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Fazit | Beitrag vom 20.04.2019

Kultursponsoring in ItalienVerdacht auf Geldwäsche

Von Thomas Migge

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Die Außenfassade des Opernhauses "Teatro alla Scala in Mailand" (picture alliance/dpa/imageBROKER - Wilfried Wirth)
Der Fall der Mailänder "Scala" und der schließlich abgelehnten Finanzmittel aus Saudi-Arabien ist für den Musikjournalisten Oreste Bossini nur die Eisbergspitze eines enormen Problems. (picture alliance/dpa/imageBROKER - Wilfried Wirth)

Als der Intendant der Mailänder „Scala“ im großen Stil Gelder aus Saudi-Arabien annehmen wollte, provozierte er einen Skandal. Nun ist die Debatte um ethisch einwandfreie Kulturförderung voll entbrannt - und findet nicht nur Freunde im Kulturbereich.

"Es ist in Italien ein wirklich großes Problem, dass die öffentliche Unterstützung für Kulturorganisationen ziemlich schlecht ist. Und es wird immer schlimmer, denn der Staat gibt immer weniger Geld aus." Oreste Bossini ist einer der bekanntesten Musikjournalisten des Radios der öffentlich-rechtlichen RAI. Der Fall der Scala und der schließlich abgelehnten Finanzmittel aus Saudi-Arabien ist für ihn nur die Eisbergspitze eines enormen Problems:

Ohne mehr finanzielle Unterstützung durch Private werden nicht nur Musiktheater bald schon enorme Probleme haben, denn der Staat zieht sich immer mehr aus seiner kulturpolitischen Verantwortung heraus. Unter den vergangenen Regierungen wurden viele staatliche Kultureinrichtungen, Museen und Musiktheater in halbstaatliche Stiftungen umgewandelt, die sich zu einem guten Teil selbst finanzieren müssen.

Das US-Modell ist auf Italien nicht übertragbar

Doch was in den USA seit Langem funktioniert - die großzügige Hilfe durch private Geldgeber - klappt nicht in Italien, klagt der Kunsthistoriker Walter Vercelli: "Das hat vor allem bei lokalen und regionalen Kultureinrichtungen zu riesigen Finanzproblemen geführt. Das Risiko besteht, dass bald schon eine Vielzahl dieser Kultureinrichtungen schließen müssen."

Die Uffizien in Florenz und der Dogenpalast in Venedig und das Maxxi in Rom: Sie haben keine großen Probleme, fehlende staatliche Finanzmittel durch privates Sponsoring auszugleichen. Indem sie Kulturgüter mit so bedeutenden Namen sponsern, können Unternehmen sich ein positives Image verschaffen und Privatleute glänzen - wie etwa die ehemaligen Modeunternehmer Fendi in Rom, die im großen Stil zeitgenössische Kunstinstitutionen fördern.

Erst seit kurzem werden Fragen gestellt

Doch das Gros der Kultureinrichtungen Italiens, weniger prominent und somit für Sponsoren weniger interessant, geht weitgehend leer aus. In Italien stellte sich bis vor Kurzem niemand die Frage, woher private Finanzmittel für staatliche Theater und Museen kommen. Erst seit kurzer Zeit werden Fragen gestellt. Im Zentrum der Kritik steht zunehmend der italienische Energieriese ENI, einer der Hauptsponsoren für Kulturaktivitäten in ganz Italien.

Luca Saltamacchia, Anwalt einiger nigerianischer Bürgermeister, die gegen die ENI klagen: "Eine Erdölförderanlage eines ENI-Unternehmens ist dafür verantwortlich, dass ein großes Gebiet, in dem viele Menschen leben, komplett verschmutzt ist mit Erdöl. Das betrifft das gesamte Delta des Flusses Niger." Eine Umweltkatastrophe, die, so Saltamacchia und andere Ermittler, Umweltorganisationen und Politiker in Italien, von der ENI anscheinend lange unter den Teppich gekehrt wurde.

Ist es ethisch vertretbar, Geld von der ENI anzunehmen?

Mit dem Bekanntwerden von immer mehr Hintergründen zu kriminellen Machenschaften des Energiegiganten fragen sich immer mehr Kulturverantwortliche, ob es ethisch vertretbar sei, Geld von der ENI zu nehmen. Zu Entscheidungen im Fall der ENI und des Kultursponsorings ist es noch nicht gekommen – wahrscheinlich, weil das Geld, auch wenn es im Verdacht steht, schmutzig zu sein, zu dringend gebraucht wird.

Ein ganz neues Phänomen im Bereich der privaten Kulturfinanzierung betrifft die organisierte Kriminalität. Enzo Cicconte unterrichtet Mafiageschichte an der Universität Rom: "Ganze Regionen Norditaliens wurden vor allem von der Mafia Kalabriens, der 'Ndrangheta kolonisiert. Diese Mafia ist auch in Mittelitalien und im Ausland so präsent wie keine andere."

Die Rolle der 'Ndrangheta 

Der 'Ndrangheta geht es nicht nur darum, Geld zu machen. Sie wäscht auch im großen Stil schmutzige Gelder, um sie auf diese Weise offiziell in den Finanzkreislauf einzuführen - in Form der Finanzierung von Hotels, Restaurants, Sportstätten, aber auch, so vermuten Cicconte und ermittelnde Anti-Mafia-Staatsanwälte, mit der Unterstützung kultureller Aktivitäten.

Etwa durch die Finanzierung von Kulturveranstaltungen, Theatern, Museen und Festivals durch Strohmänner, die niemand mit den Bossen in Verbindung bringen würde. Auch beim Wiederaufbau der von den Erdbeben der vergangenen Jahre schwer betroffenen Städte Mittelitaliens wird wegen Mafiainfiltration ermittelt.

Dumping-Preise von mafiösen Subunternehmen 

Mafiöse Subunternehmen, so die Ermittler, bieten ihre Arbeiten für extrem niedrige Preise an, weil sie zunehmend im Restaurierungsbusiness für Altstädte und historische Monumente präsent sein wollen - nicht nur in l’Aquila und den Abruzzen, sondern auch in Umbrien, wo der oberste Staatsanwalt Luigi De Fucchy seit einiger Zeit immer öfter in Fällen mafiöser Infiltration in Sachen Kultur und Kulturerhalt und Wiederaufbau ermittelt:

"Im Zuge der Wiederaufbauarbeiten nach den Erdbeben der 1990er-Jahre in Umbrien, bei denen zahllose historische Gebäude beschädigt wurden, ist es massiv zu mafiöser Infiltration gekommen. Vor allem durch den Clan der Casalesi." Ermittler wie De Fucchy wissen, dass es extrem schwierig ist, bei Sponsoren und anderen Geldgebern im Kulturbereich herauszufinden, woher deren Finanzmittel genau kommen.

In den meisten Fällen wollen die Empfänger dieser Finanzmittel - Bürgermeister, Direktoren von Museen, Grabungsstätten, Theatern etc. - auch gar nicht so genau wissen, aus welchen Quellen das hochwillkommene Geld stammt.

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