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Im Gespräch | Beitrag vom 05.02.2020

Kulturvermittler Klaus-Dieter LehmannMit Leidenschaft und Handwerkszeug

Moderation: Tim Wiese

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Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe Instituts im Nationalen Kunstzentrum in Tokyo, Japan. (Markus Kirchgessner / laif)
Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe Instituts. (Markus Kirchgessner / laif)

Über das Bibliothekswesen kam Klaus-Dieter Lehmann zur Kultur. Als Präsident des Goethe-Instituts setzt er sich für Kulturaustausch, Dialogfähigkeit und Dezentralisierung ein. Seine Karriere fing aber ganz anders an – als Physiker und Mathematiker.

Dass er mit fast 80 Jahren noch mitten im Berufsleben stehen würde, hätte Klaus-Dieter Lehmann als junger Mensch nicht gedacht. "Die 80-Jährigen kamen mir immer sehr weit entfernt vor. Wenn man mit 80 Jahren noch was leisten kann, ist es wunderschön." Als Frühaufsteher sitzt er auch jetzt noch jeden Morgen um acht Uhr am Schreibtisch in seinem Büro - wenn er nicht gerade auf Reisen ist.

Dialog, Kulturaustausch und dezentrale Organisation

Seit 2008 ist Klaus-Dieter Lehmann Präsident des Goethe-Instituts und in der ganzen Welt unterwegs. "Das Reisen ist immer anlassbezogen: Entweder wird ein großes Projekt gemacht, oder ein Institut hat ein Jubiläum, oder es gibt solche Schwierigkeiten, die man vor Ort nicht alleine lösen kann. Dann kommt der Präsident mit seinen Ratschlägen. Als grobe Formel: Wenn ich ein Drittel meiner Zeit in München bin, ein Drittel in Berlin, wo viele unserer Gesprächspartner sind, ein Drittel in der Welt, dann ist das ungefähr die Relation zueinander." Am häufigsten reist er in Länder, in denen die Arbeit aufgrund der politischen Lage schwieriger ist, zum Beispiel in Afrika oder in Südostasien. Gerade in Notsituationen sieht er die Aufgabe des Goethe-Instituts als die eines Hoffnungsträgers.

Menschliche Begegnungen, Dialoge, direkter kultureller Austausch, darauf richtet sich der Fokus seiner Arbeit beim Goethe-Institut - neben der Vermittlung der deutschen Sprache und eines "kritischen, aktuellen und differenzierten" Bildes von Deutschland. Dabei wird speziell auf die einzelnen Situationen in den Regionen eingegangen: "Wir waren früher zentralistisch organisiert: 160 Institute waren sternförmig an die Zentrale gebunden. Das haben wir radikal geändert. Jetzt haben wir eine dezentrale Verantwortung mit zwölf Weltregionen."

Pionier der Digitalisierung

Bevor er die Struktur des Goethe-Instituts erneuert hat, hatte Klaus-Dieter Lehmann bereits das deutsche Bibliothekswesen revolutioniert – durch die von ihm initiierte Digitalisierung. Mit 33 Jahren war er schon Bibliotheksdirektor und ein Pionier auf seinem Gebiet, der nach immer effizienteren Wegen suchte, Literatur und Kultur so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen. "Ich war immer ein Anhänger von möglichst freiem Zugang zu Information. Das ist mein Credo."

Bei der Online-Modernisierung kam Lehmann seine Erfahrung als Diplom-Physiker und Mathematiker sowie als Wirtschaftsinformatiker zugute: "Plötzlich änderte sich die Welt um mich herum. Das heißt: Nun waren Computer und Netze auch ein Medium für Literatur. Bücher wurden über Computer produziert, wurden über Netze vertrieben. Das war für mich der Anlass zu sagen: Meine persönliche Passion, meine Leidenschaft für die Bücher, für die Literatur, und mein Handwerkszeug, was ich gelernt habe, passen ja ideal zusammen für eine künftige Entwicklung, die Literatur so zu vermitteln, wie ich mir das vorstelle."

Weltkulturen zugänglich machen

Von seinem Posten als Generaldirektor der Deutschen Bibliothek (2006 in Deutsche Nationalbibliothek umbenannt) wurde Lehmann 1998 zum Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin berufen. In dieser Funktion war er auch einer der Initiatoren des Humboldt-Forums, das in diesem Jahr im Berliner Stadtschloss eröffnet werden soll. Seine Idee: Die außereuropäische Geschichte mit in die zentrale Museenlandschaft der Berliner Mitte zu integrieren. "Die Museumsinsel ist im Grunde die Geschichte Europas anhand der Kulturen. Und da ist eine Fehlstelle. Letztlich ist das Humboldtforum eine Erweiterung der Museumsinsel um die Weltkulturen." Kultur sollte keine Einbahnstraße sein.

Dass jetzt überall in Europa nationalistische Bewegungen wachsen, hat auch Einfluss auf seine Arbeit: "Wir können ja als Goethe-Institut nicht glaubwürdig arbeiten, wenn wir im eigenen Land nicht auf die Dinge eingehen, die uns jetzt wirklich Probleme bereiten. Das ist der Rechtsextremismus, das ist Populismus, das ist auch die neue Form des Antisemitismus. Wir sind in allen Goethe-Instituten mit solchen Themen befasst." So wird es im Mai in Prag beispielsweise eine große Konferenz zum Thema Populismus geben.

Goethe-Institute als Freiräume

Aber auch andere innerdeutsche Ereignisse werden häufig von Goethe-Instituten im Ausland aufgegriffen. Im Johannesburger Institut wurde zum Beispiel anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des deutschen Mauerfalls die Schutzmauer rund um das eigene Gebäude niedergerissen: "Wir haben eine Hecke rund um das Institut gemacht, die auch schützt, um nicht mehr diese abweisende, ablehnende, wirklich haushohe Mauer zu haben."

Als Schutzbereich, als Freiraum, in dem Kultur ungestört und unzensiert ihren Platz hat, versteht sich das Goethe-Institut von Anfang an und fördert auch gezielt die Menschen, die diese Räume besonders brauchen: "Wir mieten auch zum Teil in Ländern wie der Türkei zusätzlich zu den Instituten Ladenlokale an, nennen diese 'Orte der Kulturen' und gehen mit den Einrichtungen vor Ort in gemeinsame Kulturprogramme, die damit den Leuten auch das Gefühl geben: Ihr seid wirklich nicht abgehängt, ihr seid Teil einer Welt, die mit euch kommuniziert und gemeinsame Dinge macht."

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