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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.01.2017

Kunst AppArt ermöglicht neue Symbiosen

Christiane Riedel im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Ausstellung "Björk" im Museum of Modern Art in New York am 3.3.2015. (picture-alliance / dpa / Justin Lane)
Auch Musikerinnen wie Björk nutzen "Apps" für ihre vielfältige künstlerische Arbeit (picture-alliance / dpa / Justin Lane)

Mit einem Smartphone kann jeder zum Künstler werden, schwärmt Christiane Riedel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien. Mit einer entsprechenden App könne man gleichzeitig Performer, DJ oder Komponist sein.

 "Es ist ein fast symbiotischer Prozess", sagte Christiane Riedel, Geschäftsführerin des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) im Deutschlandradio Kultur über die enge Verbindung zwischen Künstler und Konsumenten, die das Smartphone möglich macht. Es werde ein "Content" angeboten, der nicht abgeschlossen sei, sondern ein "Tool" und einen Prozess anbiete, in dem jeder kreativ und selbst zum Künstler werden könne. 

Musiker experimentieren

Erst vor zwei Tagen habe der britische Musiker Brian Eno seine dritte App "Reflections" herausgebracht, nannte Riedel ein Beispiel für den Umgang von Künstlern mit dieser Möglichkeit. Auch von der Musikerin Björk gebe es die App "Biophilia".

Gleichzeitig DJ und Komponist

2015 habe das ZKM die EDMT-App mit dem Internationalen  App Art Award ausgezeichnet, die es den Usern ermögliche, mit dem Smartphone oder Tablet zu "spielen", um bewusstseinserweiternde Grafiken und EDM-inspirierte Klänge zu erzeugen. Dabei handele es sich um ein Künstlerkollektiv von US-amerikanischen Künstlern und Programmierern. "Man kann sich damit als Performer bewegen, man kann damit ganz tolle 3D-Grafiken erstellen, man ist aber auch gleichzeitig DJ und Komponist." Die verschiedenen Gattungen und Medien würden zusammengeführt.

Seit 2011 zeichnet das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Smartphonekunst mit dem internationalen AppArtAward aus.  


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Nicht nur die Art, Nachrichten zu empfangen, den Weg zu finden oder sich Termine zu merken, hat das Smartphone verändert, sondern durchaus auch die Art, Kunst zu machen und sie zu verbreiten. Schon seit 2011 verleiht das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien deshalb den AppArtAward, einen Preis für Smartphone-Kunst, wie ich das jetzt einfach mal übersetze, und über die sprechen wir deshalb jetzt mit Christiane Riedel, der Geschäftsführerin des ZKM in Karlsruhe. Schönen guten Morgen, Frau Riedel!

Christiane Riedel: Guten Morgen!

Kassel: Bevor wir zu unserem eigentlichen Thema kommen, meine Frage, von der ich beschlossen habe, ich stelle sie jedem in dieser Reihe als Allererstes, und diese Frage lautet: Was bedeutet Ihnen eigentlich Ihr eigenes Smartphone, wie wichtig ist das für Sie?

Riedel: Das gehört zu mir, es gehört zu meinem Alltag, es ist so wie ein zusätzliches Organ.

Kassel: Das heißt, Sie bestätigen so eine These, die man aus den USA in letzter Zeit hört, "extension of our brain", also eine Verlängerung Ihres Gehirns?

Riedel: Ja, ganz sicher auch eine Verlängerung von Wahrnehmungsmöglichkeiten und auch von Ausdrucksmöglichkeiten.

Kassel: Sie haben selbst schon einmal sinngemäß gesagt, wenn wir jetzt auf die Kunst zu sprechen kommen, dass auch durch das Internet, gerade halt durch das Smartphone, die Grenzen zwischen kreativen Produzenten und kreativen Usern sich immer mehr aufzulösen scheinen. Heißt das, dass man im Grunde genommen gar nicht mehr sagen kann, wenn wir jetzt über App-Art, über Smartphone-Kunst reden, der eine ist der mache und der andere ist der Konsument?

Riedel: Na ja, es gibt jemanden, der den Impuls gibt, das ist dann der Produzent, der mit einer App für ein Smartphone ein Tool zur Verfügung stellt, oft sind es aber auch Gruppen, mit denen andere Individuen dann auch Kunst machen können. Also es ist ein fast symbiotischer Prozess von Interaktion, Interaktivität, Partizipation.   Content, der angeboten wird, aber der nicht abgeschlossen ist, wie man das von traditionellen Kunstwerken kennt, sondern der ein Tool und ein Prozess zur Verfügung stellt, in dem dann potenziell jeder auch kreativ werden kann und selber Künstler werden kann.

Kunstproduktion global ermöglichen

Kassel: Was ist denn zum Beispiel konkret wirklich gelungene App-Art? Ich meine, Sie müssen es wissen, Sie haben den Preis ja schon mehrfach verliehen.

Riedel: Na ja, um jetzt sehr bekannte Beispiele zu nennen, es ist ja gerade vor zwei Tagen eine neue App von Brian Eno auch in die Smartphone-Welt eingetreten – das ist jetzt, glaube ich, die dritte oder vierte App, die er produziert hat, er war ja gleich von Anfang an mit dabei, von 2008 –, oder auch diese berühmte Anwendung/App von Björk, "Biophilia", das sind ja so die Superzeichen, die man kennt.

Aber um andere Beispiele zu nennen, EDMT, eine App, die den künstlerischen Innovationspreis von AppArtAward 2015 bekommen hat – das ist ein Künstlerkollektiv von US-amerikanischen Künstlern, Programmierern und deutschen Künstlern, die 3-D-, interaktive Anwendungen/Apps herstellen, mit denen man selber alles Mögliche machen kann. Man kann sich damit als Performer bewegen, man kann damit ganz tolle 3-D-Grafiken erstellen, man ist aber auch gleichzeitig DJ und Komponist, also auch die verschiedenen Gattungen und Medien werden zusammengeführt mit diesen neuen Tools, die eine umfassende synästhetische Kunstproduktion global ermöglichen.

Kassel: Björk und Brian Eno sind natürlich Künstler, die vor dem Smartphone-Zeitalter schon über traditionelle Medien ihre Kunst , überwiegend Musik, verbreitet haben. Ist das typisch, dass Leute, die auch früher anders gearbeitet haben, jetzt eben auch Art-Apps machen, oder sind das eher auch ganz andere Künstler?

Riedel: Es sind andere Künstler, aber es sind auch Künstler, die diesen innovativen Sprung machen wollen und die auch das Potenzial darin sehen. David Hockney zum Beispiel, "traditioneller Maler" in Anführungszeichen, arbeitet ja schon sehr lange eben auch mit Grafik-Apps, sehr erfolgreich, ist auch sehr bekannt damit geworden. Andere Künstler kommen aber auch mit dem Anspruch, nicht nur anzuwenden eine Grafik-App, sondern eben diese Tools auch selber zu kreieren.

Auf neuen Wegen zum User

Kassel: Haben Sie das Gefühl, man erreicht damit auch andere Menschen, also Menschen, die man vielleicht mit Bildern in einer Ausstellung oder Musik auf der Bühne nicht erreicht?

Riedel: Ja, ganz sicher. Es ist ja nicht nur eine neue Form von Produktion, die jederzeit möglich ist und auch an jedem Ort und von jedermann oder jederfrau, sondern es ist auch eine neue Form von Distribution an den potenziellen User oder Koproduzenten, einen Producer, nämlich ohne dass irgendjemand in ein Museum oder eine Konzerthalle gehen muss oder einen Verlag bemühen muss, sondern es kann tatsächlich diese Interaktion in die direkte Kommunikation zwischen dem Produzenten und dem Rezipienten, dann User, eingegangen werden. Das ist schon was grundlegend anderes. Und diese Omnipräsenz und ubiquitäre Erreichbarkeit.

Kassel: Natürlich gibt das Künstlern – unbekannten genauso wie bekannten – neue Möglichkeiten, das ist klar, aber auf der anderen Seite schränkt es sie nicht auch ein, weil ich habe jetzt schon bei dem, was Sie erklärt haben, das Gefühl, na ja, es muss immer auch irgendwie interaktiv sein, man kann nicht einfach ein Bild malen und das in einer App zeigen, das sieht auf einem Handy auch nicht so dolle aus. Also es gibt doch auch Einschränkungen der Möglichkeiten?

Riedel: Nein, es muss nicht immer interaktiv sein. Die allerneuste App von Brian Eno zeigt es ja auch, das ist eine endlose generative music, die jetzt nicht auf Interaktion angelegt ist, aber die mit sich selber interagiert sozusagen, die aber endlos eben vom Rezipienten wahrgenommen werden kann. Von daher: Eine Einschränkung, nein, gibt's auf keinen Fall.

Organ für die Infosphäre

Kassel: Wir haben so viel jetzt doch über eher bekannte Künstler gesprochen, aber ist App-Art auch eine Chance für unbekannte Künstler, ein Publikum zu erreichen, sich vielleicht auch gewissermaßen zu etablieren, ohne eben auf Galeristen, auf große Firmen angewiesen zu sein?

Riedel: Ja, das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den Sie da ansprechen, weil genau durch diese direkte Verbindung vom Künstler zum Publikum, vom Produzenten zum Rezipienten ist es eben möglich, dass ohne diese, ja, man kann auch sagen Zensurinstitution natürlich Künstler sich präsentieren können, die ansonsten aufgrund ihrer Unbekanntheit oder auch ihrer Avantgardehaltung gar nicht so in dem Kunstbetrieb auftreten könnten. Und das ist ein ganz großes Feld und ein Riesenpotenzial.

Aber Sie hatten vorhin gefragt, was dieses Smartphone für den Alltag bedeutet. Mal abgesehen von der Kunst haben wir ja jetzt alle zehn Jahre nach Einführung des iPhones auch die Erfahrung gemacht, wie sich die Flüchtlinge, von denen wir ja jetzt seit letztem Jahr noch mal ganz anders auch betroffen sind, wie die sich mit ihren Smartphones eben auch durch die Welt navigieren, geografisch, organisatorisch und sozial, und ich glaube, das zeigt auch das ganze Potenzial.

Es ist tatsächlich ein Organ, auch ein überlebenswichtiges Organ geworden, das kann man gar nicht gering oder hoch genug schätzen, bedeutend genug schätzen. Und letztendlich: Wir haben die Atmosphäre, um zu überleben als biologisches Wesen, aber es hat sich inzwischen auch eine Infosphäre gebildet, für das wir das Organ des Smartphones ausgebildet haben, um bei sieben Milliarden Menschen Weltbevölkerung uns zu organisieren in einer extrem komplexen Welt. Und dass da die Kunst von Anfang an auch mitgestaltet, das ist, für die Kunst zumindest, sehr natürlich.

Kassel: Besser könnte man doch dieses Gespräch im Rahmen unserer Reihe gar nicht abschließen. Ich danke Ihnen sehr, Frau Riedel!

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