

Aber dann war da diese alte Manufaktur, die vor sich hin rottete.

"Wir sind hier ja ohne Zweifel in einer richtigen Kleinstadt. Und zuerst waren hier eben die Gebäude, diese wunderschönen Fabrikhallen. Mit denen konnte man einfach nichts Besseres anfange, und deshalb haben sie ein Museum daraus gemacht. Die Gebäude sind mehr als 100 Jahre alt."

Im 19. Jahrhundert wurden in diesem dunklen Berg-Tal Textilien genäht. Später montierten Einwanderer aus Irland und Italien in den aus Backstein gemauerten Hallen Elektroteile zusammen. Seit 1999 gibt es Kunst auf der Höhe der Zeit: Malerei, Skulpturen, Video- und Geräuschinstallationen.

Die Idee, aus der Industriebrache ein Haus für Kunst zu machen, hatten Professoren des Williams-College, einer Kunsthochschule in der Nähe. Das war in den späten 80er Jahren, als der Raum für Kunst in den Großstädten, gerade in New York City, immer kostbarer - und teurer - wurde. Und so zogen sie hinaus in die Berkshires.

Angeregt wurde das Projekt ausgerechnet von der deutschen Kultur-Provinz, erzählt Katherine Myers:

"Einer dieser Professoren vom Williams-College war in Deutschland auf der documenta, und dort kam ihm dieser Einfall: Das können wir doch hier in North Adams als Dauereinrichtung machen. Und ein paar Jahre später hat es geklappt."

Eine permanente documenta in den Bergen Neu-Englands. Der Vergleich zu Kassel ist nicht von der Hand zu weisen. Zwar dürfte die hessische Stadt - immerhin Knotenpunkt bedeutender Einsanbahn- und Autobahn-Verbindungen - zu Recht beleidigt sein, wollte man ihre Größe mit der verschlafenen 15 000-Seelen-Gemeinde North Adams vergleichen. Was die Entfernung zu den etablierten Kunstmetropolen angeht, ähneln sich die beiden "locations" jedoch durchaus.

"In Kassel und hier bei uns ist die Herausforderung die gleiche: Leute anziehen. Aber wenn es wirklich gelingt, "den Ort"" für zeitgenössische Kunst zu schaffen, dann kommen die Besucher auch. Wir haben 100 000 Besucher pro Jahr. Wenn man das vergleicht mit anderen Museen in den USA, in Großstädten, dann ist das gar nicht schlecht: das MoCA in Los Angeles oder in Chicago, die haben vielleicht 150 oder 200 000 im Jahr."

Das Mass MoCA besitzt keine eigene Sammlung, sondern setzt auf Wechselausstellungen. Das einzige Dauerobjekt ist ausgerechnet ein Werk von Joseph Beuys: "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" - eine Installation, die das Kunstmuseum Philadelphia wegen Platzmangels nach North Adams abgegeben hat.

"Showing the best of today" - an diesem Grundsatz orientiert sich das Museum. Das beste von heute. Dazu gehört - noch einmal - Kunst aus Deutschland:

"Wir interessieren uns für das, was aufregend ist. Und wenn Sie das suchen, was in der zeitgenössischen Malerei aufregend ist, dann kommen Sie ganz automatisch zur Neuen Leipziger Schule, und dann stehen diese Künstler auf der "short list" derjenigen, die sie unbedingt zeigen wollen."

Bilder von Tilo Baumgärtel, Neo Rauch, David Schnell und Christoph Ruckhäberle sind noch bis zum Frühjahr in North Adams zu sehen. Es ist die größte Ausstellung zu dieser künstlerischen Nachwende-Bewegung, die es bislang in den USA gegeben hat. Ob von Tokio oder von Leipzig in die amerikanische Provinz - das Mass MoCA ist am Puls der Zeit.

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