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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.12.2018

Kulturpolitik in BayernTurbulenzen um die Kammerspiele

Von Tobias Krone

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Lilienthal im grauen Kapuzenppulli und mit der Brille auf dem Kopf schaut in einem Raum die Kamera. (Imago / Astrid Schmidhuber)
Matthias Lilienthal hört 2020 als Intendant bei den Münchner Kammerspielen auf. Die CSU-Stadtratsfraktion ließ ihn wissen, dass sie einer Vertragsverlängerung nicht zustimmen werde. (Imago / Astrid Schmidhuber)

Die CSU hat wenig unversucht gelassen der in den bayerischen Landtag eingezogenen AfD rechts das Wasser abzugraben. Dazu gehörte auch kulturpolitisch Druck auf die liberale Theaterlandschaft Münchens auszuüben. Ein Rückblick auf ein turbulentes Jahr.

Ob im Interview oder bei der Premierenfeier: Matthias Lilienthal lebt in seinen Kapuzenpullis. In das glitzernde München hat er nie so richtig reingepasst - und das bekam er zu spüren. "Also ein Gegenwind war hier eine ganze Zeit über spürbar. Und dass Matthias Lilienthal und die Stadt München ein Experiment ist, das war von Anfang an klar.", sagt Lilienthal.

"Da hat sich etwas aufgeschaukelt"

Aber dieser Paukenschlag kam dann doch relativ unerwartet: Matthias Lilienthal, Westberliner Kind und Castorfschüler, verkündete im Mai, seinen Vertrag 2020 nicht verlängern zu wollen. Davor hatte die mitregierende CSU im Stadtrat dem Kulturreferenten ihre Haltung mitgeteilt. Richard Quaas, CSU-Mitglied des Kulturausschusses: "Wenn die Vertragsverlängerung ansteht, dann wären wir der Auffassung, dass wir Herrn Lilienthal nicht mehr unterstützen würden."

"Da hat sich über sagen wir mal zwei zweieinhalb Jahre etwas aufgeschaukelt, was so eine seltsame Eigendynamik bekommen. Und einzelne Figuren der CSU-Fraktion haben glaube ich das Theater, für das Lilienthal steht, einfach abgrundtief gehasst und hassen es nach wie vor.", sagt Egbert Tholl, Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung. Er hat sich viel mit der Debatte um die Kammerspiele auseinandergesetzt. Sein Programm hat Lilienthal stärker als die Vorgänger auf freie Produktionen und auf Performances ausgerichtet.

Zu sehr, findet CSU-Stadtrat Richard Quaas: "Sich bei uns beschwerendes Klientel, aber durchaus auch ich selber und andere Kolleginnen und Kollegen, die gerne und oft ins Theater gehen, haben etwas den Schwerpunkt in den Kammerspielen vermisst: ein deutsches Sprechtheater im klassischen Sinn."

Deftige Kritik per Facebook

Diesen Vorwurf versteht Matthias Lilienthal nicht: "Ich weiß gar nicht, was das deutsche Sprechtheater ist, da werden irgendwelche Chimären herbeigezaubert, die es weder am Deutschen Theater in Berlin noch am Thaliatheater in Hamburg noch in Freiburg gibt. Die Regisseurin Yael Ronen inszeniert an vielen dieser Theater. Es hat längst eine Durchmischung von Inhalten und Menschen stattgefunden. Und das ist ein Appell an etwas, was so nicht existiert. Außerdem war Herr Quaas so gut wie nicht in diesem Theater."

Auf seiner Facebook-Seite bedachte der CSU-Stadtrat die Kammerspiele mit deftiger Kritik. Mitten im Landtags-Wahlkampf beschwor man "Berliner Verhältnisse" herauf, in einem Moment, da die Berliner Volksbühne mit Chris Dercon gerade darniederlag. Waren die Schüsse der CSU gegen einen linken Theatermacher, der sein Haus für Geflüchtete öffnete, auch ein Versuch, AfD-Wähler zurückzuholen? Richard Quaas verneint:

"Wer - aus meiner Sicht - heute ins Theater geht, ist nicht der klassische AfD-Wähler, die würde ich etwas woanders verorten. Sondern es geht um ein klassisches bürgerliches Publikum, das sich halt auch in einem Theater noch wiederfinden muss."

Auch der SZ-Kritiker Egbert Tholl hält die These von einem Rechtsruck in der Münchner Kultur für übertrieben: "Es ging ja nie um die politischen Themen, die Lilienthal angerissen hat, sondern es ging immer nur um die Ästhetik." Fakt ist: Lilienthal hat innerhalb einer Spielzeit ein Zehntel weniger Publikum ins Haus geholt. Dies betrachtet CSU-Mann Quaas heute als seinen Hauptkritikpunkt.

Sommerlicher Eklat nach Großdemo

Aber es wäre zu einfach, die CSU-Theaterdebatte nur auf Ticketerlöse zu reduzieren. Im Juli kommt es zum Eklat, nachdem die Kammerspiele und das Münchner Volkstheater die Großdemo "Ausgehetzt" organisieren - das Motto: "Gemeinsam gegen die Angst". Auf dem Banner die Köpfe der CSU-Politiker Horst Seehofer, Markus Söder und Alexander Dobrindt.

"Das lag natürlich im Zusammenspiel mit der Landtagswahl, dass wir gesagt haben: Jetzt müssen wir sagen: Stopp, ihr könnt schon eure Landtagswahl vorbereiten. Aber nicht mit dieser Hetze, nicht mit dieser Art von Diskussionsebene, die ihr gerade erreicht habt.", sagt Christian Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters. 

Er, ein gebürtiger Oberammergauer, ist gerade sehr erfolgreich - sowohl künstlerisch als auch mit seinen Zuschauerzahlen. Er und sein Theater haben ihre linksliberale Haltung noch nie hinterm Berg gehalten. Und bislang ohne Konsequenzen. Doch in diesem Sommer will die CSU auch dem Volkstheater das Demonstrieren verbieten. Mit der Demo fühlt sich die Partei selbst angegriffen.

"Mich hat es schon ein bisschen irritiert, dass ich gedacht habe, wie kann man so nervös werden? Mit dem Selbstbewusstsein, das die CSU eigentlich sonst hat, kann man doch nicht so nervös werden. Aber ja klar, man hat’s ja auch ein bisschen gemerkt. So ganz gut abgeschnitten haben sie nicht, vielleicht war die Angst ja berechtigt.", so Stückl.

Debatte ohne politische Folgen

Gegen die CSU bekamen Lilienthal und Stückl schließlich auch Rückhalt von einem weiteren großen Münchner Theatermann, der sich sonst gerne zurückhält. Der Intendant des staatlichen Residenztheaters, Martin Kušej, schrieb in einer Stellungnahme, er fühle sich gerade an den politischen Druck erinnert, dem Theatermacher in Polen und Ungarn ausgesetzt seien.

Offenbar blieb die Debatte ohne politische Folgen für die Münchner Theaterlandschaft. Mittlerweile ist bei den Kammerspielen klar, wer Lilienthal in zwei Jahren nachfolgen wird: Barbara Mundel war Lieblingskandidatin der SPD-Fraktion, und ist wie auch Lilienthal Volksbühnen-sozialisiert. SZ-Kritiker Egbert Tholl: "Man sieht ja auch in der Nachfolgeregelung, dass sich ja das Kulturreferat keineswegs von diesen konservativen Ausreißern hat beeindrucken lassen, sondern einer durchaus ästhetisch progressiveren Linie treu bleibt."

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