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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.04.2010

Kulturelles Tauwetter?

Film von Andrzej Wajda über Massenerschießung im polnischen Katyn erstmals im russischen Fernsehen

Von Robert Baag

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Der polnische Regisseur und Oscar-Preisträger Andrzej Wajda bei der Pressekonferenz zur Premiere seines Films "Katyn" in Warschau. (AP)
Der polnische Regisseur und Oscar-Preisträger Andrzej Wajda bei der Pressekonferenz zur Premiere seines Films "Katyn" in Warschau. (AP)

Schon das Wort "Katyn" war zu Ostblockzeiten eines, das in Polen im Flüsterton gesprochen werden musste. Dass an diesem Ort 1940 Tausende von polnischen Offizieren von der russischen Armee ermordet worden waren, durfte nicht ausgesprochen werden. Drei Jahre nach seiner Premiere wurde der Film "Katyn" über die Massenerschießung nun erstmals im russischen TV gezeigt.

Sowjet-Patrioten muss schon die erste Einstellung von Andrzej Wajdas "Katyn" ins internationalistische Mark treffen. - Mitte September 1939. Ost-Polen. Auf einer Brücke stoßen zwei Flüchtlingsströme aufeinander. Die einen aus Richtung Osten, die andern aus Richtung Westen:

"Leute! Wohin lauft ihr denn? Die Deutschen sind doch hinter uns her!", rufen die aus dem Westen. - "Die Sowjets, die Sowjets haben uns überfallen, die Russen...", schreit ihm darauf jemand aus der Kolonne entgegen, die aus dem Osten kommt! Beide sitzen in der Falle.

Ein Tabu zu sowjetischer Zeit, im gesamten Ostblock. Zwei totalitäre Spießgesellen - Hitlerdeutschland und Stalins Sowjetunion -, die 1939 Polen angreifen, niederwerfen, unter sich aufteilen und damit den Zweiten Weltkrieg beginnen.

Im nach-sowjetischen Russland unter Präsident Boris Jelzin räumte die russische Führung diese unbestreitbare historische Mitschuld vor dem polnischen Volk bereits ein. Jelzin übergab damals bislang geheim gehaltene Akten - wenn auch nicht alle. Und: Er entschuldigte sich im Namen Russlands, des Rechtsnachfolgers der untergegangenen Sowjetunion.

Mit dem Antritt von Wladimir Putin als Nachfolger Jelzins begann jedoch allmählich wieder ein selektiver Geschichtsrevisionismus Einzug zu halten und die Stalin-Epoche zumindest partiell relativiert zu werden. Vor allem die Kriegszeit 1941/1945 und der unter großen Menschenopfern erkämpfte sowjetische Sieg über Nazi-Deutschland sollte als ausschließlich heldenhafte Epoche im allgemeinen russischen Bewusstsein wiederbelebt und verankert werden. Der Massenmord an rund 4000 gefangenen polnischen Offizieren 1940 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD allein im westrussischen Katyn bei Smolensk passte bei derlei verordneter Geschichtsbetrachtung nicht ins Bild.

Andrzej Wajdas "Katyn", 2007 nicht zuletzt auch im Gedenken an seinen damals in der Sowjetunion ermordeten Vater gedreht und für den Oscar nominiert, "fand" - in Anführungszeichen - in Russland keine Verleihfirma. "Zu politisch, für Unterhaltung nicht geeignet", so die bezeichnende Begründung.

Gestern Abend nun - eine veritable Sensation: Zwar nur im staatlich gelenkten "Kultur"-Kanal, einem Sender eher für die Publikums-Minderheit, doch immerhin zur besten Abend-Sendezeit kam es nach drei Jahren Wartezeit zur Erstausstrahlung - mit anschließender Diskussion. Und wer zumindest hier Polemik oder antipolnische Ressentiments erwartet hatte, ist überwiegend angenehm enttäuscht worden. - Der bekannte russische Publizist und Historiker Nikolaj Svanidze etwa, immerhin Mitglied des Kreml-adaptieren "Bürgerforums" einer Art "Ältestenrat" ohne Weisungs- und Stimmrecht, brachte die vorherrschende Stimmung des interessierten Publikums wohl am besten auf den Punkt:

"Dieser Film ist überhaupt nicht antirussisch. Das ist sein großes Plus! Allein der russische Schauspieler Sergej Garmasch als sowjetischer Offizier: Er verkörperte menschliches Heldentum, riskiert sein Leben als Retter einer polnischen Offiziersfrau und deren kleiner Tochter. Dieser Film ist nicht antirussisch! Er ist gegen das Menschenfressertum, er ist gegen die Hitlerei, er ist gegen den Stalinismus. Ein unwahrscheinlich starker Film."

Nur der Auftritt des dezidiert Putin- und Staatsmacht-affinen Starregisseurs Nikita Michalkov sorgte dann doch kurz für einen schalen Nachgeschmack. Er will demnächst selbst wieder mit einem millionenteuren Epos zum Zweiten Weltkrieg - "Von der Sonne erschöpft - Teil 2a" - auf den Leinwänden der nationalen Lichtspielhäuser Russlands präsent sein:

"Wajda ist ein großer Regisseur. Er hat einen starken Film geschaffen. Aber: Das ist ein Film, der sich aus Gekränkt-Sein speist. Das Böse ist in diesem Film gesichtslos. Der russische Offizier spielt zwar hervorragend. Aber der übrige Film zeigt in ausreichendem Maße eben nur - das Böse."

Genau darum gehe es hier doch, um die mörderischen Vernichtungmaschinen totalitärer Machtapparate, hielten ihm die meisten Diskussionsteilnehmer prompt vor. Und der Filmkritiker Jurij Bogomolov machte die eigentliche Bedeutung dieser längst überfälligen Wajda'schen "Katyn"-Premiere im russischen Fernsehen klar:

"Allein, dass dieser Film es endlich, nach drei Jahren, auf die russischen Bildschirme geschafft habe", so Bogomolov, "illustriert die Aktualität dieses Themas bei uns!"

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