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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.05.2015

Kulturforum Berlin"Eine schreckliche Brache"

Moderation: Dieter Kassel

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Die Gemäldegalerie in Berlin. Sie gehört zum Kulturforum. (picture alliance / dpa)
Die Gemäldegalerie gehört bereits zum Kulturforum Berlin, in einigen Jahren wird das neue Museum dazukommen. (picture alliance / dpa)

Demnächst soll der Ideenwettbewerb für das Museum der Moderne am Kulturforum in Berlin starten. Der Architekt Stephan Braunfels plädiert dafür, die Lage der Potsdamer Straße zu verändern. Denn diese sei das Hauptproblem.

In der Diskussion um den Bau eines Museums der Moderne in Berlin plädiert der Architekt Stephan Braunfels für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb mit großen Freiheiten.

Das Kulturforum Berlin sei derzeit "eine schreckliche Brache", sagt Braunfels. Zwar stünden dort mit der Philharmonie Hans Scharouns und der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe die "besten Gebäude ihrer Art in der Welt", so der Architekt. "Aber es ist eben eine große Wüste dazwischen."

Straße nicht anzutasten, wäre "großer Fehler"

Das größte Problem sei jedoch nicht der große Abstand zwischen den einzelnen Gebäuden der Kulturforums, sondern die sechsspurige Potsdamer Straße, die das Gelände zerschneide, beklagt Braunfels:

"Es gibt keine Mitte. Wenn man durch diese Straße fährt, kommt man niemals an. Man fährt immer vorbei oder hindurch."

Da die Potsdamer Straße eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen sei, könne sie nicht aufgegeben werden, sagt der Architekt. Aber man müsse ihre Lage verändern, da sie zu mittig durch das Gebiet führe und keinen öffentlichen Aufenthaltsraum schaffe. Braunfels befürchtet aber, dass die Straße nicht in den Wettbewerb einbezogen wird.

"Was ich bisher gehört habe, ist eine der Vorgaben, auch für den Ideenwettbewerb, dass die Straße nicht angetastet werden darf. Das hielte ich für einen großen Fehler."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wenn Sie schon einmal in Berlin das Kulturforum besucht haben, dann ging es Ihnen vielleicht so wie mir und vielen anderen Menschen: Man sieht eine ganze Reihe von Gebäuden, die für sich allein sehr beeindruckend sind, von innen wie von außen – die Philharmonie natürlich, die neue Staatsgalerie, die Staatsbibliothek und einige andere –, aber der Ort selbst, der beeindruckt nicht. Zerschnitten von der Tag und Nacht dicht befahrenen Potsdamer Straße ist dieses Forum eher ungemütlich. Man will vielleicht in den Gebäuden verweilen, aber nicht unbedingt davor.

Vielleicht ändert sich das bald, denn an diesem unwirtlichen Ort wird nun ein neues Gebäude entstehen: das Museum der Moderne. Fest steht, es wird relativ bald ein Ideenwettbewerb stattfinden, der ufert dann in einen Projektwettbewerb, und irgendwann wird dieses Gebäude gebaut – genau zwischen die Philharmonie und die Neue Nationalgalerie. Das wird alles noch ein bisschen dauern, aber Gedanken machen kann man sich ja jetzt schon, und das hat Stephan Braunfels längst getan. Der Architekt, dem wir unter anderem die Pinakothek der Moderne in München und zwei Gebäude im Berliner Regierungsviertel zu verdanken haben – das Paul-Löbe-Haus und die Bundestagsbibliothek –, er hat bereits Pläne für das neue Museum und seine Umgebung. Schönen guten Morgen, Herr Braunfels!

Stephan Braunfels: Guten Morgen!

Kassel: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat gesagt, es geht nicht nur darum, ein Haus da hinzubauen, es geht darum, das Kulturforum zu vollenden und ihm eine Seele zu geben. Ist es das, was Sie am liebsten täten?

Braunfels: Ja, ich glaube, das möchte jeder Architekt der Welt am liebsten tun, weil das Kulturforum in Berlin ist zwar jetzt eine schreckliche Brache, aber es ist natürlich einer der bedeutendsten Museumsstandorte und Kultorte geradezu in der Welt – mit der Berliner Philharmonie, der Nationalgalerie von Mies van der Rohe, alles sozusagen beste Gebäude ihrer Art in der Welt. Aber es ist eben eine große Wüste dazwischen.

Eine schöne Grünflächengestaltung allein reicht nicht

Kassel: Aber ein Gebäude zu bauen zwischen diese Architekturikonen – Nationalgalerie und Philharmonie –, haben da nicht selbst Sie großen Respekt, hat nicht ein so großer Architekt wie Sie da regelrecht Angst vor?

Braunfels: Also Angst nicht, aber den allergrößten Respekt. Es ist natürlich das Hauptproblem: Kann man überhaupt ein Gebäude zwischen Mies van der Rohe und Scharoun bauen, also zwischen der Neuen Nationalgalerie und der Philharmonie? Oder den beiden Gebäuden der Philharmonie – da steht ja auch noch der Kammermusiksaal dazwischen, oder kann man das eigentlich eben gar nicht? Das ist das eigentliche Problem an dieser Aufgabe. Auf der anderen Seite kann es nicht so bleiben, wie es ist. Der Abstand ist zu groß zwischen den Gebäuden. Es ist nicht nur eine Frage der Gestaltung. Man hat ja die letzten zehn, fünfzehn Jahre gedacht, dass man eigentlich nur eine schöne Grünflächengestaltung machen müsste, die hat man aber immer wieder mal versucht, und die ist immer wieder gescheitert, also dass man nur eine schöne Grünflächengestaltung machen müsste und dann wäre alles in Ordnung. Ich glaube, das reicht nicht. Das größte Problem hier ist aber nicht unbedingt ein fehlendes Gebäude. Hier müssen sicher noch Gebäude gebaut werden – das größte Gebäude erscheint mir die Straße.

Kassel: Die Potsdamer Straße.

Braunfels: Die Potsdamer Straße, ja. Die Potsdamer Straße führt durch dieses Gelände durch, eine sechsspurige Autobahn sozusagen mitten im Kulturforum, und sie zerschneidet das Kulturforum. Auf der anderen Seite steht die große Staatsbibliothek, und es gibt keine Mitte. Wenn man durch diese Straße fährt, kommt man niemals an. Man fährt immer vorbei oder hindurch.

Kassel: Nun ist aber ja diese Potsdamer Straße für Berlin auch eine wichtige Verkehrsader. Sie führt vom Potsdamer Platz runter nach Schöneberg. Die können Sie ja nicht zum Park umgestalten.

Braunfels: Nein, das ist ja das große Problem, diese Straße kann nicht aufgegeben werden. Es wird immer wieder darüber nachgedacht, ob das vielleicht möglich ist, aber dafür bräuchte man ein ganz anderes Verkehrskonzept beziehungsweise hätte man schon in den letzten Jahrzehnten, vor allem nach dem Fall der Mauer gestalten müssen und voranbringen müssen. Solange die Mauer stand, war das Problem ja nicht so. Da war die Straße sozusagen eine Sackgasse, wenn Sie wollen. Die große Nord-Süd-Achse, die Hitler und Speer geplant hatten, ist ja Gott sei Dank nicht gebaut worden. Sie hätte dort, wo das Kulturforum jetzt ist, einen riesigen Platz gehabt, aber so einen Platz wollen wir nicht wieder haben. Und jetzt haben wir das Problem: Es ist fast die wichtigste Ost-West-Verbindung.

Die Potsdamer Straße führt "zu mittig durch dieses Gebiet"

Kassel: Aber wie wollen Sie dieses Problem lösen, wie wollen Sie diese Verbindung erhalten und trotzdem diesen Verkehrstrubel, der das Kulturforum durchschneidet, beenden?

Braunfels: Zum einen meine ich, dass man die Lage der Straße verändern muss. Die Straße führt zu mittig durch dieses Gebiet, und sie schafft überhaupt gar keinen öffentlichen Aufenthaltsraum. Es gibt keine Plätze, und ich bin der Meinung, man muss Plätze schaffen, auch mit der Straße Plätze schaffen, wo sich nicht nur Autos, sondern auch Menschen bewegen wollen und aufhalten wollen. Und dann muss man natürlich den Autobahncharakter verändern, also dieser riesige mittlere Grünstreifen schneidet natürlich noch mehr auseinander. Der Grünstreifen ist zwar vorgesehen für eine Straßenbahn, die da irgendwann mal gebaut werden soll, aber ich weiß nicht, ob sie je gebaut wird, und wenn, ist auch die Frage, ob ein so breiter Grünstreifen dafür nötig ist.

Kassel: Glauben Sie denn einer Stadt wie Berlin, dass am Ende die Planer, die Leute, die so etwas genehmigen müssen, den Mut haben werden, wirklich dieses Kulturforum inklusive der Verkehrsinfrastruktur so komplett umzugestalten, oder fürchten Sie, dass man am Ende doch nur sagt, da soll ein neues Museum hin und gut ist.

Braunfels: Ja, die Befürchtung habe ich. Da gibt es auch ganz klare Signale. Was ich bisher gehört habe, ist eine der Vorgaben auch für den Ideenwettbewerb, dass die Straße nicht angetastet werden darf. Das hielte ich für einen großen Fehler. Ich habe zwar jetzt gehört, dass aus dem Ideenwettbewerb doch ein städtebaulicher Ideenwettbewerb werden soll, aber das habe ich nur gehört. Das wäre natürlich auch mein Wunsch. Ich bin der Meinung, dass es ganz, ganz wichtig ist, zunächst einen städtebaulichen Ideenwettbewerb zu haben. Und dann ist die Frage, wie viel Freiheit hat man in diesem Wettbewerb. Ich habe das Gefühl, es ist vor allem eine Kostenfrage. Es sind zwar jetzt diese wirklich großartigen 200 Millionen für das Museum bewilligt worden - und das war eigentlich schon ein Wunder, damit hatte man nie gerechnet.

Kassel: Das stimmt, ja.

Gesucht: ein Kulturforum mit Seele und Platz

Braunfels: Und deswegen hat man auch in den letzten Jahren gedacht, wir können noch weitere 50 Jahre immer so weiterplanen. Es wird ja jetzt seit 50 Jahren dort geplant, also seit Mies van der Rohe dort diese Nationalgalerie gebaut hat, die Neue Nationalgalerie, die ich für das schönste Gebäude des 20. Jahrhunderts halte, und Scharoun die Philharmonie gebaut hat, die zumindest im Inneren der beste und vielleicht schönste Konzertsaal der Welt ist – er ist ja Vorbild für, ich weiß nicht, hundert Konzertsäle auf der ganzen Welt, eigentlich wird heute kaum noch ein Konzertsaal gebaut, der sich die Berliner Philharmonie zum Vorbild nimmt. So ist eben dazwischen zu bauen wirklich ganz schwierig, und deswegen haben auch schon, ich weiß nicht, tausend Architekten Pläne gemacht in den letzten 50 Jahren. Eigentlich fast alle berühmten Architekten und bedeutenden Architekten, aber auch viele einfach Interessierte haben doch Pläne gemacht. Es gibt aber keinen Idealplan. Und das ist natürlich der große Traum, dass hier irgendwann ein Idealplan entsteht. Und die Hoffnung, dass jetzt mit dem Museumsbau zumindest das Tor geöffnet wird, um ein großartiges Forum zu gestalten – denn darum geht es am Ende, es geht ja nicht nur darum, eine Nutzfläche zu bauen für die großartigen Sammlungen hier und für Herrn Pietzsch und für Herrn Marx  – die haben das angestoßen, ohne die wäre das gar nicht so gekommen –, sondern es geht am Ende darum, ein Kulturforum zu gestalten. Ein Kulturforum, das Seele hat, aber eben auch ein Platz ist, ein Raum ist, ein richtiges Forum.

Kassel: Herzlichen Dank! Der Architekt Stephan Braunfels war das über seine Vorschläge und Pläne, nicht nur zum Bau des neuen Museums der Moderne zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie, sondern dazu, diesen Neubau zu nutzen, um das ganze Kulturforum wirklich neu entstehen zu lassen und ihm – um noch einmal Hermann Parzinger zu zitieren – die Vollendung und die Seele endlich zu gönnen, die es braucht. Herr Braunfels, vielen Dank fürs Gespräch!

Braunfels: Vielen Dank auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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