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Interview | Beitrag vom 08.05.2019

Kulturgeschichte des EselsVom Esel lernen heißt Nein sagen lernen

Jutta Person im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Esel steht an einem Sandstrand vor blauem Meer: Ein kleines Kind mit Mütze und gelber Jacke hält ihn dabei am Zügel. (imago images / fStop Images)
"Der Bartleby unter den Tieren": So nennt die Autorin Jutta Person den Esel in Anspielung auf Herman Melvilles Erzählung "Bartleby der Schreiber". (imago images / fStop Images)

"Du Esel!" In der Regel ist das nicht als Kompliment gemeint. Dabei sind Esel viel besser als ihr Ruf, meint die Autorin Jutta Person: liebenswerte, zurückhaltende Tiere mit sehr viel Charakter, an denen wir uns mitunter ein Beispiel nehmen sollten.

Der etwas einfältige, kleine Bruder der Pferdes - so wird der Esel oft gesehen.

Damit wird man der Vielschichtigkeit dieses Tieres aber nicht gerecht, dem in der Kulturgeschichte ganz unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben wurden.

In der Antike etwa galten Esel als "potente und sehr erotische Tiere", sagt Jutta Person, Herausgeberin des Buchs "Esel. Ein Porträt": "Es gibt zum Beispiel von Apuleius die Geschichte des goldenen Esels, der eben wirklich ein erotisch hyperaktives Tier ist."

Abgrenzung zum Pferd

Abgelöst wurde dieses Bild durch christliche Vorstellungen vom Esel: Hier werde dieser zu einem "devoten Tier", so Person. Etwa dadurch, dass der biblischen Überlieferung zufolge Jesus auf dem Rücken eines Esels in Jerusalem einzog:

"Es wird aber auch ein pazifistisches Tier in Abgrenzung zum Pferd. Das Pferd war eben immer das waffenstrotzende Kriegstier, und der Esel eben das friedliebende Tier, das auch den Friedensfürsten trägt."

Auch im Märchen spielt der Esel eine Rolle. Zum Beispiel in den "Bremer Stadtmusikanten", wo er gewissermaßen zur Symbolfigur der Migration schlechthin wird:

"Da sagt ja eben der Esel diesen unglaublich modernen Satz: 'Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.' Und dann ziehen alle los, und der Esel ist sozusagen derjenige, der den Schritt in ein neues Leben wagt."

Ein geschätztes Therapietier

Neben seiner traditionellen Rolle als Lasten- und Tragetier hat der Esel in jüngster Zeit einen neuen Job übernommen: So wird er inzwischen auch als Therapietier sehr geschätzt.

Wenn der Esel gleichwohl immer noch einen schlechten Ruf hat, liegt das Person zufolge an dessen nicht nur sprichwörtlichem Starrsinn. Der hat einen evolutionären Grund:

"Die afrikanischen Wildesel, die sozusagen die Urväter aller Esel sind, leben in nordostafrikanischen, steinigen, gerölligen Wüstenregionen und sind eben keine Fluchttiere, sondern bleiben stehen, weil sie sich sonst einfach die Haxen brechen würden", sagt die Autorin.

Ein Porträt von einem Hausesel. (dpa / picture alliance / imageBROKER / Kurt Kracher)Der Hausesel, lateinisch Equus asinus asinus, wird manchmal unterschätzt. (dpa / picture alliance / imageBROKER / Kurt Kracher)

"Dieser evolutionär bedingte Reflex des Stehenbleibens, den haben sich alle weiteren Hausesel erhalten, die dann nach Europa mehr oder weniger importiert wurden, domestiziert wurden. Und dieses Stehenbleiben ist den Eseln dann oft negativ angekreidet worden, obwohl es natürlich einen absoluten Sinn hat."

Und es sei auch etwas, von dem wir uns eine Scheibe abschneiden könnten: Wenn man vom Esel etwas lernen könne, dann das Nein-Sagen, sagt Person.

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Heute ist, man höre und staune, Welttag des Esels. Und wer jemals das große Glück hatte, einen richtigen Esel kennenzulernen, der benutzt das Wort Esel nie wieder als Schimpfwort. Glauben Sie mir, Esel sind unglaublich liebenswürdige Tiere mit hübschen Augen, weichen Nasen und sehr, sehr schönen Eselsohren. Das findet auch die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Jutta Person, die schon vor ein paar Jahren quasi das Standardwerk über die Kulturgeschichte des Esels verfasst hat. Was war denn bei Ihnen der Auslöser, was hat Sie so fasziniert am Esel, dass Sie ihm ein kulturhistorisches Porträt gewidmet haben?

Person: Ich war eigentlich schon immer begeistert von Eseln, weil das eben so ambivalente Tiere sind. Im Grunde gibt es wenige Tiere, die so eine schillernde Kulturgeschichte aufweisen können. Also man hat Esel natürlich immer als dumm und träge abqualifiziert. Und gleichzeitig gab es immer dieses renitente und schlaue und störrische und das zieht sich eigentlich durch die Geschichte von der Antike über das Mittelalter bis in die Renaissance – und das ist eben wirkliche eine Fundgrube für Kulturwissenschaftler.

In der Antike erotisch hyperaktiv

Karkowsky: Hat sich denn die Rolle des Esels in all diesen Jahrhunderten gewandelt?

Person: Unbedingt! In der Antike kann man sagen, dass Esel eben vor allem Dingen als potente und sehr erotische Tiere bekannt waren. Es gibt zum Beispiel von Apuleius die Geschichte des goldenen Esels, der eben wirklich so ein erotisch hyperaktives Tier schon ist, muss man sagen. Und das Christentum hat dann eben diese erotische Begabung des Esels im Grunde überschrieben.

Im Christentum wird der Esel eigentlich zu einem devoten Tier, das eben Jesus trägt auf seinem Rücken, es wird aber auch ein pazifistisches Tier in Abgrenzung zum Pferd. Das Pferd war eben immer das waffenstrotzende Kriegstier, und der Esel eben das friedliebende Tier, das halt auch den Friedensfürsten trägt. Und das zieht sich dann, also diese Doppelbedeutung, die zieht sich dann eigentlich durch die weiteren Jahrhunderte und schlägt sich auch immer wieder in der Literatur und in der Kulturgeschichte und in der Kunst nieder.

Karkowsky: Auch bei den Bremer Stadtmusikanten spielt er keine unbedeutende Rolle.

Person: Das ist richtig. Da sagt ja eben der Esel diesen unglaublich modernen Satz, etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Und dann ziehen alle los, und der Esel ist sozusagen derjenige, der den Schritt in ein neues Leben wagt. Auch in der Literatur und im Märchen sind Esel oft diese Tiere, die, na ja, schwer einzuordnen sind, und dann aber so eine Veränderung herbeiführen.

Ein universelles Lasten- und Tragetier

Karkowsky: Ich bin bei Ihnen, ich mag Esel auch gern. Aber ich frage trotzdem mal: Wozu ist der Esel eigentlich gut, außer dass er Lasten trägt und ein bisschen dumm in der Landschaft rumsteht?

Person: Ja, da könnte man jetzt natürlich ganz renitent und eselhaft sagen, die sind zu gar nichts gut, die haben einfach ihren Spaß. Aber das stimmt natürlich nicht, weil tatsächlich sind Esel ja auch zum Beispiel als Therapietiere heutzutage sehr geschätzt. Und neben diesem neuen Job als Therapietiere sind sie aber natürlich in vielen Regionen der Welt immer noch Lasten- und Tragetiere, ohne die weite Teile der Bevölkerung gar nicht auskommen würden. Unter anderem deshalb gibt es ja diesen World Donkey Day oder diesen Welttag des Esels.

Karkowsky: Gab es nicht auch die Sage, dass Cleopatra in Eselsmilch gebadet hat?

Person: Das ist richtig. Also, es gibt auch da, wo Sie fragen, wozu der Esel gut ist, es gibt in Italien immer noch Eselfarmen, die speziell Eselmilch herstellen – und dann Seife und so weiter. Pflegeprodukte aus Eselsmilch, das gibt es natürlich auch noch.

Karkowsky: Woher hat denn dann der Esel seinen schlechten Ruf? Hat das wirklich mit seinem störrischen Charakter zu tun?

Person: Ja, im Grunde schon. Man muss dazu sagen, dass biologisch oder evolutionsgeschichtlich betrachtet die afrikanischen Wildesel, die sozusagen die Urväter aller Esel sind, die leben eben in nordostafrikanischen, steinigen, gerölligen Wüstenregionen und sind da eben keine Fluchttiere, sondern bleiben stehen, weil sie sich sonst einfach die Haxen brechen würden. Und dieser evolutionär bedingte Reflex des Stehenbleibens, den haben eben auch alle weiteren Hausesel sich erhalten, die dann nach Europa, na ja, mehr oder weniger importiert wurden, domestiziert wurden. Und dieses Stehenbleiben ist den Eseln dann oft negativ angekreidet worden, obwohl es natürlich einen absoluten Sinn hat.

Und dazu kommt noch eine lange Geschichte der Physiognomik, das war eine Pseudowissenschaft, die es auch schon seit der Antike gab, und die hat eben immer sozusagen festgelegt, dass diese eselshaften Züge auf Dummheit schließen lassen – und das hat sich leider so festgesetzt, dass der Esel dann immer der kleinere und doofere Bruder des Pferdes war, was natürlich überhaupt nicht stimmte.

Der Bartleby unter den Tieren

Karkowsky: Und dann kam man mit der Eselsmütze in die Ecke. Können wir Menschen denn was von Eseln lernen?

Person: Ich würde sagen ja, sogar sehr vieles. Ich würde immer behaupten, dass der Esel quasi der Bartleby unter den Tieren ist, also derjenige, der wie in der Erzählung von Melville sagt, ich möchte lieber nicht, und halt stehenbleibt. Im Grunde kann man das Neinsagen vom Esel lernen.

Karkowsky: Welche von all den Eselsgeschichten, die Sie recherchiert haben, ist Ihnen denn die liebste?

Person: Ich habe im Zuge dieser langen Eselsrecherche viele, viele tolle Entdeckungen gemacht. Und die liebste ist mir eigentlich eine Geschichte von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, den kennt man vor allen Dingen als Maler, der Goethe in der Campagna gemalt hat, das war auch ein Freund von Goethe. Und dieser Tischbein, der war aber auch wirklich so ein völlig übergeschnappter Eselfan, der hat selber eine Eselsgeschichte geschrieben, 1812, und auch bebildert. Das ist so eine Art frühe Graphic Novel fast, könnte man sagen, leider völlig unbekannt geblieben.

Eine Art Künstlerroman: Da zieht so ein junger Mann nach Italien, ganz klassisch, Bildungsreise, und dieser junge Mann ist eben auch ein Eselsliebhaber und identifiziert sich auch so mit seinem Esel. Und diese tolle Geschichte habe ich dann versucht, in meinem Eselbüchlein etwas besser bekannt zu machen, weil das wirklich sehr zu Unrecht nicht veröffentlicht ist. Und leider hat Goethe auch Tischbein nicht groß geholfen bei der Suche nach einem Verlag, aber vielleicht klappt es ja einige Jahrhunderte später dann noch.

Dezent freundlich

Karkowsky: Wo haben Sie zuletzt einen Esel getroffen, und hat er Sie erkannt als Botschafterin der Esel?

Person: Ja, das hoffe ich natürlich immer sehr, man kann es letztlich schlecht sagen, ob man erkannt wird. Ich war über Ostern in der Uckermark und habe da gleich mehrere Esel getroffen. Die waren zumindest dezent freundlich interessiert, aber Esel sind ja auch zurückhaltende Tiere. Und ich hoffe einfach, dass wir uns zu erkennen gegeben haben wechselweise.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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