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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.07.2014

KunstDie soziale Utopie der Spinnen

Eine Ausstellung über Netzbezüge in historischen Grafiken und aktuellen Installationen

Von Anette Schneider

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Tautropfen hängen an einem Spinnennetz (picture alliance / dpa - Ralf Hirschberger)
Tautropfen auf einem Spinnennetz (picture alliance / dpa - Ralf Hirschberger)

In Kiel wird unter der Überschrift "Netz. Spinnen in der Kunst" eine Ausstellung gezeigt, die kaum etwas Biologisches hat. Die Schau in der Kunsthalle zeigt vielmehr Netz-Objekte, deren "Netz"-Bezüge vor allem virtuell sind.

"Eine Sorte Spinne baut das Radnetz. Und dann gibt es eine zweite Sorte, die das feinere, fast morgentau-ähnliche Netz spinnt. Und sie wird das jetzt auch immer weiter spinnen. Da unten sitzt sie. Ihre Beine hat sie etwas angezogen..."

Kuratorin Maren Wienigk steht in einem abgedunkelten Raum vor einem würfelförmigen Metallgerüst, das - von oben beleuchtet - frei von der Decke hängt.

"Man sieht sogar noch etwas weiter oben eine Kugel, das sind Spinneneier. Wir hoffen, das so in zwei, drei Monaten noch so 30 Spinnenbabys hier schlüpfen werden."

Der argentinische Installationskünstler Tomás Saraceno lässt in Kiel Spinnen eine soziale Utopie des Miteinander bauen. Durch Scheinwerfer angestrahlt, macht er jeden einzelnen Faden dieser kunstvollen Gemeinschaftsarchitektur sichtbar.

Dass das "Netz" in der Kunst mehr ist als am Computer hergestellte Bilder, führt die Kieler Ausstellung mit berückendem Esprit vor: Sie spannt den Bogen von historischen Grafiken zu aktuellen Installationen, Fotografien, Zeichnungen und Filmen, und enthüllt dabei immer neue Facetten der Metapher.

Kunsthallenleiterin Anette Hüsch: "Es kann als eine durchaus demokratische, oder hierarchielose Struktur begriffen werden. Netzwerken hat ja auch etwas mit Klasterbildung zu tun. Und mit ewiger Bewegung. Also wenn man vom Netz der Spinne ausgeht, dann ist das Netz ja ein ausgelagertes Sinnessystem, das sich permanent verändert. ... Es wird geflickt, es wird erweitert, es bietet Schutz... Und es ist die Beutefalle."

Als solche entpuppt sich auch die labyrinthartig aufgebaute Ausstellung: Sie fängt den Besucher ein, verstrickt ihn in unterschiedliche Netz-Welten. Das beginnt mit einem ästhetisch bezauberndem Auftakt: Vor einer hell angestrahlten, weißen Wand trifft man auf sein eigenes Schattenbild. Bei der kleinsten Bewegung zieht es Tausende Elemente an, die an schwebende Pusteblumen erinnern. Sie fließen über Kopf und Schultern, sammeln sich in der Armbeuge und in den geöffneten Händen. Der eigene Schatten wird zum Teil eines Netzwerkes, das bei jeder Bewegung neue Strukturen bildet. Versucht man aber die Elemente zu greifen, flüchten sie, lösen sich auf.

Kuratorin Maren Wienigk: "Das ganze wurde programmiert von Felix Bunowsky. Felix Bunowsky hat eigentlich Molekularbiologie studiert, und sich lange damit beschäftigt, wie man mathematisch-biologische Strukturen visualisieren kann. Und wie man eine Haptik heraus kitzelt, die dann angefasst werden möchte, und mit ihr gespielt werden möchte."

Andere Künstler zeigen in beunruhigenden Bildern, wie eng das Netz des World Wide Web bereits gezogen ist, wie umfassend die Möglichkeiten von Überwachung und Manipulation sind. Barrett Lyons Digitaldruck misst 5 mal 5 Meter: Auf pechschwarzem Untergrund sieht man die Welt als Ansammlung leuchtender kleiner Sterne, und eng verflochtener blauer, grüner und roter Linien.

Ein Zeichen für die Kurzlebigkeit medialer Nachrichten

Anette Hüsch: "Diese farbigen Linien zeigen die Serververbindungen. Und zwar die, die man anhand der IP-Adressen genau orten kann. Und die, die sozusagen versteckt operieren. Das ergibt zwar ein farbig schönes dichtes Netz. Aber es zeigt eben auch - es ist aus dem Jahr 2003, das Bild, das wir gewählt haben - würde man das heute abbilden, würde man gar nichts mehr erkennen, weil die Verbindungen so enorm explodiert sind."

So wie Saracenos Spinnen ihre beiden Netze ineinander fügen, so steht man in der Ausstellung plötzlich in einer weiteren Ausstellung: In einem Kubus hängen die historischen Stiche. Und wieder ergeben sich in dieser ungewöhnlichen Ausstellung Querverweise, lassen sich Fäden spinnen von einer 500 Jahre alten Grafik, auf der Ungläubige mit einem Netz eingefangen und dem Teufel übergeben werden - bis zu den Leichtgläubigen Netznutzern unserer Tage, die von riesigen Konzernen verbreitete Bilder und Nachrichten für die Wirklichkeit halten.

"Die Auflösung für das Geräusch im Hintergrund ist die Arbeit von Julius Popp: 'Bit-Fall'..."

Wie ein großes Bühnengerüst für Scheinwerfer sieht die Installation aus, aus deren Querbalken ununterbrochen einzelne Wörter aus Wasser in ein Bassin stürzen.

"Die Arbeit ist angeschlossen an das Internet. Und ein Programm filtert nun aus dem Internet von den sechs häufigsten gelesenen Nachrichtenseiten die meist verwendeten Wörter raus."

"Börse. Dax. Prozente. Urlaub. Geschichte. Gewinn". - Wort um Wort fällt aus der Vorrichtung, leuchtet kurz auf, zerstäubt am Boden. Es ist ein großartiges Zeichen für die Kurzlebigkeit medialer Nachrichten, die unablässige profitorientierte Produktion neuer Schlagwörter und Sensationen, die sich für Zusammenhänge und Erkenntnisse nicht interessiert, und deren Folgen verwüstete, fremdbestimmte Hirne sind. Gegen die könnte der Aufbau gemeinschaftlicher, demokratischer Netze helfen. - Bei den Spinnen jedenfalls klappt das...

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