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Im Gespräch | Beitrag vom 07.05.2020

Kulturvermittlerin Maria Gazzetti"Berlusconi hat die Bildung zerstört"

Moderation: Britta Bürger

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Die Direktorin der Casa di Goethe, Maria Gazzetti, vor einer Kopie des Gemäldes "Goethe in der Campagna" von Johann Heinrich Tischbein; das Original des Gemäldes hängt im Frankfurter Städel. (imago/epd)
Die Direktorin der "Casa di Goethe", Maria Gazzetti, hofft darauf, das Museum noch im Mai wieder aufzumachen. (imago/epd)

Italien – das Sehnsuchtsziel der Deutschen ist von der Corona-Pandemie besonders hart betroffen. Wie erlebt Maria Gazzetti die derzeitige Lage? Die Leiterin der "Casa di Goethe" in Rom ist Kulturvermittlerin zwischen Deutschen und Italienern.

"Ich habe mich gefreut ins Büro gehen zu dürfen und die Mitarbeiter zu treffen", erzählt Maria Gazzetti.  Was normalerweise nach einer Selbstverständlichkeit klingt, das ist in diesen Wochen etwas Besonderes. Die ersten Lockerungen im vom Coronavirus gebeutelten Italien hat daher auch die Leiterin des Museums "Casa di Goethe" in Rom sehr genossen. Mitte Mai, so ihre Hoffnung, könnte das Haus in der Via del Corso seinen Türen wieder für Besucher öffnen. "Wir arbeiten daran, wenn es am 18. Mai geht, sofort aufzumachen."

"Roms Zentrum ist monokulturell"

Wie sehr sich das römische Zentrum in den letzten Jahren verändert hat, das werde in der Coronakrise ganz besonders sichtbar, so Gazzetti. In normalen Zeiten falle das nicht auf, denn rund um das zwischen "Piazza del Popolo" und "Kolosseum" gelegene Museum bewegen sich täglich tausende Touristen.

Seit dem Lockdown habe man sehen können, dass das Zentrum monokulturell geworden sei. "Es gibt große Ladenketten und Airbnbs." Die Vermittlungsagentur habe ganze Wohnungen und ganze Gebäude aufgekauft. "Das steht jetzt alles leer, ohne Touristen ist das Zentrum wie ausgestorben", sagt Gazzetti. "Das ist für das Museum ein Thema, das uns schon lange beschäftigt."

Schwere Folgen für den Kulturbetrieb 

Schon länger sorgt sich die Literaturwissenschaftlerin um ihr Heimatland. Auch nach der Pandemie würden die Probleme bleiben, "weil der Virus ein sehr schwaches Italien getroffen hat." Noch immer hätten viele Leute, die von der Corona-Krise betroffen seien, noch keine finanzielle Unterstützung erhalten.

Eine Büste im Casa di Goethe in Rom.   Das Casa di Goethe ist ein Museum und Kulturzentrum in Rom, das Goethe und seiner Italienischen Reise gewidmet ist. (picture-alliance/Casa di Goethe/Giovanni De Angelis)Eine Büste in der "Casa di Goethe" in Rom. Das Museum widmet sich den deutsch-italienischen Kulturbeziehungen. (picture-alliance/Casa di Goethe/Giovanni De Angelis)

Besonders der Kulturbetrieb werde lange mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben. "Es gibt hier keine gute Absicherung für Theatermenschen, für Schriftsteller. Es gibt nicht so ein Subventionssystem wie in Deutschland. In Deutschland gibt es Übersetzerpreise, tausende von Preisen, das gibt es hier alles nicht."

"Was ist mit den Italienern passiert?"

In den letzten Jahren habe sich ihr Land sehr verändert, findet die 1955 in Mittelitalien geborene Museumsleiterin. Nach mehr als  drei Jahrzehnten in Deutschland, stellt sich Gazzetti bis heute die Frage: "Was ist mit den Italienern passiert? Ich habe das Gefühl, die Menschen sind sehr unzufrieden, sind sehr dazu bereit, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Es wirkt banal es noch einmal zu wiederholen, aber zwanzig Jahre Berlusconi, Konsum, Werbung, Oberflächlichkeit, Zerstörung der Bildung, der Schulen, das ist das Ergebnis."  

Seit sieben Jahren leitet Gazzetti mittlerweile die "Casa di Goethe". Es ist das einzige von Deutschland finanzierte Museum im Ausland. Im Fokus steht natürlich Goethes Italienreise. Das Kulturzentrum widmet sich aber auch der Literatur und Kunst der deutschen Klassik.

Italien war zu eng

Nach Deutschland kam die Kulturvermittlerin durch das Studium. Gleichzeitig war es eine Flucht aus dem Elternhaus. "Ich wurde sehr streng erzogen. Meine Eltern hatten Angst vor der Luft, die ich atme. Also, sehr geliebt wurde ich, aber auch etwas eingesperrt. Deshalb habe ich Erfahrungen mit der Quarantäne. Ich hatte immer das Gefühl die Welt ist größer, ich wollte ausbrechen."

Gazzetti landete schließlich in Hamburg und wohnte bei einer Gastfamilie. Der Hausherr war Professor für Kunstgeschichte und besaß 20.000 Bücher. In der Hansestadt studierte sie Romanistik, Geschichte und Germanistik, ihre Promotion über den italienischen Schriftsteller und Dichter Gabriele D'Annunzio folgte 1984.

Sie entdeckte Jan Wagner

Knapp zehn Jahre später wurde sie Leiterin des Frankfurter Literaturhauses. Ein solches Haus zu leiten, ohne Muttersprachlerin zu sein, das war für Gazzetti zunächst eine besondere Herausforderung. Aber die Leute seien "neugierig und nachsichtig" mit ihr gewesen. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie damals den Lyriker Jan Wagner entdeckte und ins Literaturhaus einlud. Es sei vermutlich eine seiner ersten Lesungen gewesen,  vor kaum mehr als 20 Zuhörern. Seither wurde er mehrfach ausgezeichnet. 2015 erhielt Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse.

Damals lebte Gazzetti schon wieder seit zwei Jahren in Italien. Eine Rückkehr sei es für sie aber nicht gewesen. "Man kommt nicht zurück. Das habe ich auch immer bei Ingeborg Bachmann gelesen." 

Bei aller Kritik an Italien hat die Kulturvermittlerin die Hoffnung, dass die Menschen durch die Coronakrise zeigen, dass sie besser seien als ihre Regierung. "Vielleicht entdecken sie wieder, dass wir eine Gesellschaft sind. Dieses Land ist imprägniert von Phantasie und Kunst."

(ful)

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