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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2015

Kulturhauptstadt MonsKunst statt Kohle

Von Susanne von Schenck

Le Grand-Hornu, ehemaliges Kohlebergwerk bei Mons, jetzt Industriemuseum und Kunstmuseum für Design und moderne Kunst (imago)
Le Grand-Hornu, ehemaliges Kohlebergwerk bei Mons, jetzt Industriemuseum und Kunstmuseum für Design und moderne Kunst (imago)

Seitdem rund um das belgische Mons in den 1970er-Jahren die letzten Kohlegruben geschlossen wurden, grassiert die Arbeitslosigkeit. Nun ist der Ort Europas Kulturhauptstadt 2015. Erstes Highlight ist eine Van-Gogh-Ausstellung. Ohne seine Zeit in Mons wäre der vielleicht kein Künstler geworden.

Wer am Bahnhof von Mons aussteigt, landet mitten auf einer Baustelle. Kräne ragen in den Himmel, Presslufthämmer rattern, Staub wirbelt auf.

Der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava, der im gut 130 km entfernten Lüttich bereits den Bahnhof Liège-Guillemins mit seinem spektakulären Dach entworfen hat, sollte im kommenden Jahr auch in Mons für Glanz sorgen. Sein Entwurf spielt auf den "Doudou" von Mons an, ein mittelalterliches Spektakel, bei dem alljährlich in der Stadt ein Riesendrachen aus Pappmaché gegen den heiligen Georg kämpft.

Calatrava wollte den Bahnhof als großen Körper des Fabeltieres gestalten, von dem zu jeder Seite fünf Beine – die Gleise – abgehen sollten. Von dieser Idee ist nicht mehr viel geblieben ist, findet Dany Gicart, selbst Architekt in Mons. Die Kosten explodierten, die Arbeiten gingen nicht voran. Frühestens 2018 soll jetzt der Bahnhof fertig sein.

"Ursprünglich war eine Verbindung zwischen der historischen Altstadt und dem Gewerbegebiet geplant, ohne dafür den alten Bahnhof aus den 1950er-Jahren zu zerstören. Den gibt es inzwischen aber nicht mehr. Ich denke, man hätte das gut anders lösen können."

Von den vielen Baustellen, die derzeit das Stadtbild prägen, ist die am Bahnhof die größte. Ganz in seiner Nähe, außerhalb des historischen Zentrums, entstehen ein Hotel und das Kongresszentrum, letzteres unter der Leitung von Daniel Libeskind.

Mons will sich neu erfinden. Jedenfalls arbeitet das junge, dynamische und engagierte Team "Mons 2015" intensiv daran. "Technologie trifft Kultur" so das Motto. Viele Einwohner sind dagegen skeptisch. Die aber will Yves Vasseur vor allem erreichen. Der schlaksige Endfünfziger ist Kurator von "Mons 2015".

"Ich habe Mons lange Zeit wie eine schlafende Prinzessin gesehen, wie Dornröschen, das auf den Kuss des Prinzen wartet. Es ist eine schöne Stadt, aber sie versank in Lethargie. Es brauchte einen Schock. Die Leute hier sind eigentlich großartig. Wie überall in der Wallonie aber fühlen sie sich ein bisschen als beautiful looser. Es ist Krise, wir können nichts machen – so denken sie. Wenn Mons 2015 ein Erfolg wird, dann deshalb, weil es die Mentalitäten geändert hat.

Die Fäden für das Kulturhauptstadtjahr laufen in einer umgebauten Kunsthochschule in der Rue de Nimy, zusammen. 260 Millionen Euro hat Yves Vasseur, der zuvor das Theater im benachbarten Maubeuge leitete, für das Programm zur Verfügung.

"Den skeptischen Einwohnern muss man sagen: Ja, das ist viel Geld, das in Krisenzeiten ausgegeben wird, aber es würde sonst woanders ausgegeben und nicht nach Mons fließen, niemals."

Das Stadtzentrum ist schon jetzt belebt, besonders von jungen Menschen, denn Mons hat zwei Universitäten. Gut 91.000 Menschen leben in Mons, neben den Studenten viele Verwaltungsangestellte. In der Nähe liegt das NATO-Hauptquartier SHAPE, Ikea und Google haben sich gerade angesiedelt. Doch immer noch liegt die Arbeitslosigkeit in der ehemaligen Industriestadt bei 20 Prozent.

Derzeit eine Stadt auf den zweiten Blick

In der Haupteinkaufsstraße, der Rue de Chaussée, riecht es nach Waffeln. Aus den Lautsprechern, die in regelmäßigen Abständen vor den Läden stehen, dröhnt Musik – eine Dauerbeschallung, bei der nur die Flucht in kleinere Straßen bleibt.

Allerdings: Ruhig ist es wegen der vielen Renovierungen auch dort selten. Die Rue de la Terrasse ist aufgerissen, in der Rue d'Havré werden Häuser entkernt und das Maison Losseau, ein Jugendstilbau, verbirgt sich noch komplett unter einer Plane. Demnächst beherbergt es das Literaturzentrum von Mons.

Angesichts der vielen Baustellen ist Mons derzeit eine Stadt auf den zweiten Blick: mit mittelalterlichen Sträßchen mit schiefem Kopfsteinpflaster, mit charmanten Plätze wie die Place aux Herbes, um die sich Lädchen und Cafés gruppieren, mit der gotischen Stiftskirche der Heiligen Waltrudis, dem königliche Theater, zahlreichen Museen und vielen Restaurants, in denen man köstlich speisen kann.

Holzkonstruktion "The Passenger" im belgischen Mons (picture alliance / dpa / Foto: Oliver Berg)Holzkonstruktion "The Passenger" des Künstlers Arne Quinz im belgischen Mons, der Europäischen Kulturhauptstadt 2015 (picture alliance / dpa / Foto: Oliver Berg)

Der Name der Stadt geht auf das Lateinische "Mons" – Berg zurück. Wer von der etwas überdimensionierten prachtvollen Grand Place hinauf durch steile Gässchen und Passagen zum Belfried steigt, merkt, dass er passen muss. Der Turm ist das Wahrzeichen der Stadt und zählt zum Unesco Weltkulturerbe. Von dort hat man einen Rundumblick: Kirchtürme sind zu sehen - vor allem aber Kräne.

Gut so, die Stadt erwache endlich aus ihrem dreißigjährigen Tiefschlaf, meint Emanuel Tondreau, ein liebenswürdiger, älterer Herr, der früher in der Kommunalpolitik aktiv war. Seine Familie ist seit mehreren Jahrhunderten in Mons ansässig, und er liebt seine Stadt.

"Die Einwohner hier haben einen Fehler. Sie sind nicht stolz auf ihre Stadt. Das sollten sie aber sein. Die Leute sind verschlossen, kreisen nur um sich selbst und sagen: Wir sind zufrieden und wollen ungestört in unserer kleinen Stadt leben. Die Außenwelt interessiert uns nicht. Aber wenn es qualitätvolle Dinge gibt, sollte man darauf stolz sein."

Vom Belfried schweift der Blick zu einer leicht bergigen Landschaft. Die Hügel sind meist bepflanzte Abraumhalden. Denn die Hauptstadt der Provinz Hainaut liegt im Zentrum des Borinage, des belgischen Ruhrgebiets. Um 1830 wurde hier mehr Steinkohle gefördert als in Deutschland und Frankreich zusammen. Das ist lange vorbei, die letzten Gruben schlossen in den 1970er-Jahren. Seitdem ist die Arbeitslosigkeit hoch und die Stimmung schlecht.

Außerhalb der Stadt - in fast jedem kleinen Ort Spuren der Industriegeschichte: Abraumhalden, stillgelegte Fördertürme und lange Zeilen dunkelbrauner Backsteinhäuser, in denen einst die Kohlenarbeiter lebten. Zum Beispiel im Grand Hornu, einst eine Mustersiedlung mit Lagern, Werkstätten, Arbeiterhäuschen und Unternehmervilla - es war das erste Sozialbauprojekt im Borinage. Sein Gründer, der Franzose Henri Degorgues, richtete hier ab 1810 auch kostenlose Schulen für Kinder ein sowie ein Krankenhaus und organisierte Kulturveranstaltungen.

"1954 wurde das Grand Hornu geschlossen, und damals wurde es dem Verfall preisgegeben, denn die Leute dachten daran gar nicht, eine Arbeitsstätte zu bewahren, die kamen hierher und haben ein bisschen geplündert, das muss man schon sagen",

sagt Nathalie Delsipé, eine Deutsche, die seit zwanzig Jahren im Borinage lebt und durch das Grand Hornu führt.

"Alle Souvenirs verschwanden dann, und die Archive haben wir gerade noch gerettet. Die Gebäude waren damals noch eine Ruine, und dann gab es einen königlichen Beschluss, um das Grand Hornu abzureißen, denn hier sollte man normalerweise den Parkplatz für einen Supermarkt bauen. Ein Architekt aus dem Dorf hat sich dann entschlossen, die historische Stätte zu kaufen. Das war ja damals noch ganz verfallen und er baute es wieder auf und seitdem sind wir nicht nur unter Denkmalschutz, sondern seit zwei Jahren auch Unesco-Welterbe, darauf sind wir besonders stolz."

Heute befinden sich in der imposanten Backsteinanlage ein Designmuseum und das MAC, das Musée d’Art Contemporaine. Das leitet Laurent Busine. Von seinem Büro hat er einen Blick über das ganze, wie eine Arena angelegte Ensemble. Seine grauen Haare stehen in alle Himmelsrichtungen, er raucht unaufhörlich und trinkt Kaffee. Obwohl inzwischen über 60, ist in ihm die Begeisterung für Kunst und ihre Vermittlung nicht erloschen. Immer wieder sucht er den Kontakt zur Bevölkerung der Borinage.

"Unsere Hauptaufgabe ist es, den Leuten etwas beizubringen, etwas zu vermitteln. Als wir das Museum im September 2002 eröffneten, haben wir alle Bewohner der 450 Häuschen eingeladen, die zum Grand Hornu gehören. Und ich bin auch zu ihnen nach Hause gegangen. Da gab es Kaffee und Kuchen, im Schnitt waren zehn Leute da. Ich kam mit einem Gemälde unterm Arm, das stellen wir dann auf die Tafel, und ich sprach ungefähr eine Stunde darüber und die Leute stellten dann Fragen."

Vincent van Gogh kommt zurück nach Mons

Nicht weit vom Grand Hornu liegt das Dörfchen Wasmes. Direkt neben der Kirche wohnt Luigi Davi. Der Mitvierziger ist der Pfarrer der Gemeinde und kam vor vier Jahren mit seiner Frau ins Borinage. Die Gegend gefällt ihm, und er findet die Menschen warmherzig - aber auch pessimistisch und apathisch. Viele leben von Sozial- oder Invalidenhilfe.

"Wir hatten den Ruf, die ärmste Region Belgiens zu sein. Jetzt sind wir von anderen nahe Brüssel abgelöst worden. Aber nach wie vor bleibt das eine sehr arme Gemeinde im Boriange. Meine Pfarrarbeit basiert auf persönlichem Kontakt, denn man lebt dicht zusammen. Hier gibt es viele Sozialbauten mit Unterschichtfamilien. Ihre Hauptprobleme sind Scheidung, Alkohol, Drogen. Wir arbeiten viel mit Kindern. Die meisten wissen nicht, was sie machen sollen und treiben sich auf den Straßen rum."

Luigi Davi hatte in Wasmes einen berühmten Vorgänger: Vincent van Gogh. 1879 kam er als Hilfsprediger in die Region. Er blieb zwei Jahre und lebte zeitweilig im benachbarten Cuesmes, zeitweilig in Wasmes.

Auch van Gogh sei mit der Apathie der Menschen konfrontiert gewesen, glaubt Luigi Davi:

"Wenn er uns inspiriert, dann durch seine Inbrunst. Er hatte wirklich eine tiefe Liebe für diese Menschen. Denn man kann niemandem dienen, wenn man ihn nicht kennt und kann ihn nicht kennen ohne zu lieben. Darin inspiriert er uns: Weil er zu den Menschen gegangen ist. Ohne zu zögern, ohne sich zu schonen, er hat sich wirklich in ihren Dienst gestellt. Darin inspiriert er mich zum Beispiel in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Damit helfen wir auch den benachteiligten Familien."

Nicht weit vom Pfarrhaus liegt das Gebäude, in dem der spätere Maler ein Zimmer gemietet hatte. Nun wird es umgebaut, ein Ausstellungsraum und Künstlerateliers sollen entstehen.

"Van Gogh hat hier sechs Monate gewohnt. Er mietete ein Zimmer bei Jean Baptiste Denis und seiner Familie. Aber dann fand er, dass das Haus zu viel Luxus war für ihn war."

Filip Depuydt lebt im Borinage und beschäftigt sich mit van Goghs Zeit in dieser Region. Er ist ein Enthusiast, der von sich aus Vincent van Goghs Lebenszeugnisse in den umliegenden  Orten aufgespürt hat.

"Er war jeden Tag zusammen mit Bergarbeitern, die in Armut lebten. Er hat entschieden, das Haus zu verlassen und in einer Hütte zu wohnen. Man weiß nicht genau, wo es war. Dort schlief er auf dem Boden, er gab alle Kleidung weg, er aß und trank nur Wasser und Kräuter, ist krank geworden. Aber sein Vater ist hierhergekommen und hat ihm befohlen, zurück in dieses Haus zu kommen."

Die evangelische Kirche entzog ihm schließlich das Mandat. Ihr ging diese Anteilnahme zu weit – was sich im Nachhinein als Glücksfall für die Kunstgeschichte herausstellen sollte. Denn Vincent van Gogh fand neuen Halt in der Kunst.

"Es war für ihn eine sehr wichtige Periode, es war sehr entscheidend für seine Karriere. Hätte man seinen Vertrag verlängert, wäre er vielleicht kein Maler geworden. Und er hat hier viel Inspiration gefunden, um zu zeichnen. Auch noch später hat er einen schönen Brief geschrieben, als er in Arles wohnte. Er schreibt, er liebte diese Region sehr und würde gern zurückkommen, um einige Orte wie die Marcassegrube auch zu malen, aber leider ist er niemals zurückgekommen."

Nun aber kommt er zurück – nach Mons. Das BAM, das Museum der schönen Künste zeigt "Van Gogh im Borinage - die Geburt eines Künstlers". 2015 fallen das Kulturhauptstadtjahr in Mons und das 125. Todesjahr des Künstlers zusammen. Ein Magnet für viele Besucher, glaubt Kurator Yves Vasseur.

"Eine Stadt voller Arbeitsloser, eine düstere Stadt, eine traurige Stadt, auf der noch der Kohlenstaub liegt – das denken viele Leute, wenn sie Mons hören. Wir sagen: Wagt es, diesem Image was entgegenzusetzen und sagt dann, ob es stimmt. Deshalb eröffnen wir das Jahr auch gleich mit einem Event, nämlich mit der großen Ausstellung über Vincent van Gogh. Die Leute kommen erstmal nicht wegen Mons, sondern wegen van Gogh. Und wir denken, dass sie mit einem positiven Bild abreisen – und wiederkommen."

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Stadt Mons.

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