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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.01.2008

Kulturgeschichte einer Insel

Ausstellung "Sizilien - Von Odysseus bis Garibaldi" in Bonn

Von Ulrike Gondorf

Sizilien (AP Archiv)
Sizilien (AP Archiv)

Einen kompakten Einblick in Kunst und Kulturgeschichte Siziliens bietet die Bundeskunsthalle in Bonn. "Von Odysseus bis Garibaldi" spannt die Ausstellung ihren Bogen, von vor- und frühgeschichtlichen Funden bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit der Landung Giuseppe Garibaldis und seiner Freischärler eine lange Fremdherrschaft zu Ende ging. Dokumentiert wird die Geschichte mit mehr als 300 Exponaten.

Der erste Blick fällt weit zurück, sehr weit. An die 15.000 Jahre alt sind die Ritzzeichnungen, die Menschen in Bewegung zeigen, im Lauf, im Sprung, in der Drehung, vielleicht bei einem rituellen Tanz. In einer Höhle in der Nähe von Palermo wurden sie gefunden und in Gips abgegossen. Zusammen mit Schalen, Vasen und Töpfen aus Keramik und kleinen Statuetten aus Ton und Bronze dokumentieren sie, was die Bewohner Siziliens von der Stein- bis zur Bronzezeit hinterlassen haben.

Ins Licht der Historie tritt die Insel dann mit dem Beginn der griechischen Kolonisierung, die achthundert Jahre vor Christus beginnt. Es ist das erste Kapitel einer beinah zweitausendjährigen Geschichte von Eroberungen und Fremdherrschaften, die sich überlagern und durchdringen.

"Die Tatsache, dass man es geschafft hat, immer wieder fremde Formen aufzunehmen, sie zu übersetzen in eine eigene Sprache und dann etwas zu präsentieren, was es so nirgendwo sonst gibt …"

sieht die Projektleiterin Katharina Chrubasik als herausragendes Merkmal der sizilianischen Kultur. Der Schmelztiegel Sizilien, eine Drehscheibe europäischer Geschichte. Es war die günstige Lage der Insel im Mittelmeer, die sie so attraktiv machte als Handelstützpunkt wie als militärischer Vorposten.

"und was dazukam, als die ersten Eroberungswellen kamen, war Reichtum, die Wälder, die natürlichen Ressourcen, die es gab, das Bild, das wir heute haben, ist nicht das, was zum Beispiel die Griechen im achten Jahrhundert hatten, Sizilien war bewaldet. Wenn sie heute durch Sizilien fahren, sehen sie karge, extrem ausgetrocknete Landschaften, das ist die Folge des Raubbaus, der Monokulturen, die das Klima auf Sizilien auch stark verändert haben."

Jahrhunderte lange Ausbeutung und Plünderung der Natur durch Kolonialherren war der Preis, den die Insel zahlte. Auf dem Gebiet der Kultur brachten die vielfältigen Einflüsse eine ungeheure Blüte hervor. Ein Relief, das die Geschichte der Europa zeigt, die der Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers entführte, ist ein Hauptstück der antiken Abteilung der Bonner Ausstellung – und ein Hinweis darauf, wie die Ausstellung die Geschichte interpretiert. Katharina Chrubasik:

"Unser Wunsch ist, dass die Besucher ein Bild mitnehmen, das ein Modell sein könnte für das heutige Europa, das Miteinander vieler Kulturen, das sich gegenseitig Befruchten, das Rezipieren verschiedener Traditionen, nicht das Kopieren, sondern der Versuch, immer etwas Eigenständiges zu machen, die sicilianita, das ist ein Bild, das man mitnimmt, das Besondere, das Einzigartige der sizilianischen Kultur."

Strahlender Höhepunkt der Schau sind die Kunstwerke aus dieser griechisch-hellenistischen Zeit: großartige Porträtbüsten, die keinen Vergleich mit denen in den Metropolen Athen oder Rom scheuen müssen. Einigen, vor allem den Darstellungen alter Menschen, ist ein Zug ins Realistische eigen, der hervorsticht. Zum Beispiel bei dem Torso eines alten Fischers, dessen faltige Haut, hervortretende Adern und Sehnen und erschlaffende Muskeln der Künstler ungeschönt dargestellt hat. Ganz im Gegensatz zur makellosen Vollkommenheit der Venus Kallypigos, der Venus mit dem schönen Hinterteil, die erst vor wenigen Jahren aufgefunden wurde und in der Bonner Ausstellung zum ersten Mal stehend ihre berühmte Rückenansicht präsentiert.

"Es lohnt sich auf jeden Fall um dieses Stück herum zu gehen."

Araber, Normannen, Byzantiner prägen nacheinander das folgende Jahrtausend, einen zweiten Höhepunkt markiert die Herrschaft des Staufers Friedrich II. im 13. Jahrhundert. Man sieht die verblüffend lebendig wirkende antike Bronzeplastik eines Widders, die der mittelalterliche Kaiser über das Portal seiner Burg setzen ließ, hervorragende Steinmetzarbeiten der Zeit, aber auch Bücher und Münzen aus dem staufischen Sizilien, das der modernste Staat Europas war.

"Wir haben in der Zeit byzantinische, arabische, abendländische Einflüsse und sie bilden eine Synthese, das Ergebnis sind einzigartige Kunstwerke, wo arabische Baumeister, byzantinische, europäische zusammengearbeitet haben in Werkstätten und Kunstwerke hinterlassen, die nur auf s so existieren."

Von der Weltkunst wechselt die Ausstellung dann allmählich ins Regionale, ins Kunsthandwerk, das filigrane Goldschmiedearbeiten, kostbar bestickte liturgische Gewänder und virtuose Intarsien in leuchtenden Farben hervorbrachte. Oder die bis heute beliebten Marionetten, die Ritterschauspiele aufführen und an Siziliens Glanzzeiten anknüpfen, denen unter den Habsburgern und spanischen Bourbonen eine gewisse Erstarrung der sozialen Verhältnisse wie der Kunst folgte. Bis zur Ankunft des Freiheitskämpfers Garibaldi und seiner Schar der Tausend 1860. Sein mächtiger, bärtiger, in Marmor gehauener Kopf ist die letzte Station dieser faszinierenden Zeitreise durch Sizilien.

Sizilien – Von Odysseus bis Garibaldi
Bundeskunsthalle Bonn
Vom 25.1. bis 25.5.08

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